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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Peter Hille.

Reading edition

Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee bei Berlin am 7. Mai 1904. – Gesammelte Werke 1904.

Maienwind.

Mutwillige Mädchenwünsche Haben Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen. Wie Tauben sind sie weitergeflogen, Mit Wangen, wilden und heißen. Hoch in warmen, schelmischen Händen Haschender Sonne Geschwungene Strahlen. Hellbehende Wonne Weißer Kleider Weht. Mutwillige Mädchenwünsche Haben sich Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen, – Sind weitergezogen …

Brautseele.

Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe, Wie tief im Hain Das Herz des Frühlings zittert. Ja, du mein heftiges Herz, Wir haben Frühling! Auf einmal ist nun alles Blühen da! Meine freudigen Wangen Sind aufgegangen Fromm nach deinen Küssen. Gefährlich bist du, o Frühling, Und verwirrt; Wie von heftiger Süße Prangenden Weines Pocht meine Seele. Wie er so sinnend mich streichelt Mit seinen Strahlen allen, Und schlafen möchte ich Immerzu. So träume ich vom eigenen Blute Und bin so wach Von mir, So erschrocken, Wie man wohl aufhorcht Im flüsternden Herzen der Nacht. Wie Sterne, die nicht schlafen können, Stehn meine Augen! Und bin doch so müde, So sonderbar müde. Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde Um diese Zeit? Das macht, du bist um uns, Du bist ein Zauberer. In Bäumen und Menschen Zauberst du Ein Sehnen und Dehnen, Ein müdes, verlangendes Gähnen. Ja, ja, ihr Gespielinnen, Der kennt euch! Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen, Er ist ja Weib wie ihr Und eine heimliche, schelmische Stärke. Frühling, sag, was machst du mit uns, Daß wir alle so sprossend müde sind? Wir fühlen dich ganz in uns. Du durchtönst uns, Tust mit uns ganz das Leben! Ja, wir beben Leben! Fromm atmet in uns eine Andacht, Und wohlig will es werden Rings auf der sprossenden Erden. Wie wir uns regen, Da ist immer ein heimliches Bewegen. Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, Der uns erquickt und uns darreicht, Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle, Und immer wird uns leise Süß von uns; So zeigt es uns, verrät es uns, Wie süß wir sind Für den einen, andern. O komm! Ich bin ja so süß Nach dir! O komm! Ich bin ja so schön Nach dir! Ich, deine lebendige, Deine wartende Zier, Vergehe nach dir! Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, – O komm! Komm du dem Alter, dem Welken zuvor! Ein Sehnen geht in allen Blumen Und will dich holen mit Farben und Duft, Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese, Ist nur aus Sehnen und Liebe schön. Lieblich schlau Üben wir Schönheit So lange vor euch, Bis daß ihr kommt! Schüchtern, schelmisch Spielt sich unsere arme Lodernde Seele Hin vor euch! Dann, dann! Dann kommen zwei lodernde Sonnen In meinen Tag; Du mein doppelter Tag Mit deinen beiden Sonnen! Du! du! Und deine Hand! Meines Mundes duftende Blüte Vergeht vor deiner Güte. Und meine Wangen Sind aufgegangen, Wie meine Flechten Vor deiner Rechten! Ja, du hast recht, glätte sie nur, Du meine wirrglühende Sonne! Rufe, locke alles heraus Aus deiner Erde, du mein Lenz! Du hast ja gleich zwei Sonnen, Und eine brauchen wir nur am Himmel. Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir Wie du aufgewachsen und wo du Gewachsen für mich! Wie der heilige Wein Palästinas Den Heiland mir ansagt, Sein Seelenfrühlicht, Sein wärmendes Wandeln. O, wie da alles aufsteht! Feierlich, rauschend! Vorbereitend! O komm! Ich bin ja so schön nach dir! O laß mich weinen Tränen der Braut, Tränen, du Böser, Daß ich so lange warten mußte auf dich! Das tut so wohl! Meine Seele badet. Dann kommt sie zu dir. Ja?

Arno Holz

Illustration from Deutsche Lyrik seit Liliencron

Waldesstimme.

Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, Wald, du mosiger Träumer! Wie deine Gedanken dunkeln, Einsiedel, schwer von Leben, Saftseufzender Tagesversäumer! Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Wie's Atem holt und voller wogt und braust Und weiter zieht – und stille wird – und saust. Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Hoch droben steht ein ernster Ton, Dem lauschten tausend Jahre schon Und werden tausend Jahre lauschen … Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.

An Gott.

Deine Himmel sind mir viel zu süß: Gib mir, mit freier Brust zu ragen, Mit dir die Welten zu ertragen, Wo du bist!

Abbild.

Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du. Zwei flinke Fittiche weißer Möwen Deine beiden Füße. Und dir im lieben Blute auf Steigt ein blauer Hauch Und sind die Dinge darin Alle ein Wunder.

Prometheus.

Entgegengeschmiedet Auf schroffem Fels Den Pfeilen der Sonne, Dem Hagelgeprassel, Trotz' ich, Olympier, dir. Der wiederwachsenden Leber Zuckende Fibern Hackt mir des Geiers Biß Aus klaffender Wunde. Ein Wimmern, glaubtest, Olympier, du, Würden die rauschenden Winde Ins hochaufhorchende Ohr dir tragen? Nicht reut mich der Mensch, Der Leben und Feuer mir dankt, Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir. Jahrhunderte will ich Felsentrotzig durchdauern, Jahrtausende, Wenn dir die Lust nicht schwindet, Wenn der Trotzende nicht Zu glücklich dir scheint.

Abendröte.

Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel! Die Wangen der Nacht In Scharlach und Purpurpracht. Nun ist da droben Hochzeit: Die Königskinder des Himmelreiches. Strenge Augen erster Schönheit, Frieden frierend, Wie vor kämpfend heißen Rosen Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate, Des Samtes tiefenweiches Blut, Gebettet in des Schnees nachtgeflammte, Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin. Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab Und heben Bechertau an ihres Lebens Rötlich reine Kelche, Und verwunden Die Verklärung Saftigherber Früchte. Des strengen Lagers scheue Falten warten .. Wie entsetzlich ist Schönheit! .. Wie eine Siegesfahne hält Der Himmel Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht. Der Sieger sinkt. Die Nacht fällt in den Wein.

Selige Grüße. Bläulicher Flieder. Ist das ein Grüßen! Wirbelnde Lieder Wehen herüber, – Stürben lieber. Seligsein – und das heißt büßen.

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