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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Paul Zech.

Reading edition

Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. – Schollenbruch 1912. Die eiserne Brücke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. Venus consolatrix 1921.

Die Häuser haben Augen aufgetan …

Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind und mauerhart in dem Vorüberspülen gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen gekühlten Tau und geisterhaftes Blau. Die Häuser haben Augen aufgetan, Stern unter Sternen ist die Erde wieder, die Brücken tauchen in das Flußbett nieder und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn. Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch, die Wipfel wehen fort wie träger Rauch und Täler werfen Berge ab, die lange drückten. Die Menschen aber staunen mit entrückten Gesichtern in der Sterne Silberschwall und sind wie Früchte reif und süß zum Fall.

Bettler im Spätherbst.

Den leeren Ranzen lässig umgesackt und grünen Filzhut windschief auf den Strähnen, so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes Gähnen rauchwirbelnd über feuchte Dächer flackt. Er probt mit langen Fingern, die von Gicht krummstehn, das Tür-an-klopfen, und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen und setzt in Kummerfalten das Gesicht. Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen und Tor an Tor knirscht krachend im Verschluß .... Armselig, wer nun wandern, wandern muß. Man wirft aus Fenstern Fäuste jähzornschwer, und hetzt Gebrüll von Hunden hinterher. … Der Nebel gittert graue Eisgardinen.

Dorf im Mittag.

Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn. Doch die steil abgeschrägten Dächerziegel halten die Hitze unter rotem Siegel zitternd von aller Kühle fern. Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen in den verbleiten Horizont empor. Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen, und des Gesindes abgespannte Mienen beschattet tief des Schlafes Flor, bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil in angestrengtem Vorwärtsschnellen die Luft zerschneidet, messerscharf und steil.

Es kam ein Wind …

Es kam ein Wind von Frühlingsland, der riß vom Strom das Silberband und ließ die blauen Schimmerwellen tanzen. Da fiel der Nebel wie zerschlitzt ins Uferrohr, das, rot beglitzt, emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen. Und alle Wiesen wurden wasserfrei, Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei, bis, losgelassen von den Farmen, die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein, als müßten sie im Fliegen noch den Stein vor lauter Blut umarmen.

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