Irene Forbes-Mosse.
Reading edition
Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. – Mezzavoce 1901. Peregrinas Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.
Gehen und Bleiben.
Mancher ist betrübt gegangen In die Winternacht hinaus, Sah mit zehrendem Verlangen Heller Fenster freundlich Prangen, Lichterfülltes, warmes Haus. Hinter jenen hellen Scheiben Sah ein anderer ihm nach, Starrte in das Flockentreiben … „Freiheit“, seufzt er, aber „Bleiben, Bleiben“ stöhnt das schwere Dach!
Eine Widmung.
Mein Herz so ganz in dir beglückt, Mit Märchenblumen ausgeschmückt, Ein dir geweihter Schrein: Wenn auch die Früchte nicht gereift, Weil sie der Frost zu früh gestreift, Die Blüten waren dein, mein Herz, Die Blüten waren dein.
Die fremde Blume.
So lange blieb sie festgeschlossen, stille, Als wäre alle Kraft in ihr erstorben, Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille, Seit der berühmte Gärtner sie erworben. Sie stand im Garten rein und wohlgehalten, Ein Paradies mit grünlackierten Kannen, Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen. Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer, Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen, Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer, Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne, Und rings versank des Lebens Hast und Mühen, Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne Ihr Freundeslicht … da fing sie an zu blühen!
Der Brunnen.
Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde, Und alles Leben schien so blaß und weit, Die Götter träumten um mich in der Runde, Der Brunnen flüsterte: „Trink und gesunde, Ich bin das Wasser der Vergessenheit!“ Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken In jene Tage, da wir froh und jung, Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken: „Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken, Ich bin das Wasser der Erinnerung!“
Madlena.
Das Kind Madlena hat so hell gesungen, Als sie im Haselholz sich Nüsse las, Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras. Das Kind Madlena hörte fremde Zungen, Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß … Die düstern Gärten haben sie verschlungen, Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!