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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Richard Dehmel.

Reading edition

Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg. Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882–87 Philosophie, Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8. Februar 1920. – Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter 1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903. Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.

Die Harfe.

Unruhig steht der hohe Kiefernforst; Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen. Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst; Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen, Und dumpfer tönt mein Schritt. Hier über diese Hügel ging ich schon, Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte, Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton Die Arme hob und ins Erhabne spannte, Ihr Riesenstämme rings. In großen Zwischenräumen, kaum bewegt, Erheben sich die graugewordnen Schäfte; Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte Wie damals. Und eine steht, wie eines Erdgotts Hand In fünf gewaltige Finger hochgespalten; Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand Und langt noch höher als die starren alten Einsamen Stämme. Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf, Als wollten sie sich aneinanderzwängen; Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf, Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen Einer verwunschnen Harfe. Und von der Harfe kommt ein Himmelston Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen. Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon: Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen: Komm, Sturm, erhöre mich! Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt, Die mächtig ganz in meine würde passen! Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt! Die ganze Hand, die konnte niemand fassen! Da ballt' ich sie zur Faust. Ich habe mit Inbrünsten jeder Art Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt: Nur eine Inbrunst läßt sich treu ertragen: Zur ganzen Welt. Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst! Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben. In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst; Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben, Welt! –

Sommerabend.

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert. Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton, Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde; Im stillen Walde steht die Dämmrung schon, Der Hirte sammelt seine satte Herde. Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!

Aus banger Brust.

Die Rosen leuchten immer noch, Die dunkeln Blätter zittern sacht; Ich bin im Grase aufgewacht, O kämst du doch, Es ist so tiefe Mitternacht. Den Mond verdeckt das Gartentor, Sein Licht fließt über in den See, Die Weiden warten still empor, Mein Nacken wühlt im feuchten Klee; So liebt' ich dich noch nie zuvor! So hab' ich es noch nie gewußt, So oft ich deinen Hals umschloß Und blind dein Innerstes genoß, Warum du so aus banger Brust Aufstöhntest, wenn ich überfloß. O jetzt, o hättest du gesehn, Wie dort das Glühwurmpärchen kroch! Ich will nie wieder von dir gehn! O kämst du doch! Die Rosen leuchten immer noch.

Richard Dehmel

Illustration from Deutsche Lyrik seit Liliencron

Ein Stelldichein.

So war's auch damals schon. So lautlos Verhing die dumpfe Luft das Land, Und unterm Dach der Trauerbuche Verfingen sich am Gartenrand Die Blütendünste des Holunders; Stumm nahm sie meine schwüle Hand, Stumm vor Glück. Es war wie Grabgeruch … Ich bin nicht schuld! Du blasses Licht da drüben im Geschwele, Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch – Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele! Was starrst du mich so gottesäugig an? Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle Ich mich mit fremdem Unglück ab … Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken, Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch, Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken. Still hängt das Laub am feuchten Strauch, Als hätten alle Blätter Gift getrunken; So still liegt sie nun auch. Ich wünsche mir den Tod.

Ein Grab.

Das sind die Abende, die bleich verfrühten. Die Georginen, die im Sonnenscheine Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten, Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine. Der Nebel klebt an unsern Hüten. Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz Umgittert eine, die zu früh verblich. Komm heim; mich friert. Sie liebte mich. Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Stiller Gang.

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. Vorbei.

Die stille Stadt.

Liegt eine Stadt im Tale, Ein blasser Tag vergeht; Es wird nicht lange dauern mehr, Bis weder Mond noch Sterne, Nur Nacht am Himmel steht. Von allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt; Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken. Doch als den Wandrer graute, Da ging ein Lichtlein auf im Grund; Und durch den Rauch und Nebel Begann ein leiser Lobgesang Aus Kindermund.

Manche Nacht.

Wenn die Felder sich verdunkeln, Fühl' ich, wird mein Auge heller; Schon versucht ein Stern zu funkeln, Und die Grillen wispern schneller. Jeder Laut wird bilderreicher, Das Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher, Jeder Wipfel hebt sich klarer. Und du merkst es nicht im Schreiten, Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.

Geheimnis.

In die dunkle Bergschlucht Kehrt der Mond zurück. Eine Stimme singt am Wassersturz: O Geliebtes, Deine höchste Wonne Und dein tiefster Schmerz Sind mein Glück –

Morgenstunde.

Ob du wohl auch so schlaflos liegst Und dich in wachen Träumen wiegst, Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt? Ich starr ins dunkle Firmament: Der Morgenstern, in großem Bogen, Ist langsam längst heraufgezogen Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt. Vor meinen schwachen Augen – Nun weiß ich doch, zu was sie taugen – Strahlt er, je höher her, je flimmernder. Weihnächtig glänzt die graue Stille. O zögre, Alltag! Ohne Brille Sieht man die Welt unendlich schimmernder. Schon aber glitzert sein Gezitter blasser; Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser, Die du mir gestern heimlich brachtest. Und wenn du mich dafür auslachtest: Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte Und leg' sie auf mein warmes Bette Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.

Erhebung.

Gib mir nur die Hand, Nur den Finger, dann Seh' ich diesen ganzen Erdkreis Als mein Eigen an! O, wie blüht mein Land! Sieh dir's doch nur an, Daß es mit uns über die Wolken In die Sonne kann!

Bewegte See.

Noch einmal so! Im Nebel durch den Sturm: Das Segel knatterte, die Schiffer schrien, Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm, Ich fühlte deine Angst in meinen Knien Und sah dein stolz und fremd Gesicht. Noch einmal wollte mir dein Auge drohn, Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde, Doch in den Wellen rang ein Ton Wie das Gewein von einem Kinde – Da wehrtest du mir nicht: Um meine Lippen lag dein naß wild Haar, Um deine Schulter lag mein Arm gezogen, Und unsern Kuß versüßte wunderbar Der Schaum der salzigen Sturzwogen – Da schrie ich laut vor Freude auf. Noch einmal so! Was tust du jetzt so kalt, Hast du denn Furcht vorm offnen Meere! Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald! Im Hafennebel tanzt die Fähre – Hinaus! hinauf!

Nachtgebet der Braut.

O mein Geliebter – in die Kissen Bet' ich nach dir, ins Firmament! O könnt' ich sagen, dürft' er wissen, Wie meine Einsamkeit mich brennt! O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! O laß ihn mir im Traume nahn, Mich wie die Erde um ihn schwingen Und seinen Sonnenkuß empfahn Und seine Flammenkräfte trinken, Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, O Welt, bis wir zusammensinken In überirdischem Erglühn! O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! O Traum der Erde: Sonne, Sonne! O mein Geliebter – mein Gemahl –

Ideale Landschaft.

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, Und eine hohe Abendklarheit war, Und sahst nur immer weg von mir, Ins Licht, ins Licht – Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.

Aus „Zwei Menschen“.

I, 1.

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; Der Mond läuft mit, sie schaun hinein. Der Mond läuft über hohe Eichen; Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht, In das die schwarzen Zacken reichen. Die Stimme eines Weibes spricht: Ich trag' ein Kind, und nit von dir, Ich geh' in Sünde neben dir. Ich hab' mich schwer an mir vergangen. Ich glaubte nicht mehr an ein Glück Und hatte doch ein schwer Verlangen Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht, Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht Von einem fremden Mann umfangen, Und hab' mich noch dafür gesegnet. Nun hat das Leben sich gerächt: Nun bin ich dir, o dir, begegnet. Sie geht mit ungelenkem Schritt. Sie schaut empor; der Mond läuft mit. Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht. Die Stimme eines Mannes spricht: Das Kind, das du empfangen hast, Sei deiner Seele keine Last, O sieh, wie klar das Weltall schimmert! Es ist ein Glanz um alles her; Du treibst mit mir auf kaltem Meer, Doch eine eigne Wärme flimmert Von dir in mich, von mir in dich. Die wird das fremde Kind verklären, Du wirst es mir, von mir gebären. Du hast den Glanz in mich gebracht, Du hast mich selbst zum Kind gemacht. Er faßt sie um die starken Hüften. Ihr Atem küßt sich in den Lüften. Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

I, 16.

Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel. Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel: Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin. Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel. Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel. Jetzt reckt er das Kinn: Lea! seit meinen Jugendjahren Bin ich nicht so im Fluge gefahren, So rasend noch nie. Aber noch rasender war's gestern morgen, Als ich im Sturm deinen Namen schrie Und, als wäre mein Gott drin verborgen, Mit ihm rang um dich, Knie an Knie: Schleife mich, Sturmgott, um die Erde, Sei sie unrein, sei sie rein! Gönne mir nur kein Glück am Herde, Hingerissen will ich sein! – Sage mir, du, ich frage dich: schreit Dein Gott auch so meinen Namen? Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen? Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?! Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon. Die Zügel schlackern; die Bügel bäumen schon. Das Weib umschlingt ihn fallbereit: Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn! Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen Dagelegen wie zerbrochen Und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen! Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen! Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste, Als ob es die Sonne blind machen müßte! Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche, Und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche, Ich lasse mich wiegen, du – wiegen – wiegen – Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel. Zwei Menschen glauben sich im Himmel.

I, 23.

Kaminfeuer und Morgenrotschimmer Schmücken ein hohes Damenzimmer. Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide Ihre nackten Arme beide Vor einem Mann breit in die Luft Und lacht, umschwebt von Mandelduft: Ich glaub', ich bin noch immer schön; Mein Kind hat mir nichts weggenommen. Und hättst mich eben baden sehn, Du wärst mit mir gen Himmel geschwommen! Was stehst denn wieder wie im Schlaf? O Lux, was bist du für ein – Schaf! Er lächelt eigen, sie merkt es nicht: Er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht. Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell. Er fragt halbhell: Schönheit? – das ist mir nichts als Hülle Um irgend eine Liebreizfülle. Der Reiz zur Liebe und zum Leben, Wenn den die Reize einer Gestalt Mir wie aus eigner Seele eingeben, Dann bin ich – schön in ihrer Gewalt; Sonst sind sie angeflogne Schäume, Nachwehen toter Künstlerträume. Du würdest ja Raffael nicht entzücken: Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen. Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen. Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken Taugen zu keiner klassischen Ode, Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode. Aber – jetzt will ich die Augen zudrücken, Will nichts mehr fühlen als deinen Bann, Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne; Und wärst du die durchtriebenste Dirne, Du wirst mir eine Heilige dann – Prüfend blicken zwei Seelen einander an.

II, 28.

Und es rauscht nur und weht. Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen; Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen, Die blaue Glut, die stumm und stet Die Dünen umschlingt. Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden. Die Seele eines Weibes singt: O laß mich still so liegen, An deiner Brust, die Augen zu. Ich sehe zwei Wolken fliegen, Die eine Sonne wiegen; Wo sind wir, du? – Und es rauscht und weht. Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern. Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern, Der über den bleichen wilden Hügeln steht Und golden schwingt. Die Seele eines Mannes singt: Still, laß uns weiterfliegen, Beide die Augen zu. Ich sehe zwei Meere liegen, Die einen Himmel wiegen. O du – Es rauscht, es weht; Über die heißen Höhenzüge geht Höher und höher der goldne Schein Ins Blaue hinein, Wo das Dunkel schwebt. Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen, Kommt die Einsamkeit gezogen. Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt, Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden, Die will uns wohl endlich leibeigen werden: Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen, Menschenherzen! – Zwei Seelen singen –

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