Paul Wertheimer.
Reading edition
Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. – Gedichte 1896. Neue Gedichte 1904. Im Lande der Torheit 1910.
Seelen.
Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich, Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht, Mit freien Kronen, die der Seewind küßt … So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei. Doch zwischen beiden webt ein feines Licht Und Silberduft, der in den Zweigen spielt, Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin …
Ostsee.
Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande. Das Meer … Das Meer! Mein wahrgewordner Traum! Ich bin vergraben in dem feinen Sande Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum. Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn. O meines jungen Traums Unendlichkeiten! Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn. Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut, Und von des Meeres königlichen Gnaden Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht!
Tote Stunde.
Menschen sterben von mir ab wie Blüten Meines lieben Baumes vor dem Fenster. Gestern war er noch voll rot und weißen Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend. Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt – Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter? Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige? Murmelte der Wind zur Nacht von neuen, Ahnungsvollen, ungewissen Dingen – Und die Blüten stoben hin erschrocken Und sie fielen weit, weit ab und starben …