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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Alfred Wolfenstein.

Reading edition

Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. – Die gottlosen Jahre 1914. Die Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919.

Städter.

Nah wie Löcher eines Siebes stehn Fenster beieinander, drängend fassen Häuser sich so dicht an, daß die Straßen Grau geschwollen wie Gewürgte sehn. Ineinander dicht hineingehakt Sitzen in den Trams die zwei Fassaden Leute, wo die Blicke eng ausladen Und Begierde ineinanderragt. Unsre Wände sind so dünn wie Haut, Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine. Flüstern dringt hinüber wie Gegröle – Und wie stumm in abgeschloßner Höhle Unberührt und ungeschaut Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

Tanz.

I.

Sie wirbelt weich Die Hände schwingend vor .. Sie rollt auf Zehen starr zurück: Steht gipfelnd von Musik umflossen, Silbern sichtbar in die Luft gegossen! Sie schmilzt hinab Und hebt zu kreisen an Um ihrer Seele stillsten Punkt, Wie Schnee, um sein Gebirge fließend, In immer weichere Hand sich gießend, Wie Wasser weiß .. Dick schwellen aus der Wand Der Lampen blutige Fäden an Und sinken plötzlich ..: Sie steht funkelnd Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln!

II.

Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis, Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz, Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis – Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz. Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz, Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß, Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz! Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier! Da wirft sie sich in Lüfte fort – Doch immer schwingt Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr, Daß jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt. Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr, Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt, Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier, Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt.

III.

So flieh, enttanze In dich! du Unsichtbare! Wie ein rasendes Rad innen schwindet – Schon hüllen Wellen dich und bleichen Die Gier, im Saale sitzen Leichen – Du, neu geboren Auf einen andern Stern hin! In eignen immer wildren Sturmleib, In Fuß und Brust und Stirn verflogen, Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen. Und fließt zusammen Mit sich – und fühlt nur Tanzen, Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen – Es hebt sie einsames Gefieder Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.

Musik des Kämpfers.

Von Stern zu Stern Wie an schwankenden Ringen Sausen wir durch die Welt. Vom Dunkel zur Freundschaft, Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen Wir uns durch die Erde. Aber das steigt nicht Vom Seufzen zum Singen: Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht. Wie Sturm, Blitz und Fluß Miteinander verschlingen Sich ewig in uns, ewig zugleich: Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand, Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen, Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns! Drei Gewalten, die um jedes Kämpfers Seele miteinander ringen, Heben ihn nur himmlisch über sich empor! Schöpfung kreist Aus ihrem An-einander-klingen: Aus Musik des Kämpfers wächst rings Gottes Geist.

Nacht im Dorfe.

Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt, Stöhnt mein Mund, Ich an Lärmen unruhig gewöhnt, Starre suchend rund: Berge von Bäumen behaart ruhn Schwarz wüst herein, Was ihre Straßen nun tun, Äußert kein Schein, kein Schrei'n. Aber ein wenig sich zu irrn Wünscht, wünscht mein Ohr! Schwänge nur eines Käfers Schwirrn Mir ein Auto vor. Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt, Doch im gewölbten Haus Nichts als Sterne und hohlen Mond – Halt ich nicht aus – Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt, Fremd, fremd und nah – Durch den See noch näher geschwellt Liegt es lautlos da. Aber glaubt mich nicht schwach. Daß ich – soeben die Stadt noch gehaßt, Nun das Land flieh –: es ist nur die Nacht, Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt – Wie du tot oder tausendfach unbekannt Mein schwarzes Bett umlangst, Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand, Gottlose Angst –

Fahrt.

Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell – O Einklang aller Füße langsam – Füße schnell! Die Herzen schlagen Auf blanker Schiene mit den Wagen. Wir sind ein Schwarm dem spröden Schritt der Städte fern! Ihr Häuser fort! mit uns fährt eisern nur der Stern. Die Dörfer blinken, Von unserm Sturm verlöscht versinken. Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt! Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt. Gebirge gleiten In Seen .. ins Meer der Schnelligkeiten. Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer Mit einem Atem dampfen wir darüber her Und brausend sehen Wir brausendere Sterne stehen .. Seht auf, seht auf .. da steigt und schreit und hebt der Zug Uns hoch in Glanz .. das Gleis verstummt .. die Nacht wird Flug .. Wir alle flammen Im wildren Schmelz des Sterns zusammen! Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest, Wir fahren noch .. ins muffige Hotel gepreßt! Aus Fenstern neigen Wir uns und sausen Sternenreigen.

Die Stirn.

Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer, Aber durchbrechend sein Dach Sproßt mein Auge frei hinaus, indes die Hüften tiefer Stehen in Wiese und Luft, grünem und blauem Gemach! Aber durchbrechend das Dach – in welchen Räumen Wächst mein Haupt? Unten in Meer Und Wald und irdischen Maschinen schäumen Die Dinge lärmend und schwer – Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wänden, Wie ein bescheidenes Spiel! Aber riesig über Himmelsschultern, Bergeslenden, Schwebt die Stirn, – Sonne auf schmächtigem Stiel, Drache, unerschöpflich über seinen Hälsen, Mond über Ebbe und Flut, Hochgebirg über allen Felsen, Reicht die Stirn in jede Glut! In das Schicksal reicht die Stirn – und kann nicht siegen, Aber singen! – bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz, Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen, Bis sie hoch in den Sternen – mit Menschen sich trifft im Tanz.

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