Stefan Zweig.
Reading edition
Geboren am 28. November 1881 zu Wien. – Gesammelte Gedichte 1921.
Singende Fontäne.
Blauer Blick des Mondescheines Kühlte meines Zimmers Wand; Da hört' ich die Stimme eines, Der im Dunkel unten stand. Und wie ich die Scheibe staunend In den Garten niederbog, War es Singen, süß und raunend, Das zu mir ans Fenster flog. Keinen sah ich. Nur im Dunkeln Blinkte das erhellte Spiel Der Fontäne, die mit Funkeln Zwischen Busch und Bäume fiel. Unruhvoll und doch beständig Schien das silberne Getön Wie ein lautes Herz lebendig Durch die Brust der Nacht zu gehn. Und ich fragte: „Warum rauschst du Heute mir zum erstenmal?“ – Und ich horchte: „Warum lauschst du Heute mir zum erstenmal? In das heiße Gold der Tage, Stumm im Steigen, Lied im Fall, Durch den Samt der Nächte trage Stet ich den erregten Schwall Meiner eignen Überfülle, Und du, der mir nahe ruhst, Wirst erst durch den Gruß der Stille Unsrer Brüderschaft bewußt? Hast du nie denn an der Schwelle Des Erwachens wirr gefühlt, Daß dir eine lautre Welle Nächtens durch dein Herz gespült, Daß mein Singen dich durchwebte Und im Schlafe aufwärts schwoll, Bis es Blut um Blute lebte Und an deine Lippen quoll, Bis als Lied der eingeengte Schauer einer fremden Lust, Die ein Traum in dich versenkte, Wild aufbrach aus deiner Brust? So in dein Geschick verflechte Ich mir meines Lebens Spur, Und bin doch im Kreis der Mächte Eine leise Stimme nur, Eines von den stummen Dingen, Die dein Wesen zauberhaft Und geheimnisvoll durchdringen, Und von deren steter Kraft Nur verloren-leise Kunde Manchmal deine Seele faßt, Wenn du dich hinab zum Grunde Eines Traums getastet hast.“ Immer ferner schien der Schimmer, Immer dunkler Wort und Sinn, Doch mein Herz lauschte noch immer Nach der weißen Stimme hin, Die vom Garten, bald wie Trauer, Bald wie Lächeln, wundersam Über Bäume, Busch und Mauer Schwebend an mein Lager kam, Und an meine Brust sich schmiegend Ihrer Worte Wiege schwang, Bis ich, fern im Schlummer liegend, Glanz nur fühlte und Gesang.
Schwüler Abend.
Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus, Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne! Faß mich doch enger, du vertrautes Haus, Reiß mich an dich, gib mich nicht an die Ferne, Lieg nicht so träg, so stumm, so atemlos, Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen, Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde, Hörst du: Ich brauche einen, sei es bloß Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen, Das Knurren nur von einem nahen Hunde, Nur nicht dies fröstelnde Verlassenscheinen, Nur Etwas, das dies drohende Gewicht Der ganz verstummten Stube von mir hält, Und daß des Herzens Hammer nicht So ohne Antwort in die Stille fällt! Haus, halt mich fest! Zu viel Von meinen Nächten hab' ich hingegeben An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel. Wie bin ich müd, die abenteuerlich Erregte Luft, die lichterlose Schwüle Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich, Und endlich flackernd in mir selbst zu fühlen. Schließ du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen, Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben In lieber Menschen Bild, in eine Frau, Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau Aufschwülend unerklärliche Verlangen, Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen! Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben, Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will, Dies lüstern Spähn, dies angespannte Hangen An jeder mattbeglänzten Fensterscheibe – Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben Denn noch nicht in mir still? Nein, halt mich, Haus! Verschließ mit dunklen Scheiben All meine Unrast: und ich bleibe dein. Ich selbst will ja den Abend so, nur so, Wie er den andern ist: ein Müdesein, Nur so, Als sinke mit den schwindenden Kulissen Ein buntes Spiel in bilderlose Räume. Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, – Und dann nur Träume, bilderlose Träume.