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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Ernst Wilhelm Lotz.

Reading edition

Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in Frankreich. – Wolkenüberflaggt 1917.

Glanzgesang.

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen, Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier. Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen, Gehören nicht mehr mir. Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten, Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt. Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten, Und das Leben war wehend blond. Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht, Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale, Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht. So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen, In große Kontore, die staubig rochen herein, Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn. Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen, Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht, Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen, Die Häupter gläubig nach Osten gedreht. Auf Ozeanen zogen die großen Fronten Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt Und breiter Prärien glitzernde Horizonte Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt. Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen, Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht, Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen, Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht! Amerikas große Städte brausten im Grauen, Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen, Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. – – So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen, Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt, Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen, Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. – – – Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden! Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus. Und saß durch Tage und Nächte mit satten und platten Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus. Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen, Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. – Da sah ich: daß in vagen Finsternissen Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.

Der Schwebende.

Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf. Dickicht, Lichter – berieselt. Garten. Ein blitzender See. Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten. Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen, Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf. Da heb' ich meine lächelnd schmalen Hände Und breite einen Schleier von Musik Sehr süß und müde machend um mich aus. Und meine Füße treten in den Garten, Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend, Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai. Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde, Und rote Düfte reifer Sommerträume Umwiegen meinen silberleichten Gang. Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde, Draus heiser greller Schrei und Weinen singen Um einen Toten auf der dunklen Fahrt. Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern, Und sehe Ländereien grün vor Süden, Und Fernen zärtlich weit für Träumereien. Ein glänzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt. An blanken Tischen sitzen meine Freunde. Sie sprechen helle Worte in das Licht. Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich, Und alle singen schwer im tiefen Chor: Drei Worte, die ich nie begreifen werde, Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen, Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.

Alfred Mombert

Illustration from Deutsche Lyrik seit Liliencron

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen.

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen, Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht, Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen. Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind, Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten, Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind, Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten. Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren, Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart, In einem wild gekochten Fieberland geboren. Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art. Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen. Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt. Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen. Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

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