Gustav Schüler.
Reading edition
Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. – Gedichte 1900. Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes 1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.
Unterdessen. Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot. Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen. Und Königstische wissen nichts von Not. Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen. Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt, Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern. Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt, Um einen rohen Armensarg zu zimmern. Und unterdessen lauscht die heilige Nacht, Und unterdessen wird das Licht erkoren, Und unterdessen hat die Schönheit acht Auf jede Perle, die der Tau geboren.
Mignon.
Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn Am Wege auf dem Stein – Mein Krug und Wanderstecken stehn Im hellen Mondenschein. Die Schuhe hab' ich abgetan, Das Haar ist aufgelöst, Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn, Auch meine Brust entblößt. Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad. Alle Wanderer ferne gehn. – Nur wer die Erde begraben hat, Kann mich hier sitzen sehn.
Am Abend.
Komm, denn der Abend kommt. Wir haben ihn so wild ersehnt. Nun ist er da. Wie er im Mantel Sich an die alten Pappeln lehnt. Jetzt schlägt er seine Wimpern auf Und sieht uns an und nickt uns zu. Hat er nicht ganz dieselben Augen, Nicht ganz denselben Mund wie du?
Am Kreuzweg.
Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang: Ein altes deutsches wehes Liebeslied, Von Lieb' und Not Und Treu' und Tod. Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht, Lauscht lang'. Der Kauz schrie so entsetzlich schrill, Der hat ihn auch gesehn. Das Lied schweigt still. Der Schatten bleibt noch immer stehn.
Was ist das Glück?
Was ist das Glück? Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen? Ein Siegen, Ein Augenblick, Wo du der Sonne jauchzend winkst Und dann versinkst? Oder ist es das treue Schauen, Wie sich Wolken aus Wolken bauen, Bis sich eine mit rotem Rand Hoch hinstellt über dein Ernteland?