Alfred Mombert.
Reading edition
Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. – Tag und Nacht 1894. Der Glühende 1896. Die Schöpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blüte des Chaos 1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher 1909. Der Held der Erde 1919.
Das junge Liebchen …
Das junge Liebchen saß bei mir am Tisch. Ich aß und trank und weinte bitterlich. Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt. Das war aus seinem Hemdelein genäht. Es bot mir dar ein silbern Becherlein, Da war sein eigen Blut darin. Es reichte mir vom frischen Brot den Laib. Das war sein eigner liebewarmer Leib. Dann lächelt' es geheim und sonderbar, Steckte eine Rose sich ins Haar. –
Ich liege …
Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster. Die beiden Arme ruhen beieinander. Wir schaun hinab in ein Blumengärtchen. Blicken beide stumm auf eine rote Nelke. Wir wissen, daß wir jetzt und so uns lieben. Auch: daß wir niemals mehr uns lieben werden Nach diesem Augenblick.
Ja in der Jugend …
Ja in der Jugend war ich der starke Junge, Schleppte die stärksten Helden an meinem Tau; Aber da wässerte mir die Zunge, Und da hing ich am Arm einer Ehefrau. Ich hab' eine schöne Tochter, einen stolzen Sohn. Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron. Ich bin in der Höhe der Kaiser. Aber mein Haar wird stündlich weißer. Sie lächeln, sie flüstern in der Tiefe in geheimem Ton.
Nun beugt die Nacht …
Nun beugt die Nacht sich singend über mich. Ich ward erwählter Liebling der Natur. In einer Barke liegend Einen blauen Strom hinab durch grüne Landschaft, Die Sonneseele über mir, Fahnen Am Ufer, tönt Musik, und Festtagmenschen – O Seele! volles, volles Leben! Einem schäumenden Silberwassersturze treib' ich zu. Stolze Klippen! jubelnd grüßt euch Das reichste Herz! seid würdig, Schmettert kühn hinab!
Wann ich von dir gehe …
Wann ich von dir gehe, Noch schallt die Marmortreppe unter mir, Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung – Werd' ich zum Wurm? – werd' ich zum Engel? Aus dunklen Wäldern kam ich her zu dir In die strahlende Marmorstadt. Küsse mich In goldenen Strähnen! Doch in mir sind die dunklen Eibenwälder.
Auf steilem Felsrücken …
Auf steilem Felsrücken hingestreckt mächtig ein Weib, Ein einzig fühlend Auge der weiße weiche Leib. Zugepreßt krampfhaft das winzige graue Augenpaar: Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar. Sie zuckt! bäumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual! Goldene Ströme: es schäumt ihr wild Haar zu Tal. Und eins – immer eins das weiße Ringen spricht: Schmerzvoll ist das Licht!
Ich möcht' es kosten …
Ich möcht' es kosten, in seliger Neugier, Das was man Tod nennt. Manche lange Nacht Hab' ich gekostet, was so fremd mir war, So übermächtig, wie kein Tod es sein kann. Ich stand oft an jener feinsten Linie Und war wohl schon mit halber Seele drüben. Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden. Nur eine Stimmung kräftigte ich mir. Ein Kinderlächeln meinen Seelewundern. Am Ende fließen nun die Freudetränen. Wo bist du, Sehnsucht? – Alles ist Erfüllung.
Schwindsucht.
Aus einer Wallfahrtskirche treten sie, Drin wundertätig eine Heilige wirkt. Ein junger Mann und eine blasse Frau. Sie führen sich an der Hand wie Kinder, Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht. Ein müdes Lächeln hißt sich auf Halbmast. „Nun bin ich bald gesund, du süßer Mann“ … „Nun bist du bald gesund, mein süßes Weib“ …
Trinkend …
Trinkend hatt' ich erharrt Deine Gegenwart. Und nun du eingetreten, Ist alles schön und stille, Du und deine feierlichen Reden, Lächelnd ruht mein Wille. Du und dein Samt- und Sternekleid. Ich und meine schaffende Vergangenheit. Und ich bemerke wein- und glutselig: Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert, Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert.
Im Mondlicht …
Im Mondlicht und im Sonnelicht Schrieb ich mein Gedicht, Seltener im Sternelicht. Die kleineren Lichter Überließ ich dem guten deutschen Dichter.
Da spülst du bunte Muscheln …
Da spülst du bunte Muscheln an den Strand Zum Spiel für die alte Schöpferhand. Und so ruhend Hand in Hand mit dir Fühl' ich das Unvergängliche in mir. In blauer Luft der Adler schreit. O feuchter Wind! o kühle Zeit! Ein spielend Kind, Ein Kind mit uferloser Vergangenheit. O Lächeln, das aus meinem Menschenherzen fließt Und sich in tränendem Gesang vergießt. Du Glut und Pracht! Du meine Schöpfermacht! Du Meer! Du Sonne! – Adlerschrei! – Und immer die große Melodie dabei.
Zwischen zwei dunklen Wogen …
Zwischen zwei dunklen Wogen liegend, Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend, Ruf' ich meine Machtstunde auf. Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf, Er lagert hoch über der glänzenden Ozeanfläche Am Stamm der himmeldunklen Esche. Dröhnende Stunde der feierlichen Achtung, Der schweigenden Betrachtung. Einst war hier nichts als mein Beruf. Heut lieg' ich körperlich in großen Träumen Zwischen weißen Wogenschäumen, Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.
Ich tat große Dinge …
Ich tat große Dinge, Und gab dem Saturn wundervolle Ringe. Aber da sah ich dann alles von selber geschehen, Nichts mehr warten und stehen, Mein Geist geriet in Zwang, Hinein in fürchterlichen Zusammenhang, Daß ich wahnsinnig in einer Kette rang. Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr. Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr. Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer. Weite Stillen Überwölben meinen Willen. Unsichtbare Geigen Bereden mich, zu schweigen.
Ich lag auf dem Meer …
Ich lag auf dem Meer, über mir wälzte sich das Licht. Ich sah: von einer glänzenden Klippe Banden weißer Vögel aufschwirren. Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen. Weiße Tiere, Traum, Phantasie und Meer. Weiße Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.
Der Mond betrat …
Der Mond betrat der Urnacht Land Hinter meiner tastenden Führerhand. In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche Fanden wir liegen eine große Leiche, Die uns fremd war, einsam, ohne Namen. Saßen; aufgestützt ins dunkle Antlitz starrend; Traumhaft; einen Gedanken erharrend. Und wir haben Flüsternd uns beraten; Den Toten im Felsgebirg begraben. Doch wohin wir forschend später kamen, Fanden wir die Spuren seiner Taten.
Mich jammerte …
Mich jammerte dein graues Dämmerweh, Ich legte dich sanft hin auf weißen Schnee. Ordnete dein rotes Flammenhaar, Das einst so schmerzhaft, hier so selig war. Und kniend im Schnee und über dich geschoben Hab' ich aus deiner grünen Augentiefe Einen schönen Stern gehoben. * * * Sterne schwimmen auf den milden Fluten, Die alles tragen. Was willst du noch sagen, Du Glänzende, in deinen Abendgluten!
Bevor ich …
Bevor ich diesen Inselstrand verließ, Entdeckte ich letztmals streifend eine Höhle, Da drinnen ward mir eine neue Seele, Die mir ein höchstes Glück verhieß. Und so saß ich lange, Ein tiefes Lächeln auf meiner Wange. Vom Licht umzittert in der Dämmerkühle. Glühend in einem neuen Heimat-Urgefühle. * * * Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß. Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies. Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ. Mein Boot lag in der Mondquelle. Ich stand in vollendeter Helle. Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies.
Ich hörte den Wind …
Ich hörte den Wind durch die Eichenkronen streichen. Mein Herz war kühl wie die Teiche meiner Heimat. Die weißen Wolken über den grünen Hügeln! Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe übers Meer. * * * Ein Haus … Nur der Grille Stimme klang In die stillen Bereiche. Manchmal, eines Mädchens kühler Sang, Der wellengleiche. Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang Am zitternden Teiche.
Am Saume …
Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges, Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel, Stand ich im Zwiegespräch mit einem Weibe. Die starken Schultern glänzten in der Dämmerung, Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib. Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft Über reiche Wiesen, violette Ströme, Bäume dunkelten am Himmel, Leise brausend sprach fernher ein Meer. Manchmal schritten Gestalten: Erzengel, in großem Abend An uns vorüber: grüßten: Und wünschten uns und unsern Kindern Heil.
An Ufern des Rheins …
An Ufern des Rheins auf weißen Rossen Sprengen wir, Freunde! Sie schleudern die Mähnen, Sie wiehern auf zum Morgenstern! Wir sind schön gekränzt mit Erde-Freuden Und trunken wunderbar des Sieger-Weins – Es sind Wogen-Rosse! die weißen Rosse! Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins! Wir sind jung, im Feuer zeugerisch, Welten nahe – Erde fern – Es sind Äther-Rosse! die weißen Rosse! Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!