Hermann Conradi.
Reading edition
Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin, Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in Würzburg am 8. März 1890. – Lieder eines Sünders 1887.
Aus den „Schwarzen Blättern“.
XIII.
Ich weiß – ich weiß: Nur wie ein Meteor, Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor, Werd' ich durch unsre Dichtung streifen! Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, – Wie Südwind kost – es gellt wie Trommelklang Mein Lied und wird in alle Herzen greifen … Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz … Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz – Es streicht der Abendwind durch die Zypressen … Nur wenige weinen … Sie verstummen bald. Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt – Ich aber werde bald vergessen …
IV.
Im Sklavendienst der Lüge Hab' ich den Tag verbracht … Nun hat den Gnadenschleier leis Herabgesenkt die Nacht. Es schweigt verträumt die Runde, Nur raunend der Nachtwind rauscht – Ich aber mit brennendem Munde Habe Stunde um Stunde Mit Geistern aus nächtigem Grunde Wilde Zwiesprach' getauscht! Hei! Wie er mich umflattert, Der Geister toller Schwarm! Wie er mich preßt mit dunkler Lust In seinen Riesenarm! Wie Frage er auf Frage In meine Seele schreit! Und ob ich bang verzage, Die Brust mir blutig schlage Und bete, daß es tage: Wie ist der Tag so weit!
Sommerrosen.
Ich wollte dich mit Rosen überschütten, Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar Und deines Mieders Knospenrundung schmücken … Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem, Ein milder Sieger, durch die Lande schritt, Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose, Die rote Sommerrose, aufgebrochen, Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen, Mit roten Rosen deine Schönheit krönen … Nun kam der Sommer … Und der Rosen Fülle Seh' ich allorts und alle Stunden blühn … Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen, Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen … Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln, Als sein vertränter Blick von ungefähr Auf einen Korb mit roten Rosen fiel … Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen Und schütte sie auf tote Liebesflammen … – – – Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder, Und morgen wohl begegne ich euch beiden … Ich blick' euch lächelnd nach … Und denke ganz aus Zufall Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag, Da wir uns sahn … Am Abend dann Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann, Umduftete uns süß der Flieder … Wir aber liebten uns … – – –
Lenz.
Wie ich mich auf den Frühling freue! Wie mir das Alte und doch so Neue Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt! Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter Aus vollen Lungen! Und doch ist's mir, als ob schon dahinter Sehnsuchtsbezwungen Leise, ganz leise der Lenz sich regt …
Mein Blick, nun weide dich …
Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal An dieses Frühlings satter Blütenfülle! Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl – Mein Herz, sei stille! … Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang! Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! … Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang – Dir blieb der Glaube! … O glaube eine winzige Weile nur, Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward! Umfaß noch einmal trunken die Natur, Bevor es Nacht ward! … Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind Mattweiße Blüten – eine letzte Krönung – – – Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind … Und voll Versöhnung …
Die müde schon verglühte …
Die müde schon verglühte, Die leise schon verklang, Jach ist sie wieder aufgeflammt In jauchzendem Gesang! Wie Zimbelton, wie Lautenschlag Ward meine Liebe wieder wach, Die müde schon verglühte, Die leise schon verklang … Und heller tönt ihr Rauschen, Wie junger Frühlingswind, Wenn er in heißem Schöpferdrang Die Welt dem Licht gewinnt! Und das Prophetenwort erläßt, Daß nun der Menschheit Osterfest – Ja! Heller tönt ihr Rauschen, Wie junger Frühlingswind! Und wie durch Nebelschleier Die Sonne siegreich bricht, Der jungen Flur ein goldnes Band Ums Lockenantlitz flicht: So überglänzt mit Purpurschein Die Liebe nun mein ganzes Sein, Gießt goldne Feuer nieder Und wirbt um neue Lieder … Und nah und ferne quellen Blitzende Wellen empor An meinem Lebenshorizont Aus Dunst und Wolkenflor! Gedanken, die mir nie genaht, Und Pfade, die ich nie betrat, Entsteigen verborgenen Gründen, Heilige Kraft zu entzünden! Die leise schon verklungen, Die müde schon verglüht: Wild ist sie wieder aufgeflammt, Im Lenzsturm stark erblüht! Und lag ich nieder staubbedeckt, So hab' ich mich nun aufgereckt, Und die Gedanken schweifen In großem Weltbegreifen!
Im Vorüberfluge.
Mit metallhartem Rotgelb Hat sich des Himmels Westliche Wölbung beflammt. Mein Auge starrt staunend In die leuchtende Blende, Die wachsend fortglüht, Als sei nimmer ihr Ende Die lichtlose Nacht … Da streift die brennende Lichtwand ein Fittich – Der nachtschwarze Fittich Eines Dämmerungsvogels … Eine kleine Spanne – Und die Weite verschlang ihn. Also trägt auch der Mensch Mit schwankem Fittich Sein zwielichtbefangenes Sein Vorüber an der stetig leuchtenden Kristallwand der Ewigkeit … Er huscht dahin Ein Traum – ein Wahn – Auf schmaler Bahn – So bald – so bald Raubt seiner Gestalt Schattengefüge Des Nichtseins Farblose Wahrheitslüge. Aber im Fluge – Im Vorüberfluge – Ahnt er das Rätsel Der stetig und still In sattem Glanze Fortdauernden Ewigkeit …