Hugo von Hofmannsthal.
Reading edition
Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. – Gesammelte Gedichte 1907.
Vorfrühling.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn. Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar. Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten, Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt, Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei, Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte mit Neigen Der Ampel Schimmer. Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn. Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehen Blasse Schatten Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern nacht.
Die Beiden.
Sie trug den Becher in der Hand, Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand. So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang. So leicht und fest war seine Hand: Er saß auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand. Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte.
Ballade des äußeren Lebens.
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihrer Wege. Und süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig Tage und verderben. Und immer weht der Wind, und immer wieder Vernehmen wir und reden viele Worte Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder. Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen Und drohende, und totenhaft verdorrte … Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen Einander nie? und sind unzählig viele? Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen? Was frommt das alles uns und diese Spiele, Die wir doch groß und ewig einsam sind Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? Und dennoch sagt der viel, der „Abend“ sagt, Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Manche freilich …
Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne. Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände. Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden: Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne. Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Terzinen über Vergänglichkeit.
Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, daß diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: Daß alles gleitet und vorüberrinnt Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, Herüberglitt aus einem kleinen Kind, Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war, Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar. So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
Erlebnis.
Mit silbergrauem Dufte war das Tal Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales Verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem webenden Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Blumen waren da, Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze War angefüllt mit einem tiefen Schwellen Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich, Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, Verwandt der tiefsten Schwermut. Aber seltsam! Ein namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer – Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
Dein Antlitz …
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf! Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war, Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
Terzinen.
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen, Und Träume schlagen so die Augen auf Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen, Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf Der Vollmond anhebt durch die große Nacht. .. Nicht anders tauchen unsre Träume auf, Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht, Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht. Das Innerste ist offen ihrem Weben, Wie Geisterhände in versperrtem Raum Sind sie in uns und haben immer Leben. Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
Der Jüngling in der Landschaft.
Die Gärtner legten ihre Beete frei, Und viele Bettler waren überall, Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken, Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen, Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen. Die nackten Bäume ließen alles frei: Man sah den Fluß hinab und sah den Markt Und viele Kinder spielen längs den Teichen. Durch diese Landschaft ging er langsam hin Und fühlte ihre Macht und wußte, daß Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen. Auf jene fremden Kinder ging er zu Und war bereit, an unbekannter Schwelle Ein neues Leben dienend hinzubringen. Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele, Die frühern Wege und Erinnerung Verschlungner Finger und getauschter Seelen Für mehr als nichtigen Besitz zu achten. Der Duft der Blumen redete ihm nur Von fremder Schönheit, und die neue Luft Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht: Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
Aus „Der Tod des Tizian“.
Gianino spricht: Mir war, als ginge durch die blaue Nacht, Die atmende, ein rätselhaftes Rufen. Und nirgends war ein Schlaf in der Natur. Mit Atemholen tief und feuchten Lippen, So lag sie, horchend in das große Dunkel, Und lauschte auf geheimer Dinge Spur. Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel Hernieder auf die weiche, wache Flur. Und alle Früchte schweren Blutes schwollen Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen, Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn, Und es erwachten schwere Harmonien. Und wo die Wolkenschatten hastig glitten, War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten … Leis stand ich auf – ich war an dich geschmiegt – Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen, Als hörte man die Flöte leise stöhnen, Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht, Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet. Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten; Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten, Wo sich die offenen Granaten wiegen, Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen, Und viele saugen, auf das Rot gesunken, Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken. Und wie des Dunkels leiser Atemzug Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug, Da schien es mir wie das Vorüberschweifen Von einem weichen, wogenden Gewand Und die Berührung einer warmen Hand. In weißen, seidig weißen Mondesstreifen War liebestoller Mücken dichter Tanz, Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz Und plätscherte und blinkte auf und nieder. Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren, Ob badender Najaden weiße Glieder, Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren Vermischte sich dem Duft der Aloe … Und was da war, ist mir in eins verflossen: In eine überstarke, schwere Pracht, Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.
Aus „Der Abenteurer und die Sängerin“.
Der Baron spricht: Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen, Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen! Vergoldete Delphine stell vors Tor, Die roten Wein ins grüne Wasser spein! Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf Und schaff Livreen. An den Treppen sollen Drei Gondeln hängen voller Musikanten In meinen Farben. Ich will den Kampanile um und um In Rosen und Narzissen wickeln. Droben Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl, Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen. Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer, Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln, Daß sich die Fische angstvoll in den Grund Des Meeres bohren, daß Europa sich Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht In einem dunkleren Gemach versteckt Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt! Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab Den Veronese und den Aretin, Spann Greise vor, bau eine Pyramide Aus Leibern junger Mädchen, welche singen! Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust! Die oben liegen in den bleiernen Kammern Und ihre Nägel bohren in die Wand, Die sollen innehalten und schon meinen, Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel Mit rosenen Händen und dem wilden Duft Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! … * * * Derselbe spricht: O hättest du gelernt wie ich zu leben, Dir wäre wohl. Ich achte diese Welt nach ihrem Wert, Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen So lange werfen soll, als Tag' und Nächte Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen. Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen Und sich zusammenziehen wie ein Igel, Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben! Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm Die Welt einsaugen, über Berge hin! Die Städte drunten, funkeln wie die Augen! Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste! Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen Im Spitzenbette weinen lassen und Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht? Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres Als hier im Zimmer auf und nieder gehn, Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen Und draußen an der Tür den wilden Atem Von einem gehen hören oder einer, Die lauert und in der geballten Faust Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! …