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Schattenbilder

Cervantes

Reading edition

Wem heute ein Zahn weh tut oder der Magen schmerzt, der läßt sich Metall in den Mund oder Pillen in den Magen legen. Oder wer in der Nacht aufwacht und Herzklopfen verspürt, der rennt am andern Tag in der Frühe zum Doktor, zieht sich aus, läßt sich beklopfen und behorchen, und später massieren, elektrisieren oder gar hypnotisieren. So von zehn Spezialärzten begleitet, lebt der moderne Mensch sein Leben dahin. Wird er kränker, so legt er seinen Leib in warme Bäder hinein, und wird er sehr krank, so stiftet er sich einem Sanatorium und läßt ein paar Wochen lang geduldig allen heilsamen Hokuspokus mit sich geschehen. So war es vor dreihundert Jahren, da Shakespeare und Cervantes lebten, noch nicht. Man fragte nach dem Leben des einzelnen nicht viel und noch weniger nach seiner Gesundheit. Wer sterben sollte und der Roßkur des Daseins nicht mehr gewachsen war, den ließ man ohne viel Arzneien und ohne lateinische Worte sterben.

Hier ist ein Brief von dem Dichter des Don Quixote aus dem Jahre 1578, der beweist, wie wenig man sich um das Wohlergehen, ja das Vorhandensein eines einzelnen Menschen bekümmerte, der noch dazu der größte Genius werden sollte, den Spanien der Welt zu vergeben hat. Der Brief des Cervantes ist aus Algier datiert, wo der Dichter damals als Gefangener des Deys Hassan Aga lebte, sofern man das Dasein eines Wurmes „Leben“ nennt, und ist an seinen Bruder Rodrigo gerichtet. Dieser Rodrigo war mitsamt seinen Bruder auf der Fahrt von Sizilien nach Spanien von algerischen Piraten gefangengenommen worden, war aber durch ein Lösegeld, das die gute Mutter Cervantes’ zusammengebettelt hatte, aus der Sklaverei losgekauft und befand sich nun, Zigaretten rauchend und nichtstuend, wieder am Manzanares. Der Brief des Cervantes an diesen glücklichen Bruder lautet nun folgendermaßen:

„Ach, mein teurer Rodrigo, mir ist es eselsschlecht ergangen, seitdem Du dieses Gestade verlassen hast. Mit einem ‚Ach!‘ beginne ich wie diesen Brief so alle meine Tage. Denke Dir, ich habe einen noch greulicheren Herrn gefunden, als der erste war. ‚Der lügt wieder einmal!‘ wirst Du Dir denken, ‚denn das ist schlechterdings nicht möglich.‘ Aber ich schwöre Dir bei meiner linken Hand, die ich, wie Du und die Welt weiß, in der glorreichen Schlacht bei Lepanto wider die Türken verlor, und die nun im Himmel droben auf mich wartet, daß dem wahrlich so ist. War schon mein erster Tyrann grausamer als Pontius Pilatus, so war er ein kupierter Hammel gegen den jetzigen. Dieser, der kein anderer als der Dey von Algier selber ist, ist so tückisch, daß der Teufel selbst nicht mit ihm zu Mittag speisen würde. Sein Haus ist mit Ohren und Nasen tapeziert, die er den Gefangenen bei den geringfügigsten Anlässen abschneiden läßt, und man sagt, er könne abends nicht einschlafen, ehe er nicht mindestens zwei Christen sich zu Tode heulen gehört hätte.

Jüngst hatte er mich zu zweitausend Stockschlägen verurteilt. Aber beim zweiten Schlag mußten sie aufhören, denn beim dritten wäre ich gestorben vor Wut, daß sie einen Hidalgo zu schlagen wagen. Sie schonen mich aber, weil sie hoffen, noch mehr Lösegeld als Ohrenschmaus aus mir herauszuschlagen.

Du kannst Dir ausmalen, was ich unter einer solchen Bestie durchzumachen habe. Tagsüber mag es noch hingehen, denn man muß arbeiten, bis man nichts mehr denkt und fühlt, es sei selbst, daß einem eine Kanone über die Hühneraugen führe. Auch denke ich, wenn ich neben den anderen Sklaven auf der Galeere mit Ketten angeschmiedet dasitze, wohl an Kolumbus, der auch Ketten tragen mußte, und es vielleicht noch schlimmer hatte als ich, und der nun doch in der Seligkeit sitzt und lacht. Aber des Nachts weiß ich mir oft nicht zu raten und zu helfen vor Qualen und Schmerzen. In ein graues Wollentuch gewickelt, werde ich nicht anders denn wie in mein Grab nebst zween anderen in eine leere Zisterne hineingelassen. Die Heiden decken ein Brett und ein paar Steine darüber, daß wir nicht entwischen, und nun hocken wir drei uns schlafen, nachdem wir vorher zur Madonna gebetet haben. Die Finsternis und der üble Geruch möchten noch angehen, wiewohl die Hölle, wo sie am tiefsten ist, nicht schlimmer duften kann, als der Rauchfang, in dem man uns verfaulen läßt. Das Greulichste aber von allem ist das Ungeziefer, das wir armen Schächer mit unserm letzten bißchen Blut ernähren müssen. Du erinnerst Dich dieser Menschenfresser sicherlich noch aus Deinen türkischen Tagen, Bruderherz. Aber sie treiben es itzo toller als jemals. Morgens, wenn ich mich aus meinem grauen Leichentuch herausschäle, glaube ich stets wieder die Schlacht von Lepanto, in der ich wie Du und die Welt weiß, die linke Hand verlor, mitgemacht zu haben, so voll Blut ist alles.

Kurzum, ich glaube, daß ich, dies alles zusammengerechnet, nicht mehr lange zu leben haben werde. Halb sterbe ich vor Elend und halb vor Mitleid, denn der Jammer um mich herum sticht mich oft mehr als alle Flöhe zusammen. Vollends seit dem letzten Fluchtversuch, der uns durch den Verrat eines Judas mißlang — der Teufel möge ihm darum dermaleinst jeden Tag den Leib aufsägen und heißes Blei hineintröpfeln! — sind alle Christen hier verzweifelt, und jeden Abend muß ich wie ein Proviantmeister meinen Mut unter uns austeilen, bis ich schließlich selbst keinen mehr habe.

Darum bei den Schutzheiligen unserer Familie beschwöre ich Euch, Rodrigo, ruhet nicht eher, Ihr hättet mich denn aus dieser Mausefalle befreit, darin man nur die Schalen vor allem zu essen bekommt, dieweil der Satan seine Heiden uns vor Augen die Früchte selbst schnabulieren läßt. Ich habe kaum fünf Zähne mehr im Munde, und diese fünf stehen alle so verzwickt voneinander, daß ich meine ganze Mathematik zusammennehmen muß, um eine Rinde altes Brot kleinzukriegen.

Male also der Mutter mein Los in rabenschwarzen Farben und sage ihr, wenn sie keine Rabenmutter sein wolle, so möge sie das Lösegeld für mich zusammenbringen, ganz einerlei wie. Sie soll irgendeinem Adligen bei Hofe weismachen, daß seine Mutter eine Nichte des Onkels vom Schwager meines Vaters war, oder daß, wie dies wahr ist, das Blut des Geschlechts der Habsburger, aus dem der König — Gott segne ihn! — selbst entstammt, in uns fließt, und daß es unrecht sei, daß ein Nachfahre solchen erlauchten Hauses mit diesem Blute die algerischen Flöhe füttern müsse.

Wahrlich, ich sage Dir, mir ist oft zumute, als sei ich zu Besserem geboren, als hier mich verschimmeln zu sehen, und ich verspüre bisweilen einen unendlichen Hunger danach, meinen Namen durch die Gassen von Madrid schreien zu hören. Wenn ich wieder frei bin — ich weine, da ich dieses schreibe —, und erst die Vögel spanisch singen höre, will ich lachen, wie noch niemals einer gelacht hat, denn ich weiß, daß es kein Mensch und kein Tier auf der ganzen Welt schlechter haben kann, als ich es gehabt habe.“

Als der Mann, der diesen verzweifelten Brief geschrieben haben würde, wenn er Schreibpapier gehabt hätte, heimgekehrt und fünfundfünfzig Jahre alt geworden war, schrieb er mit seiner einen Hand und seinem ganzen Herzen das Leben und die Taten des edlen Don Quixote auf und wurde damit berühmter als alle Spanier, die vor ihm und nach ihm gelebt haben. Dieser Don Quixote, der nirgends als in dem Kopf des Cervantes gehaust hat, ist der große Witz, den eine neue Zeit auf das Mittelalter gemacht hat.

In diesem Roman wird die ganze alte Empfindungswelt mit ihren Troubadourliedern, Schäferromanen und ihrem Rüstungsgeklapper von der Natürlichkeit zu Tode gekitzelt. Darum sollte man im Geiste stets Cervantes’ Bild neben das des Kolumbus hängen, weil er, wie jener, die alte Welt verlassend, eine neue Welt entdeckte. Denn er war der erste Dichter, der sich über das Heldentum und die Liebe, dieses Grundeigentum aller Poeten, lustig machte und sitzt als Primus auf der Bank der Spötter, auf der wir heute Shaw und Wedekind gefeiert sehen. Er hatte in seiner göttlichen Naivität keine Ahnung von seiner übermenschlichen Bedeutung, und sah, als er sein Werk vollendet hatte, zu seinem Erstaunen, wieviel sich hineindenken ließ, und wie über seinen Helden nicht nur gelacht, sondern mehr noch geweint werden konnte. Wir aber wollen seine Bilder nicht durch Begriffe verwischen, sondern sie ansehen und anhören, wie große Visionen eines, der mit einem heiteren und einem nassen Auge eine tote Zeit zu Grabe trägt.

Bei dem Don Quixote des Cervantes kam noch hinzu, was der Dichter freilich nicht ahnen konnte, daß er damit ein Selbstbildnis der spanischen Nation aufzeichnete, wie es kein Volk der Erde sonst besitzt. Denn der Anfang eines neuen Spaniens, den man mit der Entdeckung Amerikas gemacht wähnte, war nur der Beginn eines traurigen Abc, das heute schon bis W hinunterbuchstabiert ist. So teilte sich die Abendröte eines sterbenden Landes auch diesem Romane seines komischen Helden mit, und als wir weiland Spanien mit großen Worten und lecken Schiffen in den unglücklichen Kampf um Kuba aussegeln sahen, glaubten wir nicht anders, als daß wir noch einmal den Auszug des unseligen Don Quixote erlebt hätten.

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