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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Otto Erich Hartleben.

Reading edition

Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. – Pierrot lunaire 1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.

Funkelt dein Auge noch?

Die du so fern bist in der großen Stadt, Ich grüße dich, die mein vergessen hat. Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht, Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht; Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund – Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?

Lili.

… Als ich dann wieder in die Heimat kam – Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten – Da war sie tot – von fremden, kalten Menschen Hinausgetragen in ein kahles Grab. – – Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin Sprach schmunzelnd: „Gott! Die Menschen sind nicht rar. Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer! Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein Darin – ganz jung noch – mit so lustigen Füßchen. Woll'n Sie sie sehn?“ – – Und ich erfuhr, wie sie gestorben war. Vor ihren Augen, während sie in Qualen Ohnmächtig dalag, hatten – ihre Schwestern Begierig ihrer Habe sich bemächtigt: Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche Aus allen Kästen sich hervorgesucht Und umgepackt in einen großen Korb. – Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut Und hatte .. gelächelt … – – Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!

Die jubelnd nie …

Die jubelnd nie den überschäumten Becher Gehoben in der heiligen Mitternacht, Und denen nie ein dunkles Mädchenauge, Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht – Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen Und freudig nie dem Strudel sich vertraut – O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben … Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!

Ellen.

Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß Und dachte, dachte, bis er müde wurde. Du hattest deine leichte, milde Hand Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen; Und gar ein Zauber schien mir auszugehn Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten Sie nieder in mein Hirn, und allgemach Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn, Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.

Das welke Blatt.

In ihren Locken haftete ein welkes Blatt, Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir, Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn, Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust, Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr, Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging. Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht, Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt. Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah, Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein, Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da? Ich zeigt' es schweigend. – Eine dunkle Welle Bluts Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk – Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr, Und überwältigt bebte mir das bange Herz! Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal, Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.

Liebesode.

Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein. Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind, Und unsrer Atemzüge Frieden Trug er hinaus in die helle Mondnacht. – Und aus dem Garten tastete zagend sich Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett Und gab uns wundervolle Träume, Träume des Rausches – so reich an Sehnsucht!

Gesang des Lebens.

Groß ist das Leben und reich! Ewige Götter schenkten es uns, Lächelnder Güte voll, Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen. Aber arm ist des Menschen Herz! Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte. Immer wieder mit leeren Händen Sitzt der Bettler an staubiger Straße, Drauf das Glück mit den tönenden Rädern Leuchtend vorbeifuhr.

Im Lande der Torheit.

Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun, Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt. Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort, Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts. Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab: Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau, Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir Hersehnen aus der Ferne – deine Hände, die Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt – Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn.

Denkst du daran …

Denkst du daran, wie du zum erstenmal Aus deiner Heimatberge düsterm Forst Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes Als Knabe niederschautest in die Ebne? – Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus. Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers, Entfaltet an den runden, sanften Hügeln – Und also farbig rings die weite Welt! Und reichlicher und dreimal leuchtender Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten … Die Welt ist bunt! – O wär' sie bunt geblieben.

Der Abenteurer.

Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich, Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. – Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein, Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß – Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. – Lebt wohl! – dem wandelbaren Meere kehr' ich heut Den Rücken zu – mein Auge sucht die Burgen auf, In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt. Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. – Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein, An Menschenschädel – mich zu schrecken sind sie wohl Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut? Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg: Sie waren nicht, der ich bin – darum fielen sie.

Elegie.

Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du, Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst, O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht Um meine Sinne strömen – laß Vergessenheit Sich breiten über niegestillte Lust und Qual. Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald, Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg. Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag … – Du sollst nicht weinen – gib mir deine liebe Hand! – Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint; In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum – Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein. Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee. Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück, Das leise webt und langsam um uns beide her. Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein, Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.

Kinderköpfchen.

In scheuer Lust – doch nimmermehr verschämt – Hobst du die runden, weißen Arme auf Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd Dein Bild im Spiegel … Ich aber stand entfesselt hinter dir Und sah in deinen vollen, blanken Schultern Die beiden Grübchen … Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder Zum Kuß … Es ward mir klar, wie du den Göttern still Vertraut – gar innig wohl befreundet bist. Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund – Und also lieblich, Menschensinn verwirrend, Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch.

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