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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Hans Bethge.

Reading edition

Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. – Die stillen Inseln, Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.

Die Hoffende.

Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, – Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt, Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel Und alte Blumen und das Lied der Lerche, Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl. Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und Sie war so reich! und nun hob sie die Hand Leis auf und küßte sie: die ganze Lust, Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.

Nach Sonnenuntergang.

Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange, Die Dünen glänzten durch die Abendluft. Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten, Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst! Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte Und rissest eine Rose vom Gesträuch Und küßtest sie und warfst sie in die Winde Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne! Und braun und göttlich glänzten deine Schultern, Und herber Duft des Meeres hing an dir.

An eine Kunstreiterin.

I.

Wie eine Blume, drüberhin der Lenz- Wind geht; wie eine Tänzerin, die rastend Das Echo noch des Rhythmus in sich fühlt, Der sie entzückte, und ihm ohne Willen Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach, Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar Und in den Augen noch der Glanz der Lichter, Und deine Hand fährt über meine Knie, Liebkosend, träumend, so als streife sie An eine Welt, mit der sie nichts verbindet, Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.

II.

Du bist der schönste Gedanke des Frühlings. Du bist der süßeste Hauch, Der am Abend mich anweht. Du bist die wilde Verzweiflung Aller, die dich lieben. Ach, du hast in finstere Nacht Auch mich gehüllt. Wer bist du? Du bist der süßeste Hauch, Der am Abend mich anweht.

III.

Deine feinen Hände Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben. An deinen feinen Brüsten Hängt der Abend in Glanz und Demut. Aus deinen verdunkelten Augen Weht Kühle mich an. Die Kühle deines Herzens weht mich an Aus deinen Augen bei Abend.

Wir wehen …

Wir wehen durch die Lüfte, Grau wie Regen weht, Zart wie Düfte der Blumen, Bang wie der Flöte Lied. Wehen mit Eile, sinken Nieder in einem Feld, Abend hüllt kühl uns ein, Nacht ist so märchenschön. Manche erheben wieder Ihre Flügel, wehen Weiter, düstere Wolken Oder Gerüche der Flur. Andere bleiben liegen In den Hainen und Gärten, Werden Erde und Halme, Spielend im Frühlingshauch. Hörst du ein Seufzen im Abend? Und ein Lachen im Wind. Wer da wehte vorüber Ach – und wohin? wohin?

Vision.

Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du, Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken. Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch – Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht, Und rings lag öde, schmachtende Finsternis, Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen Riefen nach dir, o Mondenhauch!

Hinschlendern.

Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen, Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen, Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond, Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten, Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen Den Wolken und dem Winde und dem Meer, Und schlafen, schlafen … Und in lindem Traume Entgleitet alles, und die schönste Stunde Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.

Dasein.

Mond und Liebe und dann Ein Schluck Wein ab und an Und dann – Herz, warum so trübe? Und dann Mond und dann Wein Und Liebe, – herbsttrübe Verrinnt das Sein. Aber manchmal aufglüht Ein berauschender Funken, Dann taumeln wir trunken, Bis der Funken versprüht. Dann das alte Lied: Mond und Liebe und dann Ein Schluck Wein ab und an.

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