Else Lasker-Schüler.
Reading edition
Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.
Wir beide.
Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße, Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif, Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif, Und wir beide sind im Paradiese. Und uns gehört das ganze bunte Leben, Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen, Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben! Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum Vom Paradies – von seinen zwei Gespielen, Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen … Die düstere Erde hing noch grün am Baum.
Mairosen.
Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen, Mich nicht zu verführen, Zwischen Mairosen hätte er fast Sein Wort gebrochen, Aber er machte drei Kreuze Und ich glaubte heiß zu erfrieren. Nun lieg' ich im düstern Nadelwald, Und der Herbst saust kalte Nordostlieder Über meine Lenzglieder. Aber wenn es wieder warm wird, Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit Und wir – spielen dann unter den Mairosen …
Chaos.
Die Sterne fliehen schreckensbleich Vom Himmel meiner Einsamkeit, Und das schwarze Auge der Mitternacht Starrt näher und näher. Ich finde mich nicht wieder In dieser Todverlassenheit! Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit Zwischen grauer Nacht der Urangst … Ich wollte, ein Schmerzen rege sich Und stürze mich grausam nieder Und riß mich jäh an mich! Und es lege eine Schöpferlust Mich wieder in meine Heimat Unter der Mutterbrust. Meine Mutterheimat ist seeleleer, Es blühen dort keine Rosen Im warmen Odem mehr. – … Möcht' einen Herzallerliebsten haben! Und mich in seinem Fleisch vergraben.
Else Lasker-Schüler

Die Liebe.
Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide, Wie pochendes Erblühen Über uns beide. Und ich werde heimwärts Von deinem Atem getragen, Durch verzauberte Märchen, Durch verschüttete Sagen. Und mein Dornenlächeln spielt Mit deinen urtiefen Zügen, Und es kommen die Erden Sich an uns zu schmiegen. Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide – Der weltalte Traum Segnet uns beide.
Liebesflug.
Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich, Jäh schrien seine Lippen, Wie der geöffnete Erdmund! Und Gärten berauschten am Mairegen sich. Und wir griffen unsere Hände, Die verlöteten wie Ringe sich. Und er sprang mit mir auf die Lüfte Gotthin, bis der Atem verstrich. Dann kam ein leuchtender Sommertag Wie eine glückselige Mutter. Und die Mädchen blickten schwärmerisch, Nur meine Seele lag müd' und zag.
Eva.
Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt, Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren, Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit Wie die Blüten der Bäume Edens waren. Und die keimende Liebe ist meine Seele, O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen, Und du zitterst von Ahnungen Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen. Und ich liege schwer auf deinem Leben, Wie eine tausendstämmige Erinnerung. Und du bist so blindjung, so adamjung … Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.
Mein Volk.
Der Fels wird morsch, Dem ich entspringe Und meine Gotteslieder singe … Jäh stürz' ich vom Weg Und riesele ganz in mir Fernab, allein über Klagegestein Dem Meer zu. Hab' mich so abgeströmt Von meines Blutes Mostvergorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall In mir, Wenn schauerlich gen Ost Das morsche Felsgebein, Mein Volk, Zu Gott schreit.
Mein Liebeslied.
Wie ein heimlicher Brunnen Murmelt mein Blut, Immer von dir, immer von mir. Unter dem taumelnden Mond Tanzen meine nackten, suchenden Träume, Nachtwandelnde, fiebernde Kinder, Leise über düstere Hecken. O, deine Lippen sind sonnig … Diese Rauschedüfte deiner Lippen … Und aus blauen Dolden, silberumringt Lächelst du … du, du. Immer das schlängelnde Geriesel Auf meiner Haut Über die Schultern hinweg – Ich lausche … Wie ein heimlicher Brunnen Murmelt mein Blut …
Mein Wanderlied.
Zwölf Morgenhellen weit Verschallt der Geist der Mitternacht, Und meine Lippen haben ausgedacht In stolzer Linie mit der Ewigkeit. Torabwärts schreitet das Verflossene, Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht, Ihr tausendheißes, weißes Licht Scheint mir voran ins Ungegossene. Und ich wachse über all Erinnern weit. So fern Musik … und zwischen Kampf und Frieden Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden, Und sind die Ziele hinter aller Zeit.
O, meine schmerzliche Lust.
Mein Traum ist eine junge, wilde Weide Und schmachtet in der Dürre. Wie die Kleider um den Tag brennen … Alle Lande bäumen sich. Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel Tuuh! Tuuh! Wie die Silberähren Um meine Füße sieden … O, meine schmerzliche Lust Weint wie ein Kind.
Maienregen.
Du hast deine warme Seele Um mein verwittertes Herz geschlungen, Und all seine dunkeln Töne Sind wie ferne Donner verklungen. Aber es kann nicht mehr jauchzen Mit seiner wilden Wunde, Und wunschlos in deinem Arme Liegt mein Mund auf deinem Munde. Und ich höre dich leise weinen, Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum – Als fiele ein Maienregen Auf meinen greisen Traum.
Weltende.
Es ist ein Weinen in der Welt, Als ob der liebe Gott gestorben wär', Und der bleierne Schatten, der niederfällt, Lastet grabesschwer. Komm, wir wollen uns näher verbergen … Das Leben liegt in Aller Herzen Wie in Särgen. Du! wir wollen uns tief küssen … Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, An der wir sterben müssen.
Mein Liebeslied.
Auf deinen Wangen liegen Goldene Tauben. Aber dein Herz ist ein Wirbelwind, Dein Blut rauscht, wie mein Blut – Süß An Himbeersträuchern vorbei. O, ich denke an dich – – Die Nacht frage nur. Niemand kann so schön Mit deinen Händen spielen, Schlösser bauen, wie ich Aus Goldfinger; Burgen mit hohen Türmen! Strandräuber sind wir dann. Wenn du da bist, Bin ich immer reich. Du nimmst mich so zu dir, Ich sehe dein Herz sternen. Schillernde Eidechsen Sind dein Geweide. Du bist ganz aus Gold – Alle Lippen halten den Atem an.