Friedrich Nietzsche.
Reading edition
Geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen, verlebte seine Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung Professor an der Universität Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren später in offenen Gegensatz. 1879 wurde er so krank, daß er seine Professur niederlegen mußte, er lebte längere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb, ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu Weimar. – Gedichte und Sprüche 1898.
An den Mistral. Ein Tanzlied.
Mistralwind, du Wolkenjäger, Trübsalmörder, Himmelsfeger, Brausender, wie lieb' ich dich! Sind wir zwei nicht eines Schoßes Erstlingsgabe, eines Loses Vorbestimmte ewiglich? Hier auf glatten Felsenwegen Lauf' ich tanzend dir entgegen, Tanzend, wie du pfeifst und singst: Der du ohne Schiff und Ruder Als der Freiheit freister Bruder Über wilde Meere springst. Kaum erwacht, hört' ich dein Rufen, Stürmte zu den Felsenstufen, Hin zur gelben Wand am Meer. Hei! da kamst du schon gleich hellen Diamantnen Stromesschnellen Sieghaft von den Bergen her. Auf den ebnen Himmelstennen Sah ich deine Rosse rennen, Sah den Wagen, der dich trägt, Sah die Hand dir selber zücken, Wenn sie auf der Rosse Rücken Blitzesgleich die Geißel schlägt, – Sah dich aus dem Wagen springen, Schneller dich hinabzuschwingen, Sah dich wie zum Pfeil verkürzt Senkrecht in die Tiefe stoßen, – Wie ein Goldstrahl durch die Rosen Erster Morgenröten stürzt. Tanze nun auf tausend Rücken, Wellenrücken, Wellentücken – Heil, wer neue Tänze schafft! Tanzen wir in tausend Weisen, Frei – sei unsre Kunst geheißen, Fröhlich – unsre Wissenschaft! Raffen wir von jeder Blume Eine Blüte uns zum Ruhme Und zwei Blätter noch zum Kranz! Tanzen wir gleich Troubadouren Zwischen Heiligen und Huren, Zwischen Gott und Welt den Tanz! Wer nicht tanzen kann mit Winden, Wer sich wickeln muß mit Binden, Angebunden, Krüppelgreis, Wer da gleicht den Heuchelhänsen, Ehrentölpeln, Tugendgänsen, Fort aus unsrem Paradeis! Wirbeln wir den Staub der Straßen Allen Kranken in die Nasen, Scheuchen wir die Krankenbrut! Lösen wir die ganze Küste Von dem Odem dürrer Brüste, Von den Augen ohne Mut! Jagen wir die Himmelstrüber, Weltenschwärzer, Wolkenschieber, Hellen wir das Himmelreich! Brausen wir … oh aller freien Geister Geist, mit dir zu zweien Braust mein Glück dem Sturme gleich. – Und daß ewig das Gedächtnis Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis, Nimm den Kranz hier mit hinauf! Wirf ihn höher, ferner, weiter, Stürm' empor die Himmelsleiter, Häng' ihn – an den Sternen auf!
Vereinsamt.
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, – Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat! Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt entflohn? Die Welt – ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends Halt. Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, Dem Rauche gleich, Der stets nach kältern Himmeln sucht. Flieg, Vogel, schnarr Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! – Versteck, du Narr, Dein blutend Herz in Eis und Hohn! Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, – Weh dem, der keine Heimat hat!
Zarathustras Lied.
O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? „Ich schlief, ich schlief –, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: – Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh –, Lust – tiefer noch als Herzeleid! Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit! – Will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Venedig.
An der Brücke stand Jüngst ich in brauner Nacht. Fernher kam Gesang: Goldener Tropfen quoll's Über die zitternde Fläche weg. Gondeln, Lichter, Musik – Trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus … Meine Seele, ein Saitenspiel, Sang sich, unsichtbar berührt, Heimlich ein Gondellied dazu, Zitternd vor bunter Seligkeit. – Hörte jemand ihr zu? …
Sils-Maria.
Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf nichts, Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei – – Und Zarathustra ging an mir vorbei …
Die Sonne sinkt …
I.
Nicht lange durstest du noch, Verbranntes Herz! Verheißung ist in der Luft, Aus unbekannten Mündern bläst mich's an, – Die große Kühle kommt … Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage: Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt, Ihr plötzlichen Winde, Ihr kühlen Geister des Nachmittags! Die Luft geht fremd und rein, Schielt nicht mit schiefem Verführerblick Die Nacht mich an? … Bleib stark, mein tapfres Herz! Frag nicht: warum? –
II.
Tag meines Lebens! Die Sonne sinkt. Schon steht die glatte Flut umgüldet. Warm atmet der Fels: Schlief wohl zu Mittag Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? In grünen Lichtern Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf. Tag meines Lebens! Gen Abend geht's! Schon glüht dein Auge Halb gebrochen, Schon quillt deines Taus Tränengeträufel, Schon läuft still über weiße Meere Deiner Liebe Purpur, Deine letzte zögernde Seligkeit …
III.
Heiterkeit, güldene, komm! Du des Todes Heimlichster, süßester Vorgenuß! – Lief ich zu rasch meines Wegs? Jetzt erst, wo der Fuß müde ward, Holt dein Blick mich noch ein, Holt dein Glück mich noch ein. Rings nur Welle und Spiel. Was je schwer war, Sank in blaue Vergessenheit, – Müßig steht nun mein Kahn. Sturm und Fahrt – wie verlernt' er das! Wunsch und Hoffen ertrank, Glatt liegt Seele und Meer. Siebente Einsamkeit! Nie empfand ich Näher mir süße Sicherheit, Wärmer der Sonne Blick. – Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? Silbern, leicht, ein Fisch, Schwimmt nun mein Nachen hinaus …