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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Peter Altenberg.

Reading edition

Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.

Liebesgedicht.

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen – Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen – Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen, Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen. Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen, Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen. Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen, Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen – – –. Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen, Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen. Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen, Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen. Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe – – – Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören. Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

Das Bangen.

Mir bangt um dich, Anna – – –. Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht, Ich weiß nur, daß mir bang ist. Mir ist bang! Wie einer Mutter bang ist ohne Grund, Noch sind sie alle munter und gesund – – –! Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange, Während die anderen noch lange Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten. Mir bangt, wie einem bangt, Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt – flieht! Mir bangt, wie einem bangt, Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh. So, so bangt mir um dich – – – Du bist mein Leben, es bangt mir um mich; Du aber, du gehst deinen Weg von mir, Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir, Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen – – – Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder, Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!

Ljuba.

Die da nicht kommen an deinen Tisch, Die sind klüger als ich! Die schützen sich! Ich aber, gleich der Motte im Lichte, Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte! Ich will lieber in Licht und Hitze sterben, Als gesichert um Anna oder Grete werben! Die da nicht kommen an deinen Tisch, Die sind dümmer als ich! Sie schützen sich!

Was kann er für sie tun?!?

Was kann ich für dich tun?!? Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen – Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen – –. Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke sagen: „Du hast recht, nur du!“ Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich sein – – – – Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein – –. Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater Und Komplimente über seine Tochter machen deinem Vater. Ich kann dir süße Mandarinen bringen. Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen. Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn: „Was kann ich für sie tun?!?“

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