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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Albert Ehrenstein.

Reading edition

Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. – Die weiße Zeit, 1914. Der Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918. Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.

Auf der hartherzigen Erde.

Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu, Mich freut der weiße Tanz der Gestirne, Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes, Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn, Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache, Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig. Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde, Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin. Ich zertrat das Gebot: „Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!“ Düster umwandle ich mich, Vermeidend die Mädchen und Männer, Seit mein weiches, bluttränendes Herz Im Staube zerstießen, die ich verehrte. Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte. Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch. Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.

Verzweiflung.

Wochen, Wochen sprach ich kein Wort; Ich lebe einsam, verdorrt. Am Himmel zwitschert kein Stern. Ich stürbe so gern. Meine Augen betrübt die Enge, Ich verkrieche mich in einen Winkel, Klein möchte ich sein wie eine Spinne, Aber niemand zerdrückt mich. Keinem habe ich Schlimmes getan, Allen Guten half ich ein wenig. Glück, dich soll ich nicht haben. Man will mich nicht lebend begraben.

Friede.

Die Bäume lauschen dem Regenbogen, Tauquelle grünt in junge Stille, Drei Lämmer weiden ihre Weiße, Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad. Rotsonne rollt sich abendnieder, Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben. Dunkel über Flut und Flur. Froschwanderer springt großen Auges, Die graue Wiese hüpft leis mit. Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne. Der Heimwehwind weht gute Nacht.

Coyllur.

Grenz ich an dich im Grenzenlosen? Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen? Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen – Steht schon still die Liebesuhr? Coyllur! Die, ein Kind, bei mir geruht, O, wie warst du traulich-gut! Gift vergällte mein Herzblut, Seit dein Schweigen mich durchfuhr, Coyllur! Nacht um Nacht ich nie entschlief, Wochenewig tränkte mich kein Brief, Auf eine Karte wartend tief Meiner harrte harte Kur, Coyllur! Wort starb mir im toten Hain. Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein Dacht ich dein. Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour, Coyllur!

Wanderers Lied.

Meine Freunde sind schwank wie Rohr, Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz, Keuschheit kennen sie nicht; Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern. Mädchen, das ich liebe, Seele der Seelen du, Auserwählte, Lichtgeschaffene, Nie sahst du mich an, Dein Schoß war nicht bereit, Zu Asche brannte mein Herz. Ich kenne die Zähne der Hunde, In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, Schimmel freut sich an den Wänden, Gute Ritzen sind für den Regen da. „Töte dich!“ spricht mein Messer zu mir. Im Kote liege ich; Hoch über mir, in Karossen befahren Meine Feinde den Mondregenbogen.

Blind.

Tag um Tag Stirbt – ich bin? Wo geht meine Zeit denn hin? Traum versank, Nacht ist Spiel, Schlaf das Gut, Tod das Ziel. Erde, Stern Klingt nur so, Ort ist Ort, wer weiß wo?

Dunkel.

Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese, Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese, Bravem Schlaf in treuer Bucht. Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht. Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen? Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges, Kühles Wasser der Forelle, Seelenantlitz einem Mädchen. Mir nur, daß ich Trän an Träne weine, Eule unter Käuzen werde – Selig kleine Schottersteine Mütterlich umwärmt sie Erde. Ratten! Fresset meine Eingeweide! Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt! Was starb ich nicht vor der Geburt? Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.

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