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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Richard (von) Schaukal.

Reading edition

Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. – Gedichte 1893. Verse 1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht 1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902. Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe 1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915. Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916. Gedichte (1892–1918) 1918.

Der Fiedler.

Ein Spielmann auf seiner Geige strich. Es klang so rot, so königlich. Das harte Kinn lag auf der Fiedel. Ein Knabe ging und stand und blieb. Und jeder Strich war ein Sensenhieb. – – Den andern war's nur ein Straßenliedel.

Kophetua.

König Kophetua hob seine goldene Krone Von den goldenen Locken und schwieg. Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg Über die steilen Stufen, und ohne Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar. Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten Haare gehüllt. Ein großes Verzichten Lag in ihrer Augen blinkender Nässe. Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar. König Kophetua legte die goldene Krone Über die eisengerüsteten Knie und harrte Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte Magd erblicke, flehentlich, ohne Sich umzusehn, wo sein Gefolge war …

An die Baronin Colombine.

Baronin Colombine ist so zierlich und zart. Ich zupfe die Mandoline – leider noch keinen Bart. Baronin Colombine, nimm dich in acht: Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht. Baronin Colombine, lach nicht so laut! Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut! Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh. Ins Wasser die Mandoline – und mich dazu!

Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.

Mit blutgemiedener langer schmaler Hand, Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen, Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen, Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt. Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand, Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich, Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund, Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund. Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich: Ich beschenke sie reich – Und peitsche sie wieder wund. Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot: Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.

Pierrot pendu.

Und ich sah dich nachts an der Laterne: Bleich und traurig hingst du, Pierrot, Trübe schimmerten die späten Sterne, Als dein alter Freund, der Mond, entfloh. Da im Gassendunkel deine Züge Schmerzlich schienen und gedankenbang, Sann ich über deines Lebens Lüge, Armer Narr am selbstgeknüpften Strang. Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten, Rührte leise nur an deiner Hand. Husch, ein Schatten war hinweggeglitten, Der verstohlen mir im Rücken stand.

Musset.

Ich liege mit der Zigarette Bis an den Morgen – o das böse Licht! – Müd ohne Schlaf im Seidenbette Meiner geliebten kleinen Ninette Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht. Was hast du mit meinem Leben getan! Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine, Deine marmornen runden Beine, Fange ich fast zu weinen an Um die ewig verlorene Eine. Ninette, du hast verdünntes bleiches Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer: Wo nehm' ich den Mut für heute her? Sänke ich doch in dein faltenreiches Morgengewand gehüllt ins Meer!

Kavaliere.

Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken, Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette Zierlich bedeckt: sie denken An eine Frau in weißem Spitzenbette; Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt, Sie singen: Großer Gott, dich lobt Die gläubige Gemeinde; Vernichte unsre Feinde!

Goya.

Ich habe die lange schwüle Nacht Bei einer jungen Dame verbracht: Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken … Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen! Steht nicht herum und gafft so ledern! Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern Oder kitzle eure dünnen Waden Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden, Ich bin ein Grande im offnen Hemd. Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt, Ich liebe ein Pferd, Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt, Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt. Dem König lass' ich sagen, er solle Klopfen, wenn er mich stören wolle.

Porträt des Marquis de …

Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd, Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert: Ich ließ es bei einer Dame liegen. Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen: Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren: Störe mich keiner von euch Tieren!

Der Araber.

Ich schlich mich an das Roß heran, Das wiehernd und mit rundem Rücken Ins Eisen beißend stand. Es packen An seiner Mähne und die Hacken Der Fersen, einmal oben, stark Ihm in die Weichen drängen, war Ein Augenblick. Ich spürte gar Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg Vor der bewundernden und scheuen Schar: So war es durch die Uferauen Gerast. Erst als mein flatternd Haar Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen.

Spät.

Spät, wenn die alte Uhr geschlagen Und wieder Stille dich umwirbt, Das Pendel geht, die Lampe zirpt, Steigt es empor aus alten Tagen Und füllt mit Geistergruß die Luft Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen Nach einem längst verhauchten Duft, Nach einer fernen kühlen Gruft, Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.

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