Ludwig Scharf.
Reading edition
Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. – Lieder eines Menschen 1892. Tschandala-Lieder 1905.
Begegnis.
Und als ich gegen den Marktplatz kam, Beim Torweg unter dem Rathaus, Da strömten die Menschen kreuz und quer, Zweibeinig ein jeder und gradaus. Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt, So Kinder wie Männer und Weiber, Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt, Aufrecht balancierend die Leiber. Fremd zogen sie aneinander vorbei Mit großen begegnenden Blicken Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich, Ein jeder mit seinen Geschicken. Ein jeder mit einem sehnenden Drang Nach fernen Häusern und Türen, Ein jeder fortgezogen wie blind An unsichtbaren Schnüren. Ein jeder beladen mit Erdenweh, Ob auch sein Mund mal lache – Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.
Blut-Propheten.
Wir träumen über die Erde hin, Wir kennen nicht oben noch unten, Wir horchen nur in die Erde hinein, Wir verstehen nur ihre Wunden. Und liegen wie träumend am Boden hin, Dann sind wir selbst fast Erden, Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb Sie bewußt den Lebendigsten werden. Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut Der ausgetrockneten Erde, Daß einer verjüngten Lebensbrut Ein saftiges Erdreich werde. Wir träumen über die Erde hin: Tut Buße, Buße in Zeiten! Doch wir wissen genau, es kommt der Tag, Den wir ahnend früh prophezeiten.
Gebet eines Selbstmörders.
Stille! oh stille! Hier schlägt ein letztes Herz, Zerrinnt ein letzter Wille, Verhallt im Nichts ein Schmerz. Verbluten hier im Sande An dieses Ufers Rand, Im Angesicht der Sterne Und jener Wolkenwand – Ja, jener Nacht von Wolken, Die drohend rückt heran, Die dir den letzten Ausblick Gar bald verfinstern kann! Drum still, mein Herz! Verblute In dieser stillen Nacht, Solang ob Tod und Leben Dir zusteht noch die Macht! Denn weh, sie werden kommen, Dich binden recht und schlecht, Dein letztes Gut zu nehmen – Dies häßliche Geschlecht. Doch stille, oh stille! Und störe nicht die Ruh: Es strebt ein letzter Wille Dem letzten Glücke zu …