← Table of contents
Schattenbilder

Nachfolge Goethes

Reading edition

Eine Laienpredigt.

Goethe der Große steht auf der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, zwischen dem Rokoko und der Moderne, am Ende einer Gesellschaft, bei der die Geburt alles galt, und zu Anfang einer neuen, bei der einzig das Geld den Ausschlag gibt. Denn, werden wir uns darüber klar, in unserer heutigen Gesellschaft hängt die Stellung des einzelnen und die Achtung, die er genießt, vor allem von der Summe des Geldes ab, die er besitzt. Adel und Orden sind auch heute noch schön, aber sie haben nicht mehr die Kreditfähigkeit wie früher, da man auf sein Adelsprädikat hin, so viel man zum Leben brauchte, geborgt bekam. Heute leiht auch der dümmste Krämer keinem etwas bloß auf diese Garantien, und das Wörtchen „von“ hat keinen Kurswert, ja kaum einen Achtungswert mehr in der Bürgerwelt. Man erinnere sich nur des Stolzes, mit dem der alte Krupp diese Ehre, die keine mehr ist, die er nicht mehr so empfand, abgelehnt hat, was hundert Jahre früher undenkbar gewesen wäre. Titel und Uniformen sind immer noch in Deutschland etwas gern Gehörtes und Gesehenes und flößen manchem Mann und mancher Frau eine gewisse Ehrfurcht ein. Aber im kleinsten Krähwinkel gilt heute der Reichtum ebensoviel und der Millionär nicht weniger als der Landrat und der Major. Vollends im Ausland, und wir müssen heutzutage, ob wir wollen oder nicht, kosmopolitisch denken, fallen alle Titel wie Lumpen von uns ab, und der Geheimrat, der sich seine Briefe nach Capri oder Spanien unter seinem Titel senden läßt, wird wie jeder andere dort nicht nach ihm, sondern nur nach der Höhe seiner Trinkgelder behandelt, und das höchste, was er mit seinem Titel erreichen kann, ist, daß man ihm die Hotelrechnung verteuert.

Unsere heutige verbürgerte und amerikanisierte Gesellschaft reguliert sich in Deutschland, wie in allen Staaten, das kann man selbst in Hinterpommern und auf der Schneeeifel nicht mehr leugnen, vorwiegend nach dem Geld und dem Geldwert des einzelnen und ist mehr als je zuvor auf dem Weg zu einer reinen Plutokratie, die in Amerika ja tatsächlich schon eingetreten ist. Richtete sich einstmals der Ehrgeiz in Deutschland vor allem auf einen möglichst langen Titel oder eine möglichst schöne Uniform, so geht er heute im allgemeinen darauf aus, ein Automobil zu besitzen, beim besten Schneider arbeiten zu lassen, in den feinsten Hotels zu sitzen, weite Reisen zu machen, ein vornehmes Haus oder besser noch, zwei vornehme Häuser zu führen usw. Seien wir ehrlich, die wenigen Menschen, die dieses alles und mehr zur Verfügung haben, die regieren jetzt in Deutschland, die genießen das schönste Leben und die höchste Achtung, für die ist unser Militär, unsere Polizei, unsere Justiz und sind unsere Gefängnisse da.

Die Leute, die dieses mehr oder minder klar bei uns eingesehen haben, pflegen sich je nach ihrem Temperament zu bescheiden oder zu opponieren. An die ersten wendet sich bei uns die Kirche, an die letzten, die Revoluzer, die Sozialdemokratie. Und merkwürdigerweise haben beide im Grunde den gleichen Trost für ihre Patienten, nämlich den auf ein besseres Leben im Jenseits oder im Diesseits, im Himmel oder im Zukunftstaat. Von diesen beiden Hoffnungen leben heute Millionen Menschen in Deutschland, trotzdem keiner ganz genau weiß, ob und wie sie sich wirklich jemals erfüllen werden.

Um dieser Hoffnung willen ertragen sie „des Mächt’gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen“, und vermögen sich in all ihren Leiden und Entbehrungen zu freuen, weil sie selig in ihrem Glauben sind, in dem sie von den Herrschenden nach Kräften noch unterstützt werden, einmal indem man die Religion von obenher fördert und zum andern, indem man die Unzufriedenen auf dem Wege zu ihrem Zukunftstaat durch allerhand Mittelchen und Klebpflästerchen zu vertrösten sucht.

Zwischen diesen beiden auch der Anzahl nach stärksten Parteien in Deutschland wachsen nun eine Anzahl Männer und Frauen wie Blumen im Korn herauf, die auf eine bessere Zukunft zugunsten einer guten Gegenwart Verzicht leisten, die sich sagen: „Wir wollen etwas von unserm Dasein haben, indem wir mit den Menschen und mit dem Leben fertig werden wollen, wie sie uns jetzt umgeben, wie es uns heute und nur heute einmal verliehen ist.“ Diese merkwürdigen unzusammenhängenden Menschen haben sich nach einer stummen aber deutlichen Übereinkunft als Schutzpatron nicht etwa Nietzsche, der sonst für alles Moderne als der Taufpate gilt, sondern Goethe ausersehen. Und zwar nicht einmal so sehr Goethe den Dichter als wie Goethe den Menschen, den Freien, den Parteilosen, den Einzelnen, die Persönlichkeit. Das Ideal „Goethe“ ist errichtet worden. Um diesen Freiheitsbaum tanzen heute die Freien im Geiste in Deutschland wie einst die Jakobiner beim Ausbruch der Revolution in Frankreich um die junge Pappel. Auf das große Bild seines Lebens weisen sie hin mit Stolz und erhobenem Finger wie auf eine Riesengottheit und sagen und singen: „So leben wir, so leben wir alle Tage.“

Er ist kein Christ gewesen dieser Goethe, jedenfalls nicht im kirchlichen Sinne, mag man immerhin ein paar Ausdrücke, die darauf schließen lassen könnten, aus seinen zahlreichen Werken herausfischen und zusammenreihen. Im Grunde war er schon als echter Sohn des achtzehnten, des heidnischsten Jahrhunderts so wenig ein Christ wie Friedrich der Große. Daß ihm die Person Christi selber als einer der verehrungswürdigsten Typen der Menschheit erschien, ist bei einem edel denkenden Menschen selbstverständlich. Aber die Institution der christlichen Kirche und ihre Moral hat er rein tatsächlich nicht gebilligt: Er hat jahrzehntelang mit einer Frau ohne kirchlichen Segen zusammengewohnt, er hat seine Kinder nicht oder erst spät taufen lassen, ist ohne Priester und Bibel gestorben und hat sich, anders wie Ibsen, so unkirchlich wie möglich beerdigen lassen. Man mag darüber denken wie man will, man soll es nur nicht verschweigen oder beschönigen. Seine Lebensführung war somit von Anfang bis zu Ende eine dem kirchlich-christlichen Geist entgegengesetzte, sein Sittengesetz ein freies und jenem begrenzenden Geist geradezu feindliches, indem er die möglichste Entfaltung der Persönlichkeit statt ihre Beschränkung zur Norm für jeden erhob. Er machte den Egoismus, der sich bis dahin wie eine Spinne in allen Ecken herumgedrückt hatte, zum Herrn im Hause und nahm ihm die falsche Scham, die er hatte erheucheln müssen. Er lehrte sich und andern den Himmel auf Erden und nicht über den Wolken oder in der Zukunft zu suchen und zu finden:

„Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.“

Er ging in keine Kirche hinein, und wenn der Sonntag oder ein Feiertag kam, so ließ er sich von seinem Diener Kupferstiche bringen und besah sich die Bilder von Raphael oder ließ sich vormusizieren oder schrieb ein Gedicht an eine Wand im Freien und lief durch den Wald und war mit alledem Christo ebenso nahe wie der Kirche ferne. Und dabei hat man niemals eine Gotteslästerung wie noch bei Voltaire und Diderot oder die Verhöhnung eines Ritus bei ihm erlebt. Nein, er hat beispielsweise den Katholizismus, soweit er deutsche Religion ist, verstanden und tief mitempfunden, ohne dabei freilich in die frömmelnde Richtung eines Friedrich Schlegel oder Zacharias Werner zu geraten, welch letzterem er ob seines Übertritts zur römischen Kirche geradezu sein Haus verboten hat. Er hat das überirdische Bild Christi, wie es uns in den schlichten Farben der Evangelien überliefert ist, stets verehrt und niemals, wie etwa später Heine, geschmäht und besudelt. Aber er war darum doch kein Christ, wie ihn die Kirche, katholische oder protestantische, bei uns verlangt, und hat dies bei jeder Gelegenheit so laut, wie es ihm möglich war, betont. Das soll man nie vergessen, wenn man ihn, den „dezidierten Nichtchristen“, wie dies heute sogar von orthodoxer Seite gern geschieht, zum advocatus dei machen will.

Ebensowenig war er aber auch ein Gesellschaftsmensch, ein Mann der Menge, ein Kompromißler, als welcher er jetzt in der Vorstellung vieler Menschen gravitätisch herumspaziert als hehres Beispiel, wie man sich in die Welt eingliedern soll. Freilich hat er das examen rigorosissimum des Lebens glänzend bestanden, ist als ein alter reicher Mann in allen Ehren gestorben, nachdem er seine Schriften, sein Leben und seinen Ruhm wohl geordnet hatte. Seine Mitmenschen achteten ihn, weil sein Herzog ihn geliebt und geehrt hatte, und wenn man auch bei seinen Lebzeiten seine Stücke nicht anhören mochte, so nahm man ihn doch als Staatsminister und damit höheres Wesen ehrfurchtsvoll und kostenlos hin. Aber sein Leben darum als Musterbeispiel eines guten Bürgers, eines wackeren Staatsangehörigen hinzustellen, das geht wirklich nicht an. Denjenigen, die ihn wegen seiner Kompromisse bei festlichen Gelegenheiten gerne als archicivis feiern und zitieren, muß man zurufen: „Laßt unsern Goethe aus dem Spiel!“ Denn einmal ganz abgesehen von der Moral seiner Schriften wie seines Lebens, welche die breite herrschende oder doch erheuchelte Gesellschaftsmoral fortwährend heute noch vor den Kopf stößt und erst recht gestoßen hat, kann man nicht behaupten, daß Goethe sich sehr in seine Zeit und seine Mitwelt gefügt hat. Erinnert sei nur, um nicht in Kleinigkeiten zu geraten, daran, wie er die „gute Gesellschaft“ in Weimar brüskierte, wie er sich Anno 1813 verhielt, als er seinen Sohn verhinderte, bei Lützows Jägern einzutreten, weil ihm sein einziges Kind noch lieber war als Deutschlands Freiheit, und wie er nicht mit in die Begeisterung gegen Napoleon einstimmte, weil er seine Größe fühlte und nicht behaglich im Zimmer sitzen und Kriegslieder schreiben konnte. Oder man denke daran, wie er sich in jenen häßlichen literarischen Froschmäusekrieg, den „Xenienstreit“, hineinbringen ließ, so daß einer seiner Feinde mit Recht sagen konnte:

„Lümmelhaft nahm er sich immer, der Goethe, und wird auch so bleiben, fünfzigjährig und noch wirft er die Leute mit Kot.“

Nein, ein bequemer Bürger, ein treuer Diener seiner Zeit und ein gutes Mitglied der Gesellschaft ist dieser Mann nicht gewesen, dessen größtes Glück war, einen Karl August zu finden, der ihn vor dem Verhungern und vor der Verbannung gerettet hat.

Was war nun aber das große Geheimnis Goethes, das trotzdem bewirkt hat, daß man sein Leben und gerade dieses heute noch als ein Vorbild für jeden Menschen hinstellen kann und die Nachfolge Goethes fast als modernes Evangelium predigt? Es war einfach dies, sein Leben seiner Veranlagung und seinen eigenen Gesetzen nach aufrichtig zu führen, unbekümmert um die Vorschriften der Außenwelt, die nicht mit seinen sittlichen Anschauungen zusammenfielen, und ohne bei jeder Tat, jedem Wort zu fragen, was nützt mir das oder was schadet mir das? Das ist seine Lebensführung gewesen, die ihm ein jeder von uns an der Stelle, wo er steht, und mit den Gaben, die ihm verliehen sind, nachmachen kann. Daß man ein guter Kaufmann, Vater, Gatte, Gelehrter und Beamter trotz einer Persönlichkeit sein kann, hat er am Anfang unserer Zeit für diese bewiesen. Ein Japaner, der nach längerem Aufenthalt im jetzigen Europa gefragt wurde, was er für die vorwiegendste Eigenschaft in unserer heutigen europäischen Gesellschaft halte, entgegnete mit vollem Recht: „Die Feigheit“. Es ist erklärlich, daß eine Gesellschaft wie die unsrige, die vor allem auf Geld und seiner Wertschätzung steht, so furchtsam ist. Denn diese Grundlage ist nicht so sicher, wie der Grundbesitz und die Fideikommisse der adligen Gesellschaft: Geld rollt, Banken können verkrachen, Fabriken können verbrennen und verfallen, und der Mieter wohnt nie fest. Aber die Angstmeierei unserer Gesellschaft, das Zittern vor dem, was die Leute denken, und das ewige Rücksichtnehmen, bis man sich Hals und Grat verdreht hat, ist der Schrecken vor einem Phantom, das nicht da ist, einem Schatten, der nicht fällt. Mit den ewigen Scherwenzeleien und Schiebungen kommen doch — so stark sind die demokratischen Wurzeln unserer Gesellschaft — immer nur wenige weiter und vermögen sich nur unter ständiger Gefahr für ihre Stellung zu halten. Wenn man den einzelnen aus der Gesellschaft herausholen und ihn ausfragen würde: „Wovor zitterst du eigentlich beständig?“ so könnte man ihm leicht Grund nach Grund für seine Furchtsamkeit wie Zwiebelschalen fortnehmen. Denn weil einer nie seine Meinung sagt oder alle Festessen mitißt oder sich stets und überall beliebt machen will, darum kauft keiner ihm einen Knopf mehr ab, wenn die Knöpfe nichts taugen, oder behandelt ihn schlecht, wenn er Vorteile von ihm haben kann, oder läßt ihn avancieren, wenn er ein Rindvieh ist. Die wenigen Ausnahmen davon sind zu erbärmlich, daß man sie weiter erwähnen müßte. Die aber, die erkannt haben, wie Glück und Achtung nicht erschlichen werden können und wie die Gesellschaft im Grunde und mit Recht den einzelnen nur nach dem Nutzen wertet, den sie von ihm hat, und wie „das höchste Glück der Erdenkinder nur die Persönlichkeit“ ist, die man einzusetzen hat, alle die werden sich mit Stolz und Recht heute Goethes Jünger nennen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings