Theodor Däubler.
Reading edition
Geboren am 17. August 1876 zu Triest. – Das Nordlicht 1910. Der sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.
Weg.
Mit dem Monde will ich wandeln: Schlangenwege über Berge Führen Träume, bringen Schritte Durch den Wald dem Monde zu. Durch Zypressen staunt er plötzlich, Daß ich ihm entgegengeh, Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd, Wenn mich's friedlich talwärts zieht. Schlangenwege durch die Wälder Bringen mich zum Silbersee: Nur ein Nachen auf dem Wasser, Heilig oben unser Mond. Schlangenwege durch die Wälder Führen mich zu einem Berg. Oben steht der Mond und wartet, Und ich steige leicht empor.
Die Buche.
Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken, Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken, Ich bin das Laub, die Krone überm Staub. Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun Ich fang im Frühling selig an zu reden, Ich wende mich in schlichter Art an jeden: Du staunst, denn ich beginne rostigbraun! Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh. Ich will, daß Nebel sich um Äste legen, Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh! Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau. Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen. Er ist noch niemals ohne mich gewesen. Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.
Die Droschke.
Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke. Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer. Die Droschke und die Gassenflucht sind leer; Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke. Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke, Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr. Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her, Daß sie zum Warten sich zusammenrenke. Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke Und oft das geile Lachen aus der Schenke. Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit. Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit, Noch einmal poltern da die Droschkenbänke.
Heidentum.
Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen. Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen. Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen. Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen. Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen. Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen. Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen. Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen. Die Wellen wollen sich in mich verlieben. Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen? Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben. Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen, Die Wellen tragen meine Kunden weiter: Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter.
Die Russin.
Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone. Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen. Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone, Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen. Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste, Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten, Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte. Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten. Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne. Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen. Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne, Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen. Die Augen der Russin vermuteten Meere. Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille. Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere, Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille. Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde. Die Russin erwachte und spürte die Kälte. Zitternd zerband sie die Fenstergewinde, Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.