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Deutsche Lyrik seit Liliencron

Franz Evers.

Reading edition

Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. – Fundamente 1892. Eva 1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896. Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.

Rosenglut.

An manchem Abend weht mich Sehnsucht an, Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst, Und halberregte Wünsche spür' ich dann Und wie du nach mir bebst. Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen, Weil so das meine klingt und loht, Vor meinem Haus, von allen Bäumen Lockt glühender das Abendrot. Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen, Will ganz mein Herz nach dir vergehn .. Ich glaube dich über den stillen Rasen Mit lauter Rosen kommen zu sehn …

Jugend.

Am Schlehdorn, am Schlehdorn – Wißt ihr, wo der steht? Da sprach der Hirtenknabe Sein Morgengebet. Trieb die Schafe dann auf die Weide Hin durch den sonnigen Raum; Über die blühende Heide Träumte sein junger Traum. Am Schlehdorn, am Schlehdorn – Wißt ihr, wo der steht? Da sprach eine junge Dirne Ihr Abendgebet. Und der Wind kam von der Heiden Und küßte ihres Kleides Saum .. Die beiden, die beiden Träumten den ersten Traum.

Abendlied.

Du ferne Flöte Hinter dem Hügel dort, Wie sprichst du glühenden Klangs, Was mein Herz verschweigen muß, Wie bebst du zitternd dahin Über die Apfelblüten im Mondlicht, Daß die Schatten der Bäume Zu schwinden scheinen Und alles in Glanz getauchte Selige Sehnsucht wird, Aus Menschenschmerz leise sich ringend: Selige Lebensglut. Einsame Stimme du Hinter dem Hügel dort, Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.

Ein Gastgeschenk.

Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer; Die Rosen blühten auf; das Fenster klang. Und von den Gärten draußen kam noch immer Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang. Du hingst an mir, und deine Augen glänzten; Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand … Und Abendlichter, die dich rot umkränzten, Und selige Sehnsucht, die dich mir verband. Und nichts als goldne Fülle um uns beide: Die bebenden Hände und der taumelnde Mund … Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide, Das zitterte von dir und war so wund – Du aber lächeltest.

Der Künstler.

„Es liegt ein Plan in einem weiten Tal, Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht. Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet, Ist so von ungekanntem Sehnen schwer, Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst. Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken, Von einer Ruhe, die du kaum empfunden, In einem Licht, das Farben voller macht. Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut, Auf daß es doch vertraute Laute wecke, Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad. Denn weich und mild ist nebenan der Rasen, Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft. Inmitten, wo drei alte Rieseneschen Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen, Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen. Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar Und knieen dann. Und wenn es Abend ist, Empfangen sie den Tau der Gnadensonne, Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt, Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden, Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!“ So kündete der alte Sänger mir, Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern; Und heute schon fand ich die klaren Wege. Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen, Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe. Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe, Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet. Der Rasen ruht in weichem Schlummer da. Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land, Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar, Ich bringe meine Menschensehnsucht dar, Und fühle meine Seele ganz erwachen. Und wie die Rosen stärker sich entfachen Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist … Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt, Und was ich schaue, ist der Wunder größtes: Dich, du formender Gott!

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