Otto Julius Bierbaum.
Reading edition
Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin, München, war Redakteur der „Neuen deutschen Rundschau“, des „Pan“ und der „Insel“ und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910 starb. – Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894. Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte 1907.
Tanzlied.
Es ist ein Reihen geschlungen, Ein Reihen auf dem grünen Plan, Und ist ein Lied gesungen, Das hebt mit Sehnen an, Mit Sehnen, also süße, Daß Weinen sich mit Lachen paart: Hebt, hebt im Tanz die Füße Auf lenzeliche Art!
Max Dauthendey

Freundliche Vision.
Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt, Hell am Tage sah ich's schön vor mir: Eine Wiese voller Margeriten; Tief ein weißes Haus in grünen Büschen; Götterbilder leuchten aus dem Laube. Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat, Ruhigen Gemütes in die Kühle Dieses weißen Hauses, in den Frieden, Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.
Die Kranke.
Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank; Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer. Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft, Das von der Feder, die es trieb und hielt, Gelöst ward. – Ach, sie pflegen mich so lieb, Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei. Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil. Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind, Wie meine Blumen, die im Garten sind.
Im Wirbel fort.
Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar. Ein Färblein rosarot dazwischen war, Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr, Und es war Mai. So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein Umfädelte der sanfte Sonnenschein; Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n. Die Knospe sprang. Ich hätte gern in Treuen sie gehegt, Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt, Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt. Wem blüht sie nun?
Gigerlette.
Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee, Ihre Toilette War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan. Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an. War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit. Nie vergess' ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweiß war sie. Und im Trab mit Vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren, Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Saß bei dem Kutschieren Mit den heißen Vieren Amor hinten auf.
Traum durch die Dämmerung.
Weite Wiesen im Dämmergrau! Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn: Nun geh' ich zu der schönsten Frau, Weit über Wiesen im Dämmergrau, Tief in den Busch von Jasmin. Durch Dämmergrau in der Liebe Land; Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht; Mich zieht ein weiches, samtenes Band Durch Dämmergrau in der Liebe Land, In ein blaues, mildes Licht.
Jeannette.
Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank, Und mittendrin ein Mädel schlank, Meine lustige, liebe Jeannette. Braune Augen hat sie, wunderbar, In wilden Ringeln hellbraunes Haar, Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, – Jeannette! Jeannette! Am Fensterbrett ein Efeu steht, Durchs grüne Geranke die Liebe späht, Meine lustige, liebe Jeannette. Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind. Alleine wir beiden, es singt der Wind Das Lied von zweien, die selig sind, – Jeannette! Jeannette!
Die schwarze Laute.
Aus dem Rosenstocke Vom Grabe des Christ Eine schwarze Laute Gebauet ist; Der wurden grüne Reben Zu Saiten Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So erossüß, so jesusbang, Die schwarze Rosenlaute. Ich hörte sie singen In mailichter Nacht, Da bin ich zur Liebe In Schmerzen erwacht, Da wurde meinem Leben Die Sehnsucht Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So jesussüß, so erosbang, Die schwarze Rosenlaute.
Oft in der stillen Nacht.
Oft in der stillen Nacht, Wenn zag der Atem geht Und sichelblank der Mond Am schwarzen Himmel steht, Wenn alles ruhig ist Und kein Begehren schreit, Führt meine Seele mich In Kindeslande weit. Dann seh' ich, wie ich schritt Unfest mit Füßen klein, Und seh' mein Kindesaug' Und seh' die Hände mein, Und höre meinen Mund, Wie lauter klar er sprach, Und senke meinen Kopf Und denk' mein Leben nach: Bist du, bist du allweg Gegangen also rein, Wie du gegangen bist Auf Kindesfüßen klein? Hast du, hast du allweg Gesprochen also klar, Wie einsten deines Munds Lautleise Stimme war? Sahst du, sahst du allweg So klar ins Angesicht Der Sonne, wie dereinst Der Kindesaugen Licht? Ich blicke, Sichel, auf Zu deiner weißen Pracht; Tief, tief bin ich betrübt Oft in der stillen Nacht.