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Schattenbilder

William Shakespeare

Reading edition

Es kann an einem schönen Sommertag des Jahres 1612 gewesen sein, als der Komet Shakespeare, ein Mann von siebenundvierzig Jahren, in seine Heimatstadt, nach Stratford zurückkehrte. Er war fast fünfundzwanzig Jahre lang in der Fremde gewesen, in London, wo er als Schauspieler und späterer Theaterleiter ein Vermögen erworben und seinen guten Ruf verloren hatte. Wie der Abdruck seines Gewerbes an der Hand des Färbers, so klebte die Schmach seines verachteten Gewerbes an ihm. Während die fünfundzwanzig Jahre mit Sonnenschein und Regen, mit Donner und Blitz und Ungewitter über seine Seele gezogen waren und in diesem Spiegel Gestalten wie Cäsar, Hamlet und König Lear hineingeschaut hatten, war es in Stratford ganz wie früher geblieben.

Dort floß noch das Flüßchen, in dem er als Knabe gebadet hatte, wie ein silberner Fisch im Morgenlicht dem Meere zu. Da grünten die Wiesen, und Kühe rupften das Gras. Und am Abend, wenn die Nebel steigen, würden wieder die Elfen kommen und tanzen und Oberon und Titania Hochzeit feiern, wie er es einstmals aus jungen träumenden Augen belauscht hatte. Dort war der Abhang, auf dem er immer gelegen hatte, die Chronik in der Hand, aus der ihm Richard III. und Falstaff und Heinrich IV. erschienen waren. Dort blühte die Hecke wieder, hinter der er zuerst geweint hatte, und hinten rauschte der dunkelgrüne Busch, in dem er gewildert und das Gruseln gelernt hatte.

Ging man ein wenig höher, so kam man auf eine öde Halde, wo ihm einstmals am Abend die Hexen begegnet waren — er sah sie noch ganz deutlich vor sich —, wie sie kichernd und heulend giftige Kräuter sammelten. Dort stand noch das Rathaus, düster und verwittert und stolz auf sein Alter, in dem er zum erstenmal Menschen in bunten Trachten Verse sprechen hörte und bei sich dachte, wieviel herrlicher dies sei, als toten Kälbern das Fell über die Ohren zu ziehen und Handschuhe daraus zu machen, ein Gewerbe, das er damals betreiben mußte.

Drüben lag seines Vaters Haus, das jetzt — man könnte stolz darüber werden! — sein eigenes geworden war. Das Dach war schon oft ausgebessert und geflickt wie ein alter Schuh, und die hintere Seite zeigte Sprünge und Runzeln und Risse. Aber die vordere Seite hatte der alte Shakespeare von dem Gelde seines Sohnes neu herrichten lassen und in kindischer Freude über den Wohlstand des Sohnes mit dem nämlichen Holz, das der Stadtschultheiß an seinem Hause hatte, bekleiden lassen. Das war die letzte Freude des Vaters gewesen, der über die Gelder, die der Sohn ihm von London schickte, fast sein letztes bißchen Verstand verloren hatte. —

Dort stand die Kirche noch, in der man ihn getauft und getraut hatte, oft hatte er beides in den ersten wilden Londoner Jahren vergessen. Die Glocken klangen noch wie früher, nur etwas häufiger und etwas frommer. Denn Stratford war puritanisch und orthodox geworden, und man predigte von den Kanzeln gegen die, die am Sonntag die Leute von den „Versammlungen zu den Heiligen“ zu den „Teufelsversammlungen“ ins Theater lockten. Und wenn jetzt die Schauspieler in den Ferien vor die Tore von Stratford kamen, zogen die puritanischen Ratsherren mit den steifen Mühlsteinhalskrausen hinaus und boten ihnen Geld, daß sie wieder abzögen und ihre Lämmer verschonten.

Wie würden Marlowe und Greene und alle die tollen Gesellen seiner Jugend, die Stürmer und Dränger Altenglands gebrüllt haben, wenn sie dies noch vernommen hätten! Er hörte fast in seinem Ohr die Witze, die sie darüber reißen würden: „Kommt! Laßt uns Stratford belagern! Heutzutage verdient man mehr, wenn man nicht spielt, als früher, wenn man sich heiser schrie.“

„Wo sind jene? Sagt es mir, Die vor wenig Jahren Eben also, gleich wie wir, Jung und fröhlich waren? Ihre Leiber deckt der Sand, Sie sind in ein ander Land, Aus dieser Welt gefahren.“

Er blickte zum Kirchhof hinüber, wo die Kreuze und weißen Steine stumm über den Toten Wache standen, und mußte ihrer aller, die er gekannt hatte, gedenken. Dort lag auch sein einziger Sohn Hamlet begraben, der als Knabe, elf Jahre alt, gestorben war. Die Zypresse auf seinem Grabe — so groß würde er jetzt sein! — schaute eben über die niedrige Kirchhofsmauer herüber ihn traurig an.

Auf den Straßen aber spielten die Kinder seiner Schulfreunde mit dem Ball, und keiner kannte ihn, und keinen kannte er. Und er wußte nur, wenn er jetzt die Straße entlang weiterginge bis zu seinem kleinen Hause und den Riegel aufdrückte und gebückt in die niedrige Stube hineinträte, daß dort eine alte Frau, seine eigene Frau, strickend oder spinnend am Herde säße. Sie würde ihn sonder viel Freude begrüßen, als sei er fünf Stunden und nicht fünfundzwanzig Jahre fort gewesen, und dann würde sie darüber keifen und schelten, daß des Nachbars Katze an der Milch gewesen und — alles in einem Atem! — daß ihrer beider Tochter Judith nun fast dreißig Jahre alt sei und noch immer keinen Mann erwischt hätte.

Er mußte lächeln, wenn er daran dachte und auch daran, daß man ihm heute abend eine Bibel an das Bett legen würde, und daß ihm am andern Morgen früh nicht wie sonst irgendein Kamerad an die Tür trommeln könnte mit den Worten: „He, William, fauler Hund! Sollen wir heute ohne dich probieren?“, sondern daß vermutlich ein alter dicker Bürger zu ihm kommen würde, um mit ihm zu beraten, ob nicht sein Sohn Thomas und Shakespeares besagte Tochter Judith ein ehrbares Paar ausmachen könnten, wenn er dem Mädchen eine schöne Aussteuer geben wollte.

Er hatte nicht mehr viel Zeit zum Leben übrig, das wußte er. Nur so viel, um sein Vermögen zu ordnen, sich ein Grab zu kaufen und eine Inschrift dafür zu dichten. Er war sterbensmüde und hatte mit den Menschen, unter denen er herumging, nur den Klang der Sprache noch gemeinsam. Wie ein Riese unter dem Zwergenvolk, oder ein alter Adler, der nicht mehr fliegen will, unter Sperlingen, würde er nun abends in der Schenke unter Stratfords Bürgern sitzen und zuhören, wie teuer in diesem Jahr das Korn sein würde, und wieviel Eier die Hühner am Tage gelegt hätten.

Hinter ihm lag eine Welt voll Bildern, wie sie niemand vor ihm noch nach ihm gesehen hat. Eine Fülle von gesteigerten Gestalten hatte von ihm den Prometheusfunken des Lebens empfangen, und wenn er die Augen schloß, schwirrte und toste die Luft um ihn her von Wesen, die von ihm Blut getrunken hatten. Es schwindelte ihn, und er mußte sich an das Geländer der Brücke lehnen, die über den lieblichen, vielgewundenen Avon führte.

Und es war ihm, als rauschte unter ihm sein ganzes buntes Leben, das arme Leben eines Schauspielers und das reiche eines Dichters, mit seinen vielen Schmerzen und seinen wenigen Freuden vorüber. Und dann war ihm, als zöge er selber nun das goldene Tor der Träume und Märchen hinter sich zu und schritt langsam durch die Welt der Kleinheit dem Grabe zu, in jenes unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Und er sprach noch einmal die Abschiedsworte Prosperos aus dem „Sturm“, sein eigenes Lebewohl an die Bühne und an die Kunst, vor sich hin:

„Ihr Elfen von den Hügeln, Bächen, Hainen Und ihr, die ihr am Strand spurlosen Fußes Den ebbenden Neptunus jagt, und flieht, Wann er zurückkehrt; halbe Zwerge, die ihr Bei Mondschein grüne, saure Ringlein macht, Wovon das Schaf nicht frißt; die ihr zur Kurzweil Die nächt’gen Pilze bildet und am Klang Der Abendglock’ euch freut, mit deren Hilfe — Seid ihr gleich schwache Fäntchen — ich am Mittag Die Sonn’ umhüllt, aufrührer’sche Wind’ entboten, Die grüne See mit der azurnen Wölbung In lauten Kampf gesetzt, den furchtbar’n Donner Mit Feu’r bewehrt. Grüfte auf mein Geheiß Erweckten ihre Toten, sprangen auf Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst Gewalt’gen Zwang. Doch dieses grause Zaubern Schwör’ ich hier ab. Und hab’ ich erst, wie jetzt Ich’s tue, himmlische Musik gefordert, Zu wandeln ihre Sinne wie die luft’ge Magie vermag: So brech’ ich meinen Stab Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde, Und tiefer, als ein Senkblei je erforscht, Will ich mein Buch ertränken.“

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