Wilhelm von Scholz.
Reading edition
Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. – Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel 1902. Neue Gedichte 1913.
In einer Dämmerstunde.
Ich wohne, wo die Wolken gehn, Stillhoch in einer Dämmerstunde; Waldtiefer Bäume Wipfel stehn Um meinen Tisch in naher Runde, Die gern mein Licht im Abend sehn. Alt ist der Leuchter, der es trägt, Alt sind die Bäume, die es schauen, Die Flamm' ist alt, die sich bewegt Und flattert durch das ewige Grauen, Wenn die uralte Luft sich regt. Flüsternd umkreist die Dämmerung Mich und mein Licht, das nach ihr greift. So alt ist alles, ich so jung – Da ist's, als ob ein Wort mich streift, Das rings um mich zur Fülle reift. „Du bist so alt als alle wir –“ Sprach es das Licht, sprach es der Baum, Sprach's der zersprungne Tisch vor mir, Sprach's um mich her der Dämmertraum? Ich fühl' es dunkel jetzt und hier. Wie lächeln doch die ewigen Dinge, Wenn solch ein Strudel Erdenzeit, Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe, Aufbraust in ihrer Einsamkeit – Wie lächeln doch die ewigen Dinge! Sie lächeln mich in ihre Ruh – Nun rag' auch ich uralt vom Grunde. Du Flamme, warum zitterst du? Bist du ein Wort aus meinem Munde, Rief dich die Dämmerung mir zu? –
Abschied.
Oft, wenn die stille Mitternacht Einsam im dunkeln Parke wacht, Wenn meine Fenster offen stehn, Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet, Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn In dieser stillen Mitternacht. Doch dieser Erde weit entschwebt Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt: Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht, Der See, der über seine Ufer lauscht. In ewige Fernen treiben wir dahin: Du kennst den Ort nicht, wo ich bin In dieser stillen Mitternacht. Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß. Von Schauer wird mein Auge naß, Und tausend Wünsche werden wach. Doch schneller treibt der Park und das Gemach Hin in den fernenklaren Raum – Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum In dieser stillen Mitternacht.
Heimat.
Eine Heimat hat der Mensch, Doch er wird nicht drin geboren – Muß sie suchen traumverloren, Wenn das Heimweh ihn ergreift. Aber geht er nicht in Träumen, Geht er achtlos ihr vorüber, Und es wird das Herz ihm plötzlich Schwer bei ihren letzten Bäumen.
Abendgang.
Das ist unser schweigender Abendgang. Herbst. Blätter fallen wegentlang. Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich Und dunstig niederhängt über den Teich. Die Brücke. Trüber Laternenschein Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein. Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn Die Bäume und sehn uns weitergehn.
Der Wandrer.
Schwermütig wächst mein Frieden In Herbst und Einsamkeit. Mein Weg zur Dämmerzeit Vergraut wie abgeschieden. Ich fühle mich Gestalt Und Wesen tief vertauschen; Wildfremde Schritte rauschen Durchs Blattgewirr im Wald. Still geh' ich, schattenlos Im Grau, als wandle sich Der lange Weg in mich, Auf dem ich wurde groß. Daß ich der Wandrer bin, Der diesen Weg gegangen, Sind Worte, die verklangen, Und haben keinen Sinn.
Erde.
Das ist der Erde furchtbares Gewicht: Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten, Zu tauchen in das erdenfremde Licht, Daß sich die Meere unter dir gestalten, Winzig die Wolken unter dir verwehn, Und zitterst nicht – So fliegt die Erde auf in deine Höhn.
Ich weiß es wohl …
Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst, Wenn müde dich die Mitternacht umfängt. Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab, Schaust das unwillige Schweigen an der Wand, Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht. Dann sprichst du leise in den Kerzenschein, Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche, Meinen Namen, horchst – hörst ihn und erglühst … Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein.
Nächtlicher Weg.
Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht. Mein Mantel flattert durch die Nacht, Streift welkes Laub am Boden mit; Und wo die Äste wie Gestalten Hoch über mir die Hände halten, Folgt Zittern meinem festen Schritt. Und leis an mir herniederglitt, Als woll's im feuchten Gras erkalten, Was in mir kämpfte, rang und litt; Was ich in mir für schlecht gehalten, Das nahm die Nacht im Atem mit. Und stiller meine Schritte hallten, Wie eines fremden Freundes Tritt.
Am Söller.
In Wirbeln geht der Strom durchs Tal. Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal. Tief herbstlich naht die frühe Nacht, Die unsere einsame Fackel entfacht. Und wie die Sterne schweigend steigen, Werden der Erde wir zu eigen. Nachtdunkel hat so wilde Weisen – Wir fassen uns, uns zu umkreisen. Der Sternsaal muß sich rasend drehn In seiner Ferne. Im ganzen Raum der Welten stehn Nur deine Augensterne. Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub, Wir sind, was wir werden: Kreisende Erden, Wirbelnder Staub.