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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Ricarda Huch.

Reading edition

Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde dort 1891 als eine der ersten Frauen zum Dr. phil. promoviert. – Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.

Sehnsucht.

Um bei dir zu sein, Trüg' ich Not und Fährde, Ließ' ich Freund und Haus Und die Fülle der Erde. Mich verlangt nach dir, Wie die Flut nach dem Strande, Wie die Schwalbe im Herbst Nach dem südlichen Lande. Wie den Alpsohn heim, Wenn er denkt, nachts alleine, An die Berge voll Schnee Im Mondenscheine.

Unersättlich.

Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl, Klang und duftendem Blütenguß Mein verlangendes Herz einmal Füll mir, seliger Überfluß! Gib mir ewiger Jugend Glanz, Gib mir ewigen Lebens Kraft, Gib im flüchtigen Stundentanz Ewig wirkende Leidenschaft! Aus dem Meere des Wissens laß Satt mich trinken in tiefem Zug! Gib von Liebe und gib von Haß Meiner Seele einmal genug. Gib, daß Tau der Erfüllung mir In die Schale des Herzens fließt, Bis sie, selber verschwendend, ihr Überschäumendes Glück ergießt!

Du.

Seit du mir ferne bist, Hab' ich nur Leid, Weiß ich, was Sehnsucht ist Und freudenlose Zeit. Ich hab' an dich gedacht Ohn' Unterlaß Und weine jede Nacht Nach dir mein Kissen naß. Und schließt mein Auge zu Des Schlafes Band, So wähn' ich, das tust du Mit deiner weichen Hand.

Heimatlos.

Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe, Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe. Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume, Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume. Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne, Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben! Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben. Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen; Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen. Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen, Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen. Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle, Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle; Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen, Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen. – „Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter, Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter. An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.“ –

Erinnerung.

Einmal vor manchem Jahre War ich ein Baum am Bergesrand, Und meine Birkenhaare Kämmte der Mond mit weißer Hand. Hoch überm Abgrund hing ich Windebewegt auf schroffem Stein. Tanzende Wolken fing ich Mir als vergänglich Spielzeug ein. Fühlte nichts im Gemüte Weder von Wonne noch von Leid, Rauschte, verwelkte, blühte, In meinem Schatten schlief die Zeit.

Verstoßen.

Ich weiß, daß ich sterben muß An deinem Lieben. Du hast mich ins Elend getrieben Mit deinem Kuß. Ich irre verbannt, allein Und ohne Frieden, Seit ich von der Welt mich geschieden, Um dein zu sein. Nie werd' ich mein Vaterland, Das süße, schauen; Nie wirst du den Herd für uns bauen Mit froher Hand. Oft streckst du die Arme aus, Wenn ich dir fehle. So fern bin ich; nur meine Seele Irrt um dein Haus.

Herbst.

Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen? Nicht wie die Welkenden fromm Wollen wir beide zu Tode wallen – Küsse mich, komm! Wolkenjagd oben in fernen Räumen! Köstlich und wonnevoll Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen, Übermutstoll. Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen Alles in einem Zug! Größeste Fülle, doch dem Bedürfen Nimmer genug! Laß uns das weinleere Glas zerschmettern, Komm von dem Gipfel ins Grab, Gleich unverletzlichen ewigen Göttern Lächelnd hinab!

Ankunft im Hades.

In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast. „Sei, Genosse, uns willkommen! Sprich, was du vernommen Auf der Erde schönen Fluren hast. Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz Und von rosenroten Wangen; Sag, ob fröhlich schwangen Kleine Mücken den geschwinden Tanz. Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond? Über unsern Leichensteinen Sahst du uns beweinen Jene Schar, die froh im Lichte wohnt? Ihnen strömt der Tränen holder Tau, Der befreit und löst die Schmerzen, Wie das Eis im Märzen Frühlingswinde wonnevoll und lau.“ – „Lenz war droben, da von dannen ich gemußt. Mit hinab in eure Grüfte Nahm ich Veilchendüfte: Diesen vollen Strauß an meiner Brust.“ – Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual Muß auch Tantalus sich wenden; Jäh aus müß'gen Händen Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.

Liebesreime.

I.

Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang; Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang, Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied? Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief, O, wie wurde mir dabei die Seele weit; Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief, Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

II.

Ich hatte so viel dir zu berichten, Neuigkeiten, allerhand Geschichten; Aber nun bist du auf einmal so nah Mit diesem Kinn und diesen Wangen, Alle Gedanken sind mir vergangen – Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde, Nur eine Spanne von meinem Munde, Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!

III.

Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen Über alles schön und herrlich ist geraten: Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen, Mond und Sonne waren seine Paten. Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen: Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen. Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne: Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.

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