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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Max Dauthendey.

Reading edition

Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java. – Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub 1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des großen Krieges Not 1915.

Laß mich in deinem stillen Auge …

Laß mich in deinem stillen Auge ruhen, Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden. Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick, Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend. Vom dunkeln Horizont der Erde Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel, In deinem Auge endet meine Erde.

Graue Engel …

Graue Engel gehen um mich, Sehen trauernd auf dich, meine Seele, Sie stehen mit lahmen Flügeln An Aschenhügeln und sinnen; Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.

Am süßen lila Kleefeld …

Am süßen lila Kleefeld vorbei, Zu den Tannen, den zwei, Mit der Bank inmitten, Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut Der sanfte Fjord, Blau im Schilfgrün ausgeschnitten. Gib mir die Hand. Die beiden Tannen stehen so still, Ich will dir sagen, Was die Stille rings verschweigen will. Gib mir die Hand … Gib mir in deiner Hand dein Herz.

Winde quälen die Bäume …

Winde quälen die Bäume, Die Blätter frieren und gilben. Menschen, noch braun die Sommerwangen, Aber die Lippen sangen die letzten Silben. Bald ist das Lied zergangen.

Die Amseln haben …

Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder. Nun wachsen der Erde die großen Flügel, Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen. Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen.

Die Luft so schwer …

Die Luft so schwer, Wolken stehen weiß und still, Der Himmel hohl und aschenleer, Ein Rabenschrei –, Und kreischt vorbei. Die Bäume stehen kalt umher, Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.

Auf deinem Haupt …

Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone, Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz. Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied Der tiefen ungeweinten Tränen. Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen? Man könnte wähnen, Du habest nie dich selbst gesehn, So arm bist du.

In deinem Angesicht …

In deinem Angesicht Schwebt Stille. Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt, Auf abendblauem Berge, Und im Blumenkelche. Eine Stille, warm und licht, Die ohne Laut vornehme Laute spricht.

Unsere Augen …

Unsere Augen so leer, Unsere Küsse so welk, Wir weinen und schweigen, Unsere Herzen schlagen nicht mehr. Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer Die Schwalben scheiden, Sie kommen wieder, Aber nie mehr uns beiden.

Stille weht …

Stille weht in das Haus, Fühlst du den Atem des Mondes, Löse dein Haar, Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus. Hörst du, das Meer unten am Strand Wirft die Schätze ans Land; Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer, Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.

Die Sommernacht …

Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen. Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen, Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen, Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen. Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht, Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde. Und immer kommt und geht darin der Mond Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht. Doch auszudenken, daß wir müde einst Für immer gehn, unwissend mit uns selbst.

Drinnen im Strauß.

Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß, Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus. Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen, Und leicht schwebt über der goldenen Helle Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle. Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß, Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus.

Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein.

Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen, Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein; Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen, Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen. Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein, Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen. Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.

Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.

Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht: Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht. Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf, Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf. Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan, Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann. Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten Vom Tag und von Gedanken und von Taten. Und alle Dinge sind stumm und verblichen, Als wären sie verstohlen ausgewichen. Sie alle haben nur verschwinden müssen, Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen.

Der Mond ist wie eine feurige Ros'.

Der Mond geht groß aus dem Abend hervor, Steht über dem Schloß und dem Gartentor Und läßt sanft glühend die Erde los. Der Mond ist wie eine feurige Ros', Die meine Liebste im Garten verlor. Mein Schatten an den steinernen Wänden Geht hinter mir wie ein dienender Mohr. Ich werde den Mohren hinsenden, Er hebe die Rose vorsichtig auf Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

Nachtstürme reiten die Bäume krumm.

Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen, Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen. Am Himmel gehen Nebel und Nässe um, Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm. Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren, Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren. Die Geliebte ging weit in den Nebel fort, Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.

Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?

Wer hat die Wolken zerbeult? Wer heult vom Berg wie von einem Turm? Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm? Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß? Wem ist seine Qual hell wütend Genuß? Und wer verflucht sich finster und stier? Ist es die Nacht? Oder ein Stück Schatten von mir?

Die Berge werden wie dunkle Kissen.

In der gelben und grünlichen Abendhelle Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle. Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle. Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen. Sie kommen und gehen in kurzen Pausen, Als ob da Schritte ohne Menschen hausen. Die Berge werden wie dunkle Kissen, Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen. Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.

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