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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Robert Walser.

Reading edition

Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. – Gedichte 1908.

Morgenstern.

Ich mache das Fenster auf, Es ist dunkle Morgenhelle. Das Schneien hörte schon auf, Ein großer Stern ist an seiner Stelle. Der Stern, der Stern Ist wunderbar schön. Weiß von Schnee ist die Fern', Weiß von Schnee alle Höhn. Heilige, frische Morgenruh' in der Welt. Jeder Laut deutlich fällt; Die Dächer glänzen wie Kindertische. So still und weiß: Eine große, schöne Einöde, Deren kalte Stille jede Äußerung stört; in mir brennt's heiß.

Langezeit.

Ich tu' mir Zwang, Zu scherzen und lachen, Was soll ich machen, Die Zeit ist lang. Gewohnten Gang Im müden Herzen Gehn alte Schmerzen, Die Zeit ist lang. Ich muß den Hang Zu weinen bezwingen, Nebst andern Dingen, Die Zeit ist lang.

Warum auch.

Und als ein solcher klarer Tag hastig nun wiederkam, Sprach er voll ruhiger, wahrer Entschlossenheit langsam: Nun soll es anders sein, Ich stürze mich in den Kampf hinein; Ich will gleich so vielen andern Aus der Welt tragen helfen das Leid, Will leiden und wandern, Bis das Volk befreit. Will nie mehr müde mich niederlegen; Geschehen soll etwas. Da überkam ihn ein Erwägen, Ein Schlummer: ach, laß doch das.

Schnee.

Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit. Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel, Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee. Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite, Die weißverschneite Welt macht mich schwach. So daß erst klein, dann groß mein Sehnen Sich drängt zu Tränen, in mich hinein.

Im Mondschein.

Ich dachte gestern nacht, Die Sterne müssen singen, Als ich aufgewacht Und es leise hörte klingen. Es war aber eine Handharfe, Die durch die Räume drang, Und durch die kalte, scharfe Nacht klang es so bang. Dachte so verlornem Ringen, Gebeten und Flüchen nach, Und noch lange hört' ich es singen, Lag lang' noch wach.

Müdigkeit.

Entführ' mich, wie ich bin; Sieh, mein verirrter Sinn Weist von sich diese Welt, Die ihn nicht mehr erhellt. Komm, o ich werde brav Und selig stille sein In deinem dichten Schein, Heiliger, süßer Schlaf.

Zu philosophisch.

Wie geisterhaft im Sinken Und Steigen ist mein Leben. Stets seh' ich mich mir winken, Dem Winkenden entschweben. Ich seh' mich als Gelächter, Als tiefe Trauer wieder, Als wüsten Redeflechter; Doch alles dies sinkt nieder. Und ist zu allen Zeiten Wohl niemals recht gewesen. Ich bin vergeßne Weiten Zu wandern auserlesen.

Brausen.

Es braust noch immer in der Welt, Das Brausen hört doch niemals auf; Ich liebe – es hört niemals auf, Es braust ein Lieben durch die Welt. Und ob ich auch ein Feigling bin, Und ob du auch ein Kranker bist: Du liebst, wenn du es auch nicht bist, Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin. Es braust, und ich steh' horchend still, Ich weiß, ich hasse den und den, Es nützt mir nichts; wie ich auch will: Ich liebe alles, so auch den. Dann gibt es Stunden, wo ich weiß, Daß wir vor Liebe alle heiß.

Und ging.

Er schwenkte leise seinen Hut Und ging, heißt es vom Wandersmann. Er riß die Blätter von dem Baum Und ging, heißt es vom rauhen Herbst. Sie teilte lächelnd Gnaden aus Und ging, heißt's von der Majestät. Es klopfte nächtlich an die Tür Und ging, heißt es vom Herzeleid. Er zeigte weinend auf sein Herz Und ging, heißt es vom armen Mann.

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