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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Oskar Loerke.

Reading edition

Geboren am 13. März 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreußen. – Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.

Frühlingswille.

Bei einer stehn im Fensterrahmen, Im Wechselwort das Herz erschüttern, Und leise fort – es gibt kein Amen – Von unsern Müttern Sprechen und der Mütter Müttern Und den Urmüttern … Und atmen in die Blust der Kirschen, Gezähmte wilde Enten füttern, Und singen von den weißen Hirschen Und von den Müttern Und der Mütter Müttern Und den Urmüttern … Bei gelbem Wein die Nacht verzechen, Nach Ewigkeit umschlungen stöhnen, Und von den Abenteuern sprechen, Die unsren Söhnen Begegnen und den Söhnen Der Enkelsöhne …

Nirwana.

Das Tal ist wie aus klarem Golde, Es stehn im Tale ohne Hauch Die Bäume schief wie Trunkenbolde An Seen diamantenen Lichts. Das Tal vergeht zu goldnem Rauch Und dann zu goldnem Traume Und dann zu goldnem Raume Und dann zu goldnem Nichts.

Hinterhaus.

In kalten, steifen Engen, An gelben Schornsteinlängen, Verirrten Schieferdächern, Verstaubten Lukenfächern, An braunen glatten Röhren, An roten Drahtes Öhren, Verblichnen blauen Flecken Und blechbehuften Ecken Liegt Sonne, wie nach Winkelmaß gemessen Und wie von einem Handwerksmann vergessen. Hier hinter Luken wimmeln, In Kellerlöchern schimmeln Und tanzen unter Sparren Wir galgenfrohen Narren, Die sich in Kammern bücken, Doch ihre Wände schmücken Mit goldnen Sterntapeten, Weil wir vom Himmel wehten, Wir Fetzen Licht, nach Winkelmaß gemessen Und wie von einem Handwerksmann vergessen.

Die graue Melodie.

Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet Wie diese harte Melodie: Sand, Sand, Sand, Sand. Und so wird Morgen, und so wird es spät, Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus, Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht, Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus, Ein Kartenhaus. Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht, Doch prüfe ich, wie war er wirr gestückt! Wie oft hat mich das Leben denn berauscht, Und geht doch hin!! – und viele hat's beglückt, Beglückt.

Inbrunst.

Die Sterne sind zu groß und mußten wohl deshalb So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns. Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns. Er sitzt den Heimathügeln auf der Brust als Alp. Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht. Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt? Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.

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