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Schattenbilder

Oskar Wilde

Reading edition

Wer im Februar des Jahres 1892 um die Mittagszeit auf dem Embanquement an der Themse in London auf und ab spazierte, der konnte fast täglich beobachten, wie ein höchst elegant gekleideter Herr in einem herrlichen Sealpelzmantel, eine Sonnenblume oder eine Pfauenfeder in der Hand tragend, gegen zwei Uhr vom Lunch aus einem der vornehmen Hotels am Strande dort heraustrat.

Er machte ein paar Schritte auf der Promenade, schaute aus seinen großen, glaskugelartigen Augen zerstreut oder phlegmatisch ein wenig dem Leben auf der Themse zu oder blickte dem Rauch seiner Zigarette nach, drehte seine von grünen und blauen Steinen funkelnden Ringe zurecht, pfiff schließlich einem Cab, drückte dem Bummler, der ihm den Schlag öffnete, einen Schilling in die Hand und rollte von dannen in den Hydepark oder irgendwohin, wo die große Welt sich amüsierte.

Dieser Mann im Sealpelzmantel mit der Sonnenblume und den bunten Ringen und der Zigarette und den großen, glaskugelartigen Augen war Oskar Wilde, der damals im Zenit seines Ruhmes stand und sich den „König des Lebens“ nannte, der 300000 Schilling im Jahre einnahm, die er bis auf den letzten Heller für sich und seine Lebensführung verbrauchte.

Von Hydepark fuhr er dann zum Tee zu irgendeiner Gräfin oder Fürstin, die ihn — er war damals das Orakel des guten Geschmacks für die ganze Aristokratie Londons —über holländisches Porzellan oder altfranzösische Gobelins oder japanische Holzschnitte oder sonstige geldverschlingende Passionen um Rat fragte. Bisweilen traf er dort auch zufällig seine Gattin mit dem einen oder anderen seiner beiden Söhne. Man redete ein paar Worte zusammen: „Sie auch hier, Madame?“ — „Du wirst ja ein hübscher Bengel, my boy!“ und Oskar fuhr, sich mit einer geschickten Wendung einen „guten Abgang“ machend, von dannen. Zu einem Diner bei Lord Douglas oder Comte d’Orsay oder Fürst Metternich oder zu einem der vornehmen Klubs im Pall Mall, wo der Prinz von Wales verkehrte, und wo Wilde seinen Geist und sein Geld, beide unerschöpflich, an die vornehme Welt verspielte.

Oder es gab eine Premiere für ihn an jenem Abend, ach, ja richtig, „Lady Windermeres Fächer!“ wurde heute im St. James-Theater aufgeführt. Und er fuhr hin in dem Gehrock Londons, mokierte sich hinter den Kulissen über die guten, beschränkten Leute, die da vorne vor Lachen tobten und Beifall brüllten, und trat schließlich vor den Vorhang, eine grüne Nelke im Knopfloch, die brennende Zigarette in der Hand und sagte so blasiert als nur möglich: „Ich konstatiere mit Vergnügen, daß das Stück dem Publikum zu gefallen scheint.“

Oder er fuhr mit ein paar Freunden oder noch lieber ganz allein in einem eigens zu diesem Zweck gekauften schlechten Anzug nach Whitechapel oder zu den Docks am Horizont der Riesenstadt hinaus und trieb sich bis zur Erschlaffung in den Opiumhöhlen herum und genoß das Laster mit geschlossenen Augen, wie ein Kind Süßigkeiten herunterlutscht.

Oder er gab ein Fest in seinem Hause, das mit Kunstschätzen vollgepfropft war wie ein Museum, bei dem es neu entdeckte Speisen gab, Premieren von Bowlenmischungen, und bei denen ein Diener ein Vermögen verwüstete, wenn er ein Sauciere fallen ließ.

Oder Wilde reiste, wenn er London und die Lords leid war, auf acht Tage nach Paris, wo er ständig eine große, nur selten benutzte Wohnung auf dem Boulevard des Capucines unterhielt, und wo alte Freunde und neue Freuden seiner warteten.

So lebte damals dieser Mensch, der nach seinem eigenen Ausspruch sein Genie an sein Leben, an seine Werke nur sein Talent ausgegeben hat, und alle Welt war entzückt von ihm oder beneidete ihn.

Wer drei Jahre später als diese Zeit, da sein Glück im Zenit stand, nur gewagt hätte, den Namen „Wilde“ in einem Salon Londons auszusprechen, wäre gesteinigt worden. Der Mann dieses Namens, dem einst der König von England kordial verschmitzt die Hand gedrückt hatte, saß zusammengekauert in einer Art Kaninchenstall, im Zuchthause zu Reading, und mußte mit der kahlen Hand, an der einst die bunten Ringe funkelten, alte Säcke flicken und Taue zerpflücken. Er war vom Schwurgericht zu London als Verderber der Jugend, als sittenloser, unmoralischer Mensch zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Seine Haltung vor den Geschworenen war glänzend und ein letztes Leuchten der Ritterlichkeit, die im Dandytum steckt. Er widerrief kein Wort von dem, was er geschrieben hatte, und zuckte nur leise nervös mit den Schultern, als der Urteilsspruch ihm in die Ohren klang, während draußen der sittliche Pöbel Londons vor dem Gerichtsgebäude bei der Nachricht kannibalische Freudentänze aufführte. Und er ging aufrecht, ohne daß seine Füße schauderten, in die Nacht der Gefangenschaft, die ihn vernichtete.

Viele schlechte Psychologen haben sich damals gewundert und wundern sich noch heute darüber, daß Wilde nicht die Frist bis zu seiner Verhaftung, die das Gericht — vielleicht absichtlich — in die Länge zog, benutzte, um ins Ausland zu fliehen. Was ihn daran hinderte, war einmal die grausige Neugier, die Leiden zu schmecken, nachdem er alle Freuden durchgekostet hatte, die teuflische Lust, in den Schatten zu gehen und die andere düstere Hälfte des Daseins zu betreten. Und zum andern war es das brünstige Verlangen des, der sich schuldig fühlt, nach Gerechtigkeit, ob sie ihn auch auslöschen mag, der Schrei des einzelnen, der seine Macht und damit sein Recht überschritten hat, nach Sühne, dieser seltsame soziale Trieb im Verbrecher, der einen Raskolnikow zur Anzeige seiner Mordtat, einen Wilde zur Anerkennung und Abbüßung seiner ihm gleichsam von ihm selbst verhängten Strafe treibt. Weil er nicht wie Krupp bei uns den Mut hatte, selber einen Strich durchs Leben zu ziehen, hatte er dafür etwas nicht minder Gutes, nämlich die fixe Idee, nach der Zuchthauszeit ein neues Leben zu beginnen und mit neuen Kunstwerken die Schmach, die auf der schwarzen Tafel seiner Vergangenheit stand, fortzutilgen und sich so wiederum die Welt zu erobern.

Wie unmenschlich er unter dem mittelalterlichen Vollzug seiner Strafe gelitten, das wird jedem aus seiner Ballade vom Zuchthause zu Reading fürchterlich in die Ohren gellen. Nur eine kleine Geschichte sei hier noch erwähnt, die man nicht erzählen und anhören kann, ohne von Wut ergriffen zu werden: Es war in der ersten Hälfte seiner Leidenszeit. Wilde wurde nebst mehreren anderen aus dem Zuchthause zu Wandsworth nach Reading transportiert. Man mußte den Zug wechseln, und der Trupp der Sträflinge stand eine Weile wartend auf dem Bahnsteig einer kleinen Station. Ein paar Kaufleute gingen auf und ab und sprachen wohl über die beste Möglichkeit, der Konkurrenz den Hals zu brechen. Plötzlich bemerkt einer Wilde unter den Kurzgeschorenen. „Das ist ja Oskar Wilde!“ ruft er, geht auf ihn zu und spuckt ihm, der ihn, ohne zu zucken, aus seinen großen, glaskugelartigen Augen ansieht, mitten ins Gesicht hinein. Dieser Mensch, den die Gesellschaft frei laufen ließ, hätte siebenmal den Galgen verdient.

Der Dichter ist nach seiner Entlassung aus dem Kerker nicht wieder in die Höhe gekommen. Er hatte nicht mehr die Kraft, die vita nuova, von der er geträumt hatte, zu beginnen. Das Sträflingsmal war ihm zu tief in die Seele gebrannt, als daß er den Mut zu neuen Werken gefunden hätte. Verkommen, vom Zuchthausbrei aufgetrieben und häßlich geworden, lebte er noch ein paar Jahre in Paris, oft so arm, daß er frühere Freunde um einen Absinth anborgen mußte, bis er im Nebelmonat des Jahres 1900 in einem kleinen Hotel im Quartier Latin verendete. Ein halb Dutzend Genossen aus alter Zeit geleiteten ihn, den einstigen Liebling von ganz London, zum Armenkirchhof; ein einziger Kranz hing an seinem Sarge. Er war von dem Wirte, bei dem er gewohnt hatte. „Meinem Pensionär!“ stand auf der Schleife gedruckt.

So endete dieser Mensch, dessen Leben viel mehr Bedeutung hat als seine Werke, dessen erste Tat nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus — dies beweist seine Güte — ein offener Brief war mit einem eindringlichen Protest gegen die Entlassung eines Gefängniswärters, der einem hungrigen Kinde ein paar Keks gegeben hatte, dessen witzige Stücke — dies beweist seinen überlegenen Verstand — von ihm alle spielend, meist wegen Wetten hingeschrieben wurden, und dessen Lieblingszitat — dies beweist seine Vorurteilslosigkeit — die Worte des greisen Königs Lear im Shakespeare waren: „Kein Mensch ist sündig; keiner, sag’ ich, keiner. Und ich verbürg’ es.“

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