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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Walter Calé.

Reading edition

Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November 1904. – Nachgelassene Schriften 1907.

Wir tauchten aus dem Strom …

Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt, Und wo wir eines waren willenlos, Und wandeln nun für eine kurze Weile In argen Fesseln unter Raum und Stunden, Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind, Und nur mit Blicken, welche trösten sollen, Von fern uns winkend – eine kurze Weile, Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen Und wieder eines sind und willenlos.

Der Tod wird uns …

Der Tod wird uns an seine Hände nehmen, Ein Führer jener Seelen, welche irrten, Und sprechen: „Dieses ist der rechte Weg!“ Und weiter sprechen: „Dieses ist das Land, Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.“ Dann aber werden wir die Blicke senken Und voller Trauer fragen: „Dieses nur?“

Es rinnen rote Quellen …

Es rinnen rote Quellen Um mein gesegnet Haus; Es tränkt ein schwarzer Reiter Sein schwarzes Roß daraus. Er lehnt schon hundert Jahre Vor meinem runden Tor; Die Zeit wird ihm nicht lange, Ich komme nie hervor. Es braucht nur dreier Schritte, So kann ich bei ihm stehn, So kann ich mit ihm reiten, Wie meine Wünsche gehn. Das ist so schön zu wissen! Ich sag' es tausendmal: „Es wartet einer draußen!“ Und bleibe doch im Saal. Der Reiter schläft im Schatten, Sein Panzerhemd blinkt gut; Dem Rappen ist sehr schläfrig, Mir ist sehr froh zumut!

Zwiegespräch.

Der Sänger: Die andern sprachen deinem Herzen vieles, Nur meine Lippen blieben stumm, vergib, Vor lauter Seligkeiten, da du kamest. Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich! Der Sänger: Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm, Vor lauter Seligkeiten ohne Worte. Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich: Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele. Der Sänger: Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt, Und keine Worte kamen von der Seele. Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich, Ich hörte deine stumme Seele singen.

Du träumtest …

Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne, Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde Und kam und ging gleich einem Wanderer, Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen, Der deinem Fenster so vorübergeht, Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt, Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs Und seine Seele nicht und seine Stimme; Er geht vorüber, und der Schritt verhallt, Auf deinem Lager horchst du eine Weile: „Wer ging vorüber ..?“ – Dann entschlummerst du.

Der Heimweg führte mich …

Der Heimweg führte mich in dieser Nacht Zum Parke, welcher voller Stille lag, Und viele dürre Blätter raschelten. Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen Erschien es mir und war mir wohlbekannt Und weinte auch und nickt' und lockte sehr; Doch als der Wind ein wenig lauter klagte, Zerrann es …

Am Flusse.

Trauernd stehst du an des Flusses Rande, Trauernd führt mein Weg am andern Ufer: Keiner weiß, ob ihn der andre riefe; Allzu heftig rauschen die Gewässer. Wollen wir ein Boot vom Strande ketten, Du vom rechten, ich vom linken Strande? Wollen wir dann in des Stromes Mitte Leichten Ruderschlages uns begrüßen? Wollen wir die Wasser abwärts gleiten, Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd, Bis das Meer in großem Glanz sich auftut Und wir stehn und beide weinen müssen?

Und abermals wirst du …

Und abermals wirst du geboren werden Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig, Und wirst die Wege gehen allen Lebens, In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln. Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind, Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf, So wisse du: Der Bruder ruft nach dir, Der abermals dem Tode sich entrang Gleich dir und abermals das Leben wandelt Auf andern Sternen fern und trauervoll.

Die Andern.

Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen Und gehen gleichen Mutes durch das Leben, Und ihr in Tränen und Erschütterung; Und eines Tages ist es dann geschehen: Als eure Tränen immer heißer strömten, Die müden Häupter immer tiefer sanken, Da waren euch die Schwingen längst gewachsen, Da waret ihr im Äther längst entschwunden, Da wußten wir und brannten allzu wissend: Daß Glückes mehr in euern Tränen sei Als in dem Lachen unsrer armen Seele.

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