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Deutsche Lyrik seit Liliencron

René Schickele.

Reading edition

Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). – Die Leibwache 1914. Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.

Der Knabe im Garten.

Ich will meine bloßen Hände aneinander legen Und sie schwer versinken lassen, Da es Abend wird, als wären sie Geliebte. Maiglocken läuten in der Dämmerung, Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns, Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen. Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen, Die Syringen quellen aus den Büschen, Eine helle Rose schmilzt am Boden … Wir alle sind einander gut. Draußen durch die blaue Nacht Hören wir gedämpft die Stunden schlagen.

Wenn es Abend wird.

Die Engel der Liebkosung steigen nieder, Von weitem kommen deine Hände wieder, Und deine Augen sind so mild, so weit, Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren. Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine Worte sangen, Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt brünstiges Verlangen, Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll Dunkel waren. Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten, Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel warten. Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen, Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht dein Kommen, Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht. O wunderbare Trunkenheit!

Ferne Musik.

Die glatten, leisen, Lustwarmen Weisen, Die sich verschlingen Und im Reigen singen Von Sommertagen, Erinnern mich Schweren, Wie auf Blumenfähren Mit glänzenden Wangen Frauen sangen, Von Bläue getragen, Und daß am Ende Der Fahrt die Hände, Die blitzend bewegten, Sich nicht mehr regten Und entgeistert lagen In jedem Schoß, So sehnsuchtslos, Die Umarmungen boten, Wie die Steine der Toten Im Mondlicht ragen.

Erwartung im Garten.

Hab ich doch alles nun geküßt, Die Blumen, die Gräser und Den zitternden Sperling in meiner Hand, Den Tau der sanften Kressen Und selbst die Wolken am Himmel, – Kommst Du noch immer nicht?

Lea.

Wir hielten uns umschlungen In unserm großen Haß, Ich hab dir schwören müssen, Daß ich von dir nie laß. Wir hielten uns umschlungen In unsrer großen Lust, Du hast mir zugeschrieen, Daß du mich lieben mußt. Dann hobst du dich und standest, Gelöst war unser Bund, Und sprachst die Abschiedsworte Mit nie geküßtem Mund.

Die Leibwache.

Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut, Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt Wie eine große Glorie innerlicher Glut. Darin ist alles das enthalten, was die Väter, Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht, Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt. Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall Und Festung, die mich überall umgibt, Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt, Damit in meiner Augen Nähe kommt Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt, Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt; Und was es tiefer noch verankert in den Grund, Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin. Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren! Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren, Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit, Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt. Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her, Sie liegen da, die Zügel umgehängt, Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer, Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt, Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen In meinem Körper bebt wie Niederfallen Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül. Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl! Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt In mir und jeder Kreatur, Rakete um Rakete in den Himmel schießt, Im Dunkel still steht jede Uhr. Und klare Meere spiegeln lichte Sterne, Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne, Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land, Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand. Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut, Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut. Darin ist alles das enthalten, was die Väter, Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.

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