Adolf von Hatzfeld.
Reading edition
Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. – „An Gott“ 1919.
Die letzte Nacht.
Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht, Empfängt mich endlich meine letzte Nacht. Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit. Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit. Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben, Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben. Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht, Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht. Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht. Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam, Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham. Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht. Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht. Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben. Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben. Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen, Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen: „O Erde, Erde, die du trankst mein Blut, Wie warst du voller Süße und wie gut, Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen, Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen. Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut. Aus allen Poren erschoß mein Blut. Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust, Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust, Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt, Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt. Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest. So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf. Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf. Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch, Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt. O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt, Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat. Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt. Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch, In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.“
Grüner Sommer.
Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt. Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut, Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt. Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe. So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet. Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus. Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus, Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne Staut schläfrig sich das dunkle Blut. Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort, Wie Bachgelächter hier: „Die Welt ist gut“, Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort. Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe. Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen. Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen. Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe Und zirpt an ihm vorbei: „Erschrick, erschrick!“ Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren, Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick. Ich wache auf. Der Donner grollt. Mein Blut hat ausgetollt. Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille. Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille.
Frühlingsmond.
Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde Stößt die Erde, die längst den heißen Saft In Millionen Samenkörner preßte, Geburten aus in Mutterleidenschaft Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft, Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde. Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber. Die Sterne stürzen zum Planetenball. In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber Und werfen tausend Kinder in das All. Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen. Die Quellen sind der Täler Blütenlauf. Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen, Und Tage tauen blau zu Blumen auf. Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln Und einem Lächeln, das von selbst begann, Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann. Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste. Vom Horizonte schwebt der junge Mond Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont, Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste. Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste. So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst. Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte, Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.
Abend am See.
Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade Der Wellen leis zur Silberbahn empor. In unsern Herzen schwingt die große Gnade. Wir sitzen seligruhend am Gestade Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr. O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor In meines Lebens Kampf und Qual und Hast, Sieh unser Herz in Demut eingefaßt Und sei der Seelen seltner schöner Gast. Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte So grenzenlos. Andächtig atmen wir. Der Sternenhimmel deiner großen Güte Ist sanft wie sie und leise über mir. Aus wunden Händen haben wir die Ruder Zurückgelegt in das bewegte Boot. Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.
Du Gott.
Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden, Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet. Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden. Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet Mir deine schwere Hand die schönen runden Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet, In jeder Not von tausend Todesstunden Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet. Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein. Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein, Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest? Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein, Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein, Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.
Der Teich.
Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide, Wie die Luft, der Himmel mich beschwert. Bruder Wind, wir flogen einmal beide Durch die Luft und durch den Himmel hin. Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam. Ewige Fernen haben uns genährt. Wasserwolken haben mich getragen, Bis in Regenfunken ewig einsam Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt. Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen, Wie die leichten Wolken meine Seele, Meine schöne Seele, mit.