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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Rainer Maria Rilke.

Reading edition

Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. – Erste Gedichte 1895. Frühe Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.

Ernste Stunde.

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, Ohne Grund weint in der Welt, Weint über mich. Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, Ohne Grund lacht in der Nacht, Lacht mich aus. Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, Ohne Grund geht in der Welt, Geht zu mir. Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, Ohne Grund stirbt in der Welt, Sieht mich an.

Die Blinde.

Der Fremde: Du bist nicht bang, davon zu sprechen? Die Blinde: Nein. Es ist so ferne. Das war eine andre. Die damals sah, die laut und schauend lebte, Die starb. Der Fremde: Und hatte einen schweren Tod? Die Blinde: Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen. Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt. Der Fremde: Sie war dir fremd? Die Blinde: – Oder: sie ist's geworden. Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. – Doch es war schrecklich in den ersten Tagen. Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt, Die in den Dingen blüht und reift, War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen, Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag Wie aufgewühlte Erde offen da und trank Den kalten Regen meiner Tränen, Der aus den toten Augen unaufhörlich Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln, Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen. Und mein Gehör war groß und allem offen. Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind: Die Zeit, die über meine Haare floß, Die Stille, die in zarten Gläsern klang, Und fühlte: nah bei meinen Händen ging Der Atem einer großen weißen Rose. Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht Und glaubte einen hellen Streif zu sehn, Der wachsen würde wie ein Tag; Und glaubte auf den Morgen zuzugehn, Der längst in meinen Händen lag. Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer Hinunterfiel vom dunklen Gesicht, Der Mutter rief ich: „Du, komm her! Mach Licht!“ Und horchte. Lange, lange blieb es still, Und meine Kissen fühlte ich versteinen, – Dann war's, als säh ich etwas scheinen: Das war der Mutter wehes Weinen, An das ich nicht mehr denken will. Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum: Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum Mir vom Gesicht und von der Brust. Du mußt ihn heben, hochheben, Mußt ihn wieder den Sternen geben; Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir. Aber sprech ich zu dir, Mutter? Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter? Wer ist denn hinter dem Vorhang? – Winter? Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag! Oder: Tag? … Tag! Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein? Fehl ich denn nirgends? Fragt denn niemand nach mir? Sind wir denn ganz vergessen? Wir? … Aber du bist ja dort; Du hast ja noch alles, nicht? Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht, Ihm wohlzutun. Wenn deine Augen ruhn Und wenn sie noch so müd waren, Sie können wieder steigen. … Meine schweigen. Meine Blumen werden die Farbe verlieren. Meine Spiegel werden zufrieren. In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen. Meine Vögel werden in den Gassen Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden. Nichts ist mehr mit mir verbunden. Ich bin von allem verlassen. – Ich bin eine Insel. Der Fremde: Und ich bin über das Meer gekommen. Die Blinde: Wie? Auf die Insel? … Hergekommen? Der Fremde: Ich bin noch im Kahne. Ich habe ihn leise angelegt – An dich. Er ist bewegt: Seine Fahne weht landein. Die Blinde: Ich bin eine Insel und allein. Ich bin reich. Zuerst, als die alten Wege noch waren In meinen Nerven, ausgefahren Von vielem Gebrauch: Da litt ich auch. Alles ging mir aus dem Herzen fort, Ich wußte erst nicht wohin; Aber dann fand ich sie alle dort, Alle Gefühle, das, was ich bin, Stand versammelt und drängte und schrie An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten. Alle meine verführten Gefühle … Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen, Aber ich weiß von den Wochen, Da sie alle zurückkamen gebrochen Und niemanden erkannten. Dann wuchs der Weg zu den Augen zu. Ich weiß ihn nicht mehr. Jetzt geht alles in mir umher, Sicher und sorglos; wie Genesende Gehn die Gefühle, genießend das Gehn, Durch meines Leibes dunkles Haus. Einige sind Lesende Über Erinnerungen; Aber die jungen Sehn alle hinaus. Denn wo sie hintreten an meinen Rand, Ist mein Gewand von Glas. Meine Stirne sieht, meine Hand las Gedichte in anderen Händen. Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt, Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit Aus den täglichen Wänden. Ich muß nichts mehr entbehren jetzt, Alle Farben sind übersetzt In Geräusch und Geruch. Und sie klingen unendlich schön Als Töne. Was soll mir ein Buch? In den Bäumen blättert der Wind; Und ich weiß, was dorten für Worte sind, Und wiederhole sie manchmal leis. Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht, Findet meine Augen nicht … Der Fremde (leise): Ich weiß.

Herbst.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, Als welkten in den Himmeln ferne Gärten; Sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde Aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Der Schauende.

Ich sehe den Bäumen die Stürme an, Die aus laugewordenen Tagen An meine ängstlichen Fenster schlagen, Und höre die Fernen Dinge sagen, Die ich nicht ohne Freund ertragen, Nicht ohne Schwester lieben kann. Da geht der Sturm, ein Umgestalter, Geht durch den Wald und durch die Zeit, Und alles ist wie ohne Alter: Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter, Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit. Wie ist das klein, womit wir ringen, Was mit uns ringt, wie ist das groß; Ließen wir, ähnlicher den Dingen, Uns so vom großen Sturm bezwingen, – Wir würden weit und namenlos. Was wir besiegen, ist das Kleine, Und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewige und Ungemeine Will nicht von uns gebogen sein. Das ist der Engel, der den Ringern Des Alten Testaments erschien: Wenn seiner Widersacher Sehnen Im Kampfe sich metallen dehnen, Fühlt er sie unter seinen Fingern Wie Saiten tiefer Melodien. Wen dieser Engel überwand, Welcher so oft auf Kampf verzichtet, Der geht gerecht und aufgerichtet Und groß aus jener harten Hand, Die sich, wie formend, an ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte Von immer Größerem zu sein.

Von den Fontänen.

Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen, Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas. Ich könnte reden wie von eignen Tränen, Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen, Einmal vergeudete und dann vergaß. Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen Zu vielen Dingen und in das Gedränge? Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen Im Aufstieg alter Parke vor den weichen Erwartungsvollen Abenden, – in bleichen Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen, Die überfließen aus der Melodie Und wirklich werden und als müßten sie Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen? Ich muß mich nur erinnern an das alles, Was an Fontänen und an mir geschah, – Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles, In welcher ich die Wasser wiedersah: Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten, Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten, Von Teichen, welche nur die Uferkanten Schwachsinnig und verschoben wiederholten, Von Abendhimmeln, welche von verkohlten Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten, Sich anders wölbten, dunkelten und taten, Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint … Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint Und sich verschließt gegen die Nachbargloben? Daß sich die Welten nur noch wie verweint Im Raum erkennen? – Vielleicht sind wir oben In Himmel andrer Wesen eingewoben, Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen, Nachbaren eines Gottes, den sie meinen In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen, An den sie glauben und den sie verlieren, Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren Suchenden Lampen, flüchtig und verweht, Über unsere zerstreuten Gesichter geht …

Die Entführung.

Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen Entwichen, um die Nacht und den Wind (Weil sie drinnen so anders sind) Draußen zu sehn an ihrem Beginnen; Doch keine Sturmnacht hatte gewiß Den riesigen Park so in Stücke gerissen, Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß, Da er sie nahm von der seidenen Leiter Und sie weitertrug, weiter, weiter: Bis der Wagen alles war. Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen, Um den verhalten das Jagen stand Und die Gefahr. Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen; Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr. Sie kroch in ihren Mantelkragen Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier, Und hörte fremd einen Fremden sagen: Ichbinbeidir.

Fragmente aus verlorenen Tagen.

Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn Und immer schwerer werden, wie im Fallen: Die Erde saugt aus ihren langen Krallen Die mutige Erinnerung von allen Den großen Dingen, welche hoch geschehn, Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht Am Boden halten – Wie Gewächse, die, Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen, In schwarzen Schollen unlebendig licht Und weich und feucht versinken und versiechen, Wie irre Kinder, – wie ein Angesicht In einem Sarg, – wie frohe Hände, welche Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, – Wie Hilferufe, die im Abendwind Begegnen vielen dunklen großen Glocken, – Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, Wie Gassen, die verrufen sind, – wie Locken, Darinnen Edelsteine blind geworden sind, – Wie Morgen im April Vor allen vielen Fenstern des Spitales: Die Kranken drängen sich am Saum des Saales Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles Macht alle Gassen frühlinglich und weit; Sie sehen nur die helle Herrlichkeit, Welche die Häuser jung und lachend macht, Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt, Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist, Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust Und der den Dingen alle Bürde Von ihren Schultern nimmt, – Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt, Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust, Die jeden von den Kranken würgen würde Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. – … Wie lange Nächte in verwelkten Lauben, Die schon zerrissen sind auf allen Seiten Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten, Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, – Wie nackte Mädchen, kommend über Steine, Wie Trunkene in einem Birkenhaine, – Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen. Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen Und dann versterben, so daß keiner je Abwenden könnte das verhängte Weh, Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen, Und dann vom Übermut in großem Bogen Hinausgestreut in den verwehten Schnee, – Wie eine Erde, die nicht kreisen kann, Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren, Wie ein erschlagener verscharrter Mann, Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, – Wie eine von den hohen, schlanken, roten Hochsommerblumen, welche unerlöst Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen, Weil ihre Wurzel unten an Türkisen Im Ohrgehänge einer Toten Stößt … Und mancher Tage Stunden waren so, Als formte wer mein Abbild irgendwo, Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln. Ich spürte jede Spitze seiner Spiele, Und war, als ob ein Regen auf mich fiele, In welchem alle Dinge sich verwandeln.

Rainer Maria Rilke

Illustration from Deutsche Lyrik seit Liliencron

Spanische Tänzerin.

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten Zuckende Zungen streckt –: beginnt im Kreis Naher Beschauer hastig, hell und heiß Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar. Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, Die nackten Arme wach und klappernd strecken. Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde Und flammt noch immer und ergibt sich nicht –. Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.

Der Fremde.

Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten, Die er müde nicht mehr fragen hieß, Ging er wieder fort; verlor, verließ –. Denn er hing an solchen Reisenächten Anders als an jeder Liebesnacht. Wunderbare hatte er durchwacht, Die mit starken Sternen überzogen Enge Fernen auseinanderbogen Und sich wandelten wie eine Schlacht; Andre, die mit in den Mond gestreuten Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten, Sich ergaben, oder durch geschonte Parke graue Edelsitze zeigten, Die er gerne in dem hingeneigten Haupte einen Augenblick bewohnte, Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt; Und schon sah er bei dem nächsten Biegen Wieder Wege, Brücken, Länder liegen Bis an Städte, die man übertreibt. Und dies alles immer unbegehrend Hinzulassen, schien ihm mehr als seines Lebens Lust, Besitz und Ruhm. Doch auf fremden Plätzen war ihm eines Täglich ausgetretnen Brunnensteines Mulde manchmal wie ein Eigentum.

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