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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Arno Holz.

Reading edition

Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in Berlin. – Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große „Insel“-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk 1919.

Ein Abschied.

Sein Freund, der Türmer, war noch wach, wie Silber gleißte das Rathausdach, und drüber stand der Mond. Er wußte kaum, wie schwer er litt, doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt, und das Ränzel drückte ihn. Die Gasse war so lang, so lang, und dazu noch die Stimme, die über ihm sang: Wann's Mailüfterl weht! Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun, und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun, stand weiß vor dem Domportal. Hier stand er eine Weile still und hörte, wie eine Dohle schrill hoch oben ums Turmkreuz pfiff. Dann löschte links in dem kleinen Haus der Löwenwirt seine Lichter aus, und die Domuhr schlug langsam zehn. Die Brunnen rauschten wie im Traum, die Nachtigall schlug im Lindenbaum, und alles war wie sonst! Da riß er die Rose sich aus dem Rock und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock, daß die Funken stoben, und ging. Das Lämpchen flackerte rot überm Tor, und der Wald, in den sich sein Weg verlor, stand schwarz im Mondlicht da. Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie, die Farren reichten ihm bis übers Knie, und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte … Erst droben auf dem Heiligenstein fiel ihm noch einmal alles ein, als der Weg um die Buche bog. Die Blätter rauschten, er stand und stand und sah hinunter unverwandt, wo die Dächer funkelten! Dort stand der Garten und dort das Haus, und jetzt war das aus, und jetzt war das aus, und – die Dächer funkelten! Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm: Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm! Doch er kam nie wieder.

Ricarda Ceconi-Huch

Illustration from Deutsche Lyrik seit Liliencron

Ninon.

Ninon heißt sie. Ihre Mutter handelt nachts mit Apfelsinen an der Weidendammer Brücke. Doch sie selbst ist Kammerkätzchen. Stöckelschühchen. Sehr kokett. Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen, das auf ihrem krausen Köpfchen weiß und niedlich balanciert. Doch der kleine Marmorschlingel, der dem Spiegel visavis grad vor einem Makartstrauß hockt, läßt sich dadurch nicht verblüffen. Immer, wenn ihr Pfauenwedel ihn frühmorgens abstäubt, lacht er. Ja, die Stutzuhr kann sogar deutlich hören, was er sagt: „Tu mir den Gefallen, Kind, und kokettiere nicht so viel! Ninon nennt die gnädige Frau dich? Geh, du heißt ja gar nicht so! Martha heißt du. Dein Papa war der gnädige Herr von Dingsda. Vor drei Wochen in Neuyork starb er als Konditorlehrling. Deine Mutter lebt. Sie schielt, hinkt und schnupft. Im übrigen handelt sie mit Apfelsinen an der Weidendammer Brücke.“

Aus „Phantasus“.

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne, vom Hof her stampfte die Fabrik. Es war die richtige Mietskaserne mit Flur- und Leiermannsmusik! Im Keller nistete die Ratte, Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier, und bis ins fünfte Stockwerk hatte das Vorstadtelend sein Quartier. Dort saß er nachts vor seinem Lichte – duck nieder, nieder, wilder Hohn! – und fieberte und schrieb Gedichte, ein Träumer, ein verlorner Sohn! Sein Stübchen konnte grade fassen ein Tischchen und ein schmales Bett; er war so arm und so verlassen, wie jener Gott aus Nazareth! Doch pfiff auch dreist die feile Dirne, die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! – ihm hatte leuchtend auf die Stirne der Genius seinen Kuß gedrückt! Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken, er zitternd Vers an Vers gereiht, dann schien auf ewig ihm versunken die Welt und ihre Nüchternheit. In Fetzen hing ihm seine Bluse, sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot, er aber stammelte: O Muse! und wußte nichts von seiner Not. Er saß nur still vor seinem Lichte, allnächtlich, wenn der Tag entflohn, und fieberte und schrieb Gedichte, ein Träumer, ein verlorner Sohn! * * * Die Nacht liegt in den letzten Zügen, der Regen tropft, der Nebel spinnt … O, daß die Märchen immer lügen, die Märchen, die die Jugend sinnt! Wie lieblich hat sich einst getrunken der Hoffnung goldner Feuerwein! Und jetzt? Erbarmungslos versunken in dieses Elend der Spelunken – O Sonnenschein! O Sonnenschein! Nur einmal, einmal noch im Traume laßt mich hinaus, o Gott, hinaus! Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume vor meines Vaters Försterhaus. Der Mond lugt golden um den Giebel, der Vater träumt von Mars-la-Tour, lieb Mütterchen studiert die Bibel, ihr Nestling koloriert die Fibel, und leise, leise tickt die Uhr. O goldne Lenznacht der Jasminen, o wär ich niemals dir entrückt! Das ewige Rädern der Maschinen hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt! Einst schlich ich aus dem Haus der Väter nachts in die Welt mich, wie ein Dieb, und heut – drei kurze Jährchen später! – wie ein geschlagener Missetäter, schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib! Wozu dein armes Hirn zerwühlen? Du grübelst, und die Weltlust lacht! Denn von Gedanken, von Gefühlen hat noch kein Mensch sich satt gemacht! Ja, recht hat, o du süße Mutter, dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust: Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther? Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter erhabner als der ganze Faust!

Vor meinem Fenster …

Vor meinem Fenster singt ein Vogel. Still hör ich zu; mein Herz vergeht. Er singt, was ich als Kind … so ganz besaß und dann – vergessen!

Rote Rosen …

Rote Rosen winden sich um meine düstre Lanze. Durch weiße Lilienwälder schnaubt mein Hengst. Aus grünen Seeen, Schilf im Haar, tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun. Ich reite wie aus Erz. Immer, dicht vor mir, fliegt der Vogel Phönix und singt.

In einem Garten …

In einem Garten, unter dunklen Bäumen, erwarten wir die Frühlingsnacht. Noch glänzt kein Stern. Die Büsche schweigen. Plötzlich, aus einem Fenster, leise, getragen, schwellend, die tiefen, klaren, reinen, lichten, glutend golddurchwirkten Töne einer Geige. Der Goldregen blinkt, der Flieder duftet, in unseren Herzen – geht der Mond auf!

Aus weißen Wolken …

Aus weißen Wolken, schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend, schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß! Spiegelnde Seeen, selige Wiesen, singende Brunnen aus tiefstem Smaragd! In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen wohnen die alten Götter! Noch immer, abends, wenn die Sonne purpurn sinkt, glühn seine Gärten; vor ihren Wundern bebt mein Herz und lange … steh ich. Sehnsüchtig! Dann naht die Nacht, die Luft verlischt, wie zitterndes Silber blinkt das Meer, und über die ganze Welt hin webt ein Duft … wie von Rosen!

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