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Schattenbilder

Homer

Reading edition

Der preußische Oberlehrer Traugott Semmelbart war gerade im Begriffe, den Schülern seiner Oberprima die Schönheiten und Schwierigkeiten der ionischen Sprachformen am siebzehnten Gesang der Ilias, der vom Streit um die Leiche des Patroklus handelt, zu beweisen und zu erläutern. Sie waren eben an der Stelle, wo es den griechischen Helden gelingt, den nackten Leichnam, dem Hektor die herrliche goldene Rüstung Achills von den Schultern gerissen hatte, fortzuschleifen, und wo ihr Dichter sie den Trauermarsch zum Zelte des Achills antreten läßt. „Der Vers 722 war falsch skandiert! — Außerdem haben Sie später den Konjunktivus Aoristi mit dem Imperativ verwechselt und in Vers 730 den Genitiv Singularis mit dem Dativ Pluralis. Noch einmal die ganze Stelle von vorne!“

Also war des Oberlehrers Zensur ausgefallen, und der Oberprimaner begann von neuem an den ionischen Versen Homers herumzubohren, zu sägen und zu hobeln. Die Sonne Homers aber, die draußen schien, schaute diesem fast noch mühevolleren Streite um die versifizierte Leiche des Patroklus lächelnd durch die Fenstergitter zu und leuchtete gerade auf die Stirne des an der Spitze der Klasse kämpfenden Oberlehrers. Und siehe, unter ihrem Strahl geschah etwas Wunderbares, etwas, was sich die alten Griechen nur unter der Einwirkung oder durch das Dazwischenkommen irgendeines Gottes hätten erklären können. Traugott Semmelbart unterbrach plötzlich seinen Schüler, klappte das Buch zu, stieg auf sein Katheder und hielt hinter seiner Brille unvermutet eine Ansprache:

„Liebe Schüler! Wir plagen uns nun seit zwei Uhr über dem Optativ, den Synkopen, den Akzenten, den Endungen und dem ganzen Formenreichtum der griechischen Sprache nicht anders, wie Menelaus und die beiden Ajas gegen die Trojaner in Schweiß geraten sind. Es ist meine Pflicht, Ihnen an der Hand des Homer die griechische Sprache zu verlebendigen. Aber, nehmt’s mir nicht übel, ich habe manchmal das schlechte Gewissen, als ginge der alte Homer dabei zu Tode. Vor lauter Nachdenken über alle die schwierigen Worte sehen Sie schließlich die Bilder nicht mehr, die dahinter stehen, und um derentwillen kennen wir Heutigen doch nur unsern Homer, dessen Sprache tot ist gleich der Akropolis. So lassen Sie mich Ihnen denn in dieser Stunde einen einzigen Rat für Ihr ganzes Leben erteilen. Der lautet: Vergessen Sie den Homer nach der Schule nicht! Dies griechische Buch, was Sie da in Händen halten, das mögen Sie meinetwegen als Studenten schon verkaufen, um Bier oder Tabak daraus zu machen. Das bißchen Jonische, das ich Ihnen eindrillen kann, verlieren Sie ohnedies nach dem dritten Semester. Denn ich möchte den sehen, der, wenn er nicht wie ich Altphilologe geworden ist, mir nach zehn Jahren noch einen einzigen Vers aus der Ilias oder der Odyssee ohne Wörterlexikon übersetzen könnte!

Nein, nicht um des Griechischen willen sollen Sie unsern Homer mir nicht vergessen. Dieser Honig ist nur für die letzten Feinschmecker bereitet. Sondern um seiner Kunst willen sollten Sie später, wenn Sie nicht mehr an der Schulbank kleben, den Homer in dem körnigen Deutsch des klugen Vater Voß immer von neuem genießen. Denn sein ist die Kraft und der Reichtum und die Herrlichkeit in Ewigkeit, und solange es Menschen gibt, die dichten müssen, wird Homer der erste praeceptor poetarum bleiben. Goethe nahm seine ‚Odyssee‘ noch als Fremdenführer mit nach Italien und las, als er um Siziliens felsige Küste herumfuhr, die Abenteuer des klugen Dulders mit dem Zyklopen Polyphem. Er wußte, daß der alte Homer, der Schöpfer der ganzen griechischen Kultur, die Fibel ist, vor die man die Dichter setzen soll, ehe sie eine Nähnadel zu beschreiben anfangen.

Denn — und dieses können Menschen unter dreißig Jahren noch nicht würdigen — seine Kunst, Menschen und Gegenstände zu schildern, ist bis zum Ende der Welt meisterhaft. Unter blauem Himmel hat er alles gemalt, was es gibt, Segelschiffe, Pferdegespanne, Schilde, Waffen, Meierhöfe, Mauern, Kleider, Webstühle, Flüsse, Meere und Berge. Man muß nur daran denken, wie er die Dinge, die er beschreibt, zusammensetzt: Einen Helden im Kriegskleid läßt er sich vor uns gürten und Stück für Stück ankleiden, da steht er. Ein Schiff im Wind auf dem Meer läßt er vor uns im Hafen langsam aufbauen, da fährt es. Einen Hund, der uns interessieren soll, läßt er vor uns aufleben von seinem ersten Tage an bis zu seinem letzten, daß wir wie auf ‚du und du‘ mit ihm stehen und traurig werden wie beim Tode des alten Attinghausen, wenn er verlassen und vergessen auf dem Miste liegt und beim Anblick seines nach zwanzig Jahren heimkehrenden Herrn, des Odysseus, den kein Mensch erkennt, schwach mit dem Schwanz wedelt und dann vor Erschütterung stirbt.

Niemals aber kommt es vor, daß sich Homer an seinen Gegenstand verliert, weil er der naivste und darum der größte Dichter ist, den die fünf Erdteile besitzen. Nicht kalt steht er bei seinen Geschöpfen. Mit allumfassender Liebe sieht er alles an, den strahlenden göttlichen Helden Achill, wie die kriechende, sterbliche Schildkröte auf dem Sande davor. Und so wird alles warm für uns unter seiner Hand, das Größte wie das Kleinste. Darum vielleicht dachten sich ihn die Griechen blind, weil er nichts und niemanden bevorzugt und keinem andere Farben mitgibt, als er im Spiegel hat.

Wie aber sind die Menschen, die er geschaffen hat? Es wäre leicht, nur das Schlechte an ihnen aufzuzählen: So wäre sein Agamemnon geizig und feig, der Achill jähzornig und neidisch, Ajas dumm und furchtsam und die Helena schwach und sinnlich zu nennen. Ja selbst sein Himmel wimmelt von menschlichen Leidenschaften völlig unterworfenen Göttern, und sein Zeus ist ein schlimmerer Sünder, als sich das Mittelalter den Teufel vorstellte. Und wenn man seinen Olymp mit Luzians und Offenbachs Augen anschaut, wird im Nu eine Parodie daraus. Und doch sieht man seine Geschöpfe darum, weil er sie nicht verschönt und weiß oder schwarz angestrichen hat, heute noch atmen und mit den Augen rollen, seine Heroen und Götter und Frauen, wie man von den Bildwerken der Antike sagt, daß sie nachts in den Museen aufwachen und miteinander griechisch reden. Homers Himmel kennt keine Heiligen und seine Erde keine Idealgestalten als Menschen, die leben, wie sie sind, ohne Scham und ohne Reue, einzig nur das griechische Gewissen kennend: ‚Erkenne dich selbst und halte dein Maß!‘

Alles dieses aber zu fassen, zu verstehen und zu würdigen, reicht das Gehirn von Achtzehnjährigen noch nicht völlig aus. Und darum, liebe Schüler, ich beschwöre euch“ — und hierbei klang des Oberlehrers Stimme so einschmeichelnd und verführerisch, wie die Harfe im Palast des Odysseus zum Schlemmermahl der Freier oder die Laute der Sirenen, die den heimsegelnden Helden süßer als Vogellieder verlocken wollen —: „Vergeßt den Homer nicht im Leben und lest bisweilen in ihm, ihr mögt als Supernumerare, Schriftsteller, Pastöre, Ingenieure oder Offiziere endigen! Laßt euch von ihm begleiten bis ins vierte und ins achte Jahrzehnt eures Lebens! Und wenn ihr an eurem Todestage sagen könnt: ‚Er ist mein bester Freund gewesen‘, werdet ihr reich ins Grab hinuntergehen.“

Der Oberlehrer Traugott Semmelbart hielt auf einmal erschrocken im Reden still. Seine Bäckchen waren vor Begeisterung ganz rot geworden, wie die Schatten der Unterwelt, als sie wieder Blut getrunken. Er sah auf einmal die Augen seines Primus höhnisch überlegen auf sich ruhen und fühlte dunkel, daß die Bande der Ordnung in seiner Oberprima in Verwirrung geraten würden, wenn er nicht schnell wieder die gewohnten Zügel in die Hand nähme. Mit einem lauten Seufzer, ähnlich dem eines Halbgottes, der zurück zur Erde kehren muß, wandte er sich von seinem erhabenen Olymp zur griechischen Grammatik, stieg vom Katheder hinab und sagte traurig: „Also, noch einmal, Brösicke! Von Vers 722:

ὣς ἔφαθ᾽, οἳ δ᾽ ἄρα νεκρὸν ἀπὸ χθονὸς ἀγκάζοντο.“

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