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Schattenbilder

Eine Rede von Hans Sachs

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Vor der Uraufführung des „Kälberbrütens“ und des „Roßdiebs zu Fünsing“ gesprochen.

Diese beiden Spiele von Hans Sachs, das eine von dem Bauern, der aus Käse Kälber brüten wollte und das andere von dem Roßdieb zu Fünsing, einem Vorläufer unseres Hauptmanns von Köpenick, sind zuerst im Mai 1554 in der schönen Stadt Nürnberg in einem Zelt auf der Festwiese vor der Burg aufgeführt worden. Es war ein blau und weißer Frühlingsmittag, und die Sonne schien so lieblich, daß die Toten gern aus ihren Gräbern gestiegen wären, um eine Weile wieder lachend den Schwänken Hans Sachsens zuzuhören. Halb Nürnberg war an jenem Tage auf den Beinen: Würdige Ratsherren in prächtigen schwarzsamtnen Schauben, die wackeren Gildenmeister mit runden Bäuchen unter ihnen, Kaufleute, Handwerker, Bettler und viel junges Volk. Wie bei Faustens Osterspaziergang. Ganz alte, fast taube Leute hatten sich heute noch aufgemacht und fragten in den Pausen, die Hand ans Ohr gelegt, nach dem, was ihnen entgangen war. Auf der linken Seite vor der sogenannten Bühne saßen von den Männern getrennt die Frauen und lächelten, und hinter ihnen die Mädchen und kicherten. Hans Sachs trat aber zu Beginn des Spieles hervor und hub folgendermaßen an zu sprechen:

„Liebwerte Bürger und Stadtgenossen! Wollet auch heute wiederum gute Miene zu unserm Spiele machen. Insofern der heutige Frühlingstag viel zu schön ist, zum Schimpfen oder schief Maul ziehen, oder mit armem, fahrendem Volke zu hadern. Wir wollen auch diesmal — des dürft ihr gewiß sein! — unser Bestes geben, und der ist ein Lumpenhund, wie ihr wisset, der mehr gibt, als er hat. Wollet also nit zu viel verlangen, sondern bedenket, daß nicht Halbgötter, wie weiland zu Homeri und der alten Griechen Zeiten, auf der Bühne stehen, sondern schlichte Menschen mit Fehlern und Schwächen wie Hannes Holzschuher, Martin Behaim oder ich selber. Guckt also einem solchen Gesellen nicht allzu scharf aufs Maul und verarget es ihm nicht, wenn er sich einmal versprechen sollte — auch der Herr Bürgermeister kann einmal stolpern — oder ein Verslein falsch spricht — auch die Frau Bürgermeisterin kann einmal beim Strumpfstricken eine Masche fallen lassen.

„Wenn einer sein Handwerk ernst nimmt und nimmer denkt, daß er nicht noch besser in ihm werden könnte, soll man ihn nicht schelten. Und so ist es bei dem Maulwerk, so wir betreiben, auch bestellt. Wer aber zufrieden mit sich ist und sich für einen ausgemachten Meister hält, dem soll man einen Mühlstein und ein sattes Schwein an den Hals hängen und ihn in die Pegnitz werfen, dort, wo sie mehr denn zween Meter tief ist. Ich selbst, wiewohl ich schon über tausend Paar Stiefel geflickt und mehr denn 500 neu aus dem Leder geschnitten habe, halte mich noch nit für vollendet in dieser Kunst des heiligen Crispinus, vielmehr gucke gern noch manchem jungen Gesellen, der in Böhmen oder gar in Welschland gewesen ist, seine Sächelchen ab, wenn sie fein sauber sind. Vollends nun gar in der Reimerei oder der Pegasusreiterei, wie die alten Heiden sagten, bin ich aufs Lernen versessen wie ein junges Mädchen unter Zwanzig, so noch keinen Mann gefangen hat, aufs Tanzen. Lasse mir auch gern von jedem Mann und jeder Frau die Wahrheit sagen, selbst wenn es nur ein einfacher Bader ist, der mir den Bart rundschneidet oder ein altes Weiblein, das mir die gelb gewordenen Kragen wieder weiß wäscht. Nur muß es auch die Wahrheit sein, und nit bloß grobes, unmanierliches Zeug. Einem solchen Stoffel und Schimpfpeter, der seine Tage damit zubringt, unserm Herrgott die Fehler vorzuhalten, die er bei der Schöpfung gemacht hat, möchte ich am liebsten zeitlebens das Maul mit Senfpflaster zukleben oder ihm einen Papageien kaufen, der ihm bei Tag und Nacht in die Ohren schrie: ‚Schimpfen ist leichter als loben‘.

„So, liebe Stadtgenossen, wollt’ ich itzo, daß ihr die beiden Stücklein entgegennehmen möchtet, die Apollo, der Gott der Schalkheit, mir letzte Weihnachten, da ich zwei Tage lang meine Schusterwerkstatt schließen und auf den Dichterberg Parnassus klettern konnte, beschert hat: Nicht als das Gewaltigste, was je in Reime gebracht worden ist, noch aber auch als etwas allzu Geringes, wie etwa einen Bierschwank oder eine Sauposse, die ins rechte Ohr hineinschlüpft, um gleich aus dem linken wieder hinauszuspringen, und bei der man zuerst zwar lacht, aber gleich hinterdrein zu sich denken muß: ‚Alter Schafskopf, warum lachst du über solche Narrenspossen!‘ Sondern ihr sollt die Stücklein hinnehmen als zween Leckerbissen und in euer Gedächtnis einschließen wie zwo Goldstücke, die man später in Stunden der Not und der schlechten Laune noch hervorholen kann, um sich zu erheitern und wieder ein paar lustige Augenblicke zu machen.

„Seid auch heute nicht ungehalten, wenn wir ein Frauensmensch mit auf die Bretter bringen. Sintemal ich es für ein Mädchen nit für lästerlich halte, falls sie Witz dafür hat, zum fahrenden Volk zu gehen und mit den Mannsleuten um die Wette zu agieren. Solch eine dient Gott ebenso, wie eine, die gut spinnen kann, ihm am Rocken dient, und wenn auch die meiste Welt anderer Ansicht ist, kann ich doch von dem Glauben nit lassen und will ihn gegen den besten Vater und die fleißigste Mutter vertreten. Freilich, wer die Kunst, andere nachzuahmen und Menschenaffe zu sein, nicht versteht, der soll ruhig hinter dem Ofen oder dem Schraubstock bleiben. Denn der Dienst bei den neun Musen ist schwerer als bei einer zänkischen Herrin, und ich habe — das könnte ich mit den härtesten Eiden beschwören! — beim Reimschmieden viel mehr geschwitzt denn beim Schuhmachen.

„Aber des wollen wir heute nicht gedenken, vielmehr ein jeder sein Arbeit vergessen und lustig sein, wie es sich für einen Sonn- und Feiertag geziemt. Denn niemand weiß, wie es mit unsereinem nach dem Tode wird. Drum wollen wir, solange wir leben, bedenken, daß der Mund den Menschen um dreierlei Dinge gegeben wurde, um zu essen, um zu küssen und um zu lachen. Man kann nur drüber streiten, was das köstlichste von den dreien ist.

Daß euch viel Lust durchs Maul erwachs’ Wünscht heut wie immer euch Hans Sachs.

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