← Table of contents
Schattenbilder

Martin Luther

Reading edition

Seit fast vier Jahrhunderten spaltet der Name Martin Luther wie ein Axtschlag Deutschland und seine Bewohner in zwei Parteien. Noch heute wird jener Mann in unseren Schulen links den evangelisch getauften Kindern als der Befreier und wackere Gottsucher und Finder gepriesen, und rechts den katholisch getauften als Deutschlands größter Schaden und als Erzketzer und Sendbote des Satans geschildert. Wahr ist und bleibt, daß Luthers Werk unser Land in die grimmigste Not und dem völligen Zusammenbruch nahegebracht und unser Volk vielleicht für immer, wenn wir nicht die Kraft finden, uns aus diesem Zwiespalt emporzureißen, seiner Kultureinheit beraubt hat. Das alte Lied, das man wider Luther seinerzeit auf den Gassen sang, hat sich bis auf unsere Tage wahr erwiesen:

„Manch’ Burg verwüst in deutschen Landen, Die vor den Türken wohl wär b’standen. Das ist das Evangelion, Daß wir von Luther gelernet hon, Der euch hat bracht in alle Not, Daß wir den Feind uns sein zum Spott. Hätt’ Luther nie kein Buch geschrieben, Deutschland wär’ wohl in Fried geblieben.“

Seine Tat, sein Protestantismus, hat einmal bewirkt, daß der deutsche Katholizismus sich seinerseits zur Wehr setzen mußte und darum bis in unser Jahrhundert hinein einen Fanatismus gezeitigt hat, wie er in keinem anderen Lande der Welt mehr zu finden ist. Der Deutsche, der zum erstenmal heute über und durch den Gotthard reist, ist ganz erstaunt, drüben in Italien kaum eine Zentrumspartei zu finden, und hört voll Erstaunen die Leute dort viel mehr von ihrem König als vom Papste reden. Die unselige Vermischung von Religion und Politik, die unserm Volk im Marke sitzt, kennt der Italiener, der doch unter den Augen des Papstes lebt, nicht mehr. Bei uns spielt die Frage: „Ist er katholisch oder evangelisch?“ leider noch in fast allen Beziehungen eine Hauptrolle, und man hat vergessen, daß der vornehme geistige Deutsche erst da anfängt, wo diese Fragen aufhören. Ich entsinne mich aus der Schule, daß uns Evangelischen in der Religionsstunde oft mit einer überlegenen Ironie gegen die andere Seite gezeigt wurde, daß Deutschlands große Männer und Künstler, wie Goethe, Schiller, Kant, selbst Friedrich der Große, lauter Protestanten gewesen waren, so daß man sich schon ganz stolz im Besitz dieser übrigens in bezug auf ihre evangelische Religion höchst imaginären Größen vorkam. Bis man erst jahrelang nach dem Religionsunterricht erstaunt entdeckte, daß Mozart, Beethoven und Eichendorff es ihrerseits nicht minder zustande gebracht hatten, große Künstler und Katholiken gewesen zu sein. Der Streit zwischen Protestanten und Katholiken über den Wert ihres Glaubens, der in solche Lächerlichkeiten hineingerät, ist bei uns Deutschen zu unserm eigenen größten Schaden durch Luther entfacht worden. Das ist wahr und muß, wenn von ihm die Rede ist, gesagt werden.

Aber es darf nicht vergessen werden, daß Martin Luther selber dies nicht vorhergesehen hat und nicht vorhersehen konnte. Er handelte aus einem göttlichen Impuls heraus zunächst für sich selber, als er die fünfundneunzig Thesen anschlug und gegen den auch von den heutigen Katholiken verurteilten Ablaßhandel in Deutschland Einspruch erhob. Das souveräne Individuum, der freie Christenmensch in ihm, empörte sich und stand auf: Pereat mundus fiat iustitia! „Und wenn die Welt voll Teufel wär’, es soll uns doch gelingen.“ Ich glaube, daß, wenn man ihm an jenem Abend vor Allerheiligen, da er an der Schloßkirche zu Wittenberg seine Thesen annagelte, mit jedem Schlage Roms Herrschaft durchbohrend, die ganzen Greuel des Dreißigjährigen Krieges vor die Seele gebracht hätte, er hätte nicht anders handeln können. Der Dämon eines Genies läßt sich durch keinerlei praktische Erwägungen lahmlegen, und wer alle Folgen bedenkt, der wird nie zu Taten kommen.

Darum dürfen wir Luther heute nicht mehr angreifen und beschimpfen, weil sein Werk unermeßlichen Schaden über Deutschland gebracht hat. Ebensowenig, wie man ihm vorwerfen kann, daß das Ablaßgeld, gegen das er, der Bauernsohn, tobte, in Rom von den Päpsten hauptsächlich für die Kunst verausgabt wurde und damit dem Edelsten, was es auf der Welt gibt, zugute kam. Dieses für Michelangelo und gegen Luther Partei nehmen, wie es Nietzsche getan hat, ist töricht. Denn man konnte vom Doktor Martinus trotz aller seiner Gelehrsamkeit nicht verlangen, daß er die Dinge und das Welttheater schon unter dem Gesichtswinkel von 1900 ansehen sollte. Für ihn war seine Sache die wichtigste und heiligste von der Welt, und sie an ihren teilweise schlimmen Folgen herabsetzen, heißt jedem Genius die Flügel binden.

Übrigens hat Luther später, als er schrittweise angreifend und erobernd gegen Rom vorging, wohl keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er binnen kurzem das ganze Deutschland zu seiner evangelischen Freiheit bekehren würde. Das halbe Deutschland war zwanzig Jahre nach den Thesen auf seiner Seite, mußte er drum nicht meinen, daß nach vierzig Jahren auch die andere Hälfte seiner Lehre zugefallen wäre? Darum verdreifacht er oft sein sattsam bekanntes Schreien im Streit, dessen Molltöne uns heute schon Ohrensausen machen, weil er bei sich dachte: „Voran, Doktor Martin! Noch ein weniges, und alle Teutschen, Mannen und Frauen, sind dein!“

Das war seine stärkste Eigenheit, die ihm die Herzen zutrug, der freudige Mut, mit dem er in jeden Kampf auszog, jene dem Tod und Teufel trotzende Tugend des germanischen Blutes, der zuliebe selbst der alte kleine Windhorst später „Bravo!“ gerufen hat, als Bismarck jene Worte sprach: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.“ Was Kaiser und Könige zittern gemacht hatte und sie bettelnd nach Kanossa trieb, die Bannbulle des Papstes, Luther verbrannte sie mit eigener Hand, wobei er die Worte sprach: „Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer“, und damit sich als ein Mensch dem Menschen Papst als ebenbürtig zur Seite stellte.

Diese innere Tapferkeit verließ ihn ebensowenig, als er, hierüber zur Rechenschaft gerufen, den Weg Hussens nach Worms zog und, von allen seinen wenigen Freunden gewarnt, im starken Gefühl seines Rechts erklärte: „Ich will nach Worms gehen, und wenn auch so viele Teufel dort wären als Ziegel auf den Dächern.“ Und mehr noch als seine weltberühmten Worte vor Karl V., dem mächtigsten deutschen Kaiser, der je da war, beweist der schlichte Vorgang nach dem Konzil seinen Mut, daß er nämlich, wie Augenzeugen erzählen, beim Heraustreten aus der letzten Sitzung die Hände mit gespreizten Fingern hoch emporstreckte, wie die Deutschen beim Lanzenbrechen zum Zeichen des Sieges zu tun pflegten, und dabei fröhlich ausrief: „Ich bin hindurch, ich bin hindurch.“

Um so mehr ist dieser moralische Mut an ihm zu bewundern, weil Luther, den man sich immer nach seinen späteren Jahren mit einem Schmerbauch und gesunden Knochen vorstellt, einen höchst anfälligen Körper hatte und vielleicht der nervöseste unter allen genialen Männern gewesen ist. Dank einer verprügelten steinharten Jugendzeit war er, der die Bannflüche von vier Päpsten aufrecht ertrug, zeitlebens so schreckhaft, daß ihn ein rauschendes Blatt zum Zittern brachte, und so erregbar, daß er taumelte, als er zum erstenmal als Mönchspriester am Altar den Kelch erhob. Hierzu kam bei ihm, eine Folge seiner Nervenschwäche und eines Steinleidens, eine häufige Schwermut und Bitterkeit, mit der vor allen seine wackere Frau manchen harten Strauß zu kämpfen hatte. Diese seine Schwarzseherei, die sich überall den Teufel an die Wand malte, war letzthin so stark, daß er einen Haufen lieber Menschen um sich oder doch die Laute in der Hand haben mußte, um nicht trübsinnig zu werden. Sein Haus, das alte schwarze Kloster in Wittenberg, in dem er einst als Mönch gebetet und gezweifelt, und das ihm nun sein Kurfürst zum ersten evangelischen Pfarrhaus geschenkt hatte, war stets voll von alten Tanten, Hauslehrern, Studenten, Kostgängern, Bittstellern, Bettlern und geistigen Patienten. Und der Doktor konnte am besten schreiben, wenn draußen unter seinem Fenster seine ältesten mit Melanchthons Kindern um den Birnbaum spielten, oder das jüngste seiner sechs im Laufkorb um seine Beine kroch oder an den Akten, Briefen, Bittschriften und Beschwerden herumzupfte, mit denen in seiner Stube alle Tische, Bänke, Stühle, Schemel und Fensternischen bedeckt waren. Und das Schönste, was er je gesagt hat, ist dies: „Es kann mir nichts Schlimmeres in der Welt geschehen, als wenn mein Sohn Hensichen böse auf mich ist.“

Späterhin erst bei dem alternden Luther trat an die Stelle jenes tapferen Drauflosgehens die berüchtigte, von seinen Gegnern ihm immer wieder vorgeworfene Diplomatie oder auf plump Deutsch „Bauernschlauheit“. Aber was ist begreiflicher und gerechtfertigter, als daß ein Mann, den die Hitze der Jugend verlassen hat, und der immer mehr einsehen mußte, daß das Volk eine Herde ist, die dem Leithammel folgt, und daß die Deutschen besonders gerne nachmachen, was die Fürsten ihnen vormachen, sein Werk unter den Schutz der Mächtigen zu stellen sucht! Sein Sach’ war ihm zu heilig und zu ernst, als daß er sie auf die Spitze des Schwertes stellen wollte und ein kläglich Ende, wie Sickingen, oder ein blutiges, wie Johann von Leyden, finden mochte. Freilich, das Liebedienern um die Fürsten, wie es nach ihm oft die evangelische Hofgeistlichkeit trieb, war nicht in Martin Luthers Sinn. Der nannte einen Fehler seines Herrn des Kurfürsten dreist ihm ins Gesicht eine Dummheit. Und man muß seinen Handel mit dem freimütigen Landgrafen Philipp von Hessen, dem er, weil seine erste Frau schwer krank war, eine zweite Ehe gestattete, erst einmal genau durchlesen, ehe man ihn darum doppelzüngig und fuchsschlau nennt. Jeder, der friedlich in seinem Bette stirbt, ist in gewissem Sinn ein Kompromißmacher, aber er liegt drum oft nicht weniger heldenhaft auf seinem Rücken als der, der den Märtyrertod gestorben oder in der Schlacht gefallen ist. So ist Luther, der uns, wenn auch nicht unter eine Religion, so doch unter eine Sprache gebracht hat, so ist Goethe, so Bismarck für Deutschlands Befreiung gestorben.

Ein Heiliger war der Doktor Martin nicht und wollte es nicht sein; einzig auf den Titel „Reformator“ machte er Anspruch und darf er Anspruch machen. Solange man aber in Deutschland seinen Namen nicht, ohne ihn zu verkleinern und zu verfluchen, oder ohne ihn andererseits mit besonderer Feierlichkeit zu betonen, schlicht und einfach wie den eines jeden großen Mannes nennt, solange wird es keine Kultur bei uns geben. Solange wird es keine Lust sein, unter Deutschen zu leben.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings