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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Gustav Falke.

Reading edition

Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er am 8. Februar 1916 starb. – Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht 1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899. Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.

Das Mohnfeld.

Es war einmal, ich weiß nicht wann Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum. Ich trat aus einem schwarzen Tann An einen stillen Wiesensaum. Und auf der stillen Wiese stand Rings Mohn bei Mohn und unbewegt, Und war bis an den fernsten Rand Der rote Teppich hingelegt. Und auf dem roten Teppich lag, Von tausend Blumen angeblickt, Ein schöner, müder Sommertag, Im ersten Schlummer eingenickt. Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt Hat er sich tief ins Kraut geduckt, Bis an die Löffel zugedeckt, Nur einer hat herausgeguckt. Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug Bewegte kaum die Abendluft. Ich sah kaum, wie der Flügel schlug, Ein schwarzer Strich im Dämmerduft. Es war einmal, ich weiß nicht wo. Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her. Ich seh' nur noch, und immer so, Das stille, rote Blumenmeer.

Märchen.

In deiner lieben Nähe Bin ich so glücklich. Ich mein', Ich müßte wieder der wilde, Selige Knabe sein. Das macht deiner süßen Jugend Sonniger Frühlingshauch. Ich hab' dich so lieb. Und draußen Blühen die Rosen ja auch. O Traum der goldenen Tage! Herz, es war einmal. Abendwolken wandern Über mein Jugendtal.

Daß der Tod uns heiter finde.

Laßt uns Blumen pflücken gehn, Letzte Astern, späte Rosen. Morgen werden Stürme tosen Und den bunten Schmuck verwehn. Auch den Becher holt hervor, Fröhlich laßt uns sein und trinken. Morgen werden Schatten sinken, Und es schweigt der laute Chor. Wißt ihr wo ein holdes Kind, Teilt mit ihm die letzten Blüten! Die noch heut in Liebe glühten, Morgen sind die Augen blind. Scherzt und küßt und trinkt und lacht, Eh' wir uns zum Abschied rüsten. Drüben winkt von fremden Küsten Eine sternenlose Nacht. Horch. Schon meldet sich ihr Wehn. Daß der Tod uns heiter finde! Singend unterm Kranzgewinde Laßt uns ihm entgegengehn.

Stranddistel.

Das Fräulein ging am Meeresstrand Durch weißen, bleichen Sand, bis rot Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot, Sie brach's und warf es aus der Hand. Und bückte nach der Distel sich, Die rauh und grau daneben stand. Die trotzte ihrer kleinen Hand Und wehrte sich mit scharfem Stich. Sie brach sie doch und ging und sang Ein müdes Lied mit müdem Mund, Das überm abendschwarzen Sund Im Wind verwehte und verklang.

Das Grab.

Ein frischer Hügel ist's, darauf Drei rote Tulpen flammen. Zwei schwarze Taxusstauden stehn Und stecken die Köpfe zusammen. Und tuscheln über ein weißes Kreuz, Darauf mit Gold geschrieben Ein Mädchenname, darunter ein Spruch vom himmlischen Lieben. Wer hat das junge Ding gekannt? Wer zündete die drei roten Flammen über ihr Bettlein an? – Was kümmern mich die Toten. Ich hab' zu Haus ein krankes Weib, Der will ich drei Rosen bringen, Drei rote Rosen, und will ihr leis Ein Lied vom Leben singen.

Späte Rosen.

Jahrelang sehnten wir uns, Einen Garten unser zu nennen, Darin eine kühle Laube steht Und rote Rosen brennen. Nun steht das Gärtchen im ersten Grün, Die Laube in dichten Reben. Und die erste Rose will Uns all ihre Schönheit geben. Wie sind nun deine Wangen so blaß Und so müde deine Hände. Wenn ich nun aus den Rosen dir Ein rotes Kränzlein bände, Und setzte es auf dein schwarzes Haar, Wie sollt' ich es ertragen, Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor Zwei stille Augen klagen.

Zwei.

Drüben du, mir deine weiße Rose übers Wasser zeigend, Hüben ich, dir meine dunkle Sehnsüchtig entgegenneigend. In dem breiten Strome, der uns Scheidet, zittern unsre blassen Schatten, die vergebens suchen Sich zu finden, sich zu fassen. Und so stehn wir, unser Stammeln Stirbt im Wind, im Wellenrauschen, Und wir können nichts als unsre Stummen Sehnsuchtswinke tauschen. Leis, gespenstisch, zwischen unsern Dunklen Ufern schwimmt ein wilder Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken Unsre blassen Spiegelbilder.

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