Walter Hasenclever.
Reading edition
Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. – Der Jüngling 1913. Tod und Auferstehung 1917.
Die Todesanzeige.
Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum, Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum. Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind: „Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.“ Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin: Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin. Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank. Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank. Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein, Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein? Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht, Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd. Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd, Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, – Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld; Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt. Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt. Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt. Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar, Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar; Sieh – in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort; Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort. Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht: Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht.
Mein Jüngling, du …
Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen, Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint! Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen; Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint. Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens, Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual, Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens, Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl. Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören! Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein. Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören Will ich dich rufen und will bei dir sein!
Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
Kleine Schwester Irene, Bei den Cholerakranken; Lila Blumen sanken Auf Abendkähne. Särge wachsen. Sturm. Antreten. Trommel. Tod. Offizier an Grabes Turm Schnarrt Ehre, Gebot. Weißer hinter Hügeln Lemberg, Freude scheint. Automobile flügeln. Baracken blutbeweint. Ärzte ohne Narkose, Beine ab, zerstampft. Kleine Schwester, Rose, Sei den Toten sanft!
Weiß ich, daß Stunden …
Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten, Pariserinnen sind auf den Boulevards; Daß klein in Zimmern und gequälten, Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars? Ist mir im Park, durch den ich gehe, Ein Gefühl von Rot oder Blau – Berg und Fluß mit sinkender Nähe, Das Gesicht einer alternden Frau? Bei der Baronin Porzellan und Eise Hypnotisiert mich elektrischer Draht; Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad, Denn es münden in gleiche Kreise Meer und Spur und kindliche Weise, Die man am Abend vernommen hat. Aber keine der funkelnden Gesten Wird mich erhalten, wird mich betrügen; Bin ich ein Vogel, müde von Flügen, Schwebend in der Wolke des Falls: Steigen unten aus Tänzen und Festen Die verschlungenen Kurven des Alls.
Daß von Geheimnissen …
Daß von Geheimnissen, die uns umtönten, Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt; Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten, Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt. Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt, Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat. Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken, Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer; Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer. Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort, Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden; Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort. Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen? Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt, In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt. Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde, Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus, Es steigen in einer begeisterten Stunde Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus. Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht: Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer, Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.
1917.
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit. Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier, Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir. Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug Einer Mutter, die ihre Kleinen trug Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht, Das Unglück ist nicht von dir gemacht. Heran zu dem elenden Leichenschrein, Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein. Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt, Falle nieder, du, sei angeklagt. Empfange die ungeliebte Qual Aller Verstoßnen in diesem Mal. Ein letztes Aug', das am Äther trinkt, Den Ruf, der in Verdammnis sinkt; Die brennende Wildnis der schreienden Luft, Den rohen Stoß in die kalte Gruft. Wenn etwas in deiner Seele bebt, Das dies Grauen noch überlebt, So laß es wachsen, auferstehn Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn. Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts! Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott, Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott: Daß in der Menschen Mord, Verrat Einst wieder leuchte die gute Tat; Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn Schweb am gestirnten Himmel hin. Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint, Durch soviel Ströme der Welt geweint, Gepulst durch unser aller Schlag, Einst wieder strahle gerechtem Tag. Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.