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Schattenbilder

Etwas über Friedrich den Großen

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Wie Achilles seinen Homer, der Halbgott den heroischen Sänger gefunden hat, so fand Friedrich der Große seinen Verkündiger, seinen Chronisten und Bildner in Adolf Menzel, einem zugleich nüchternen, trocknen, zugleich dämonischen Künstler. Und so war der große König auch, den er in seinen Bildern geschildert und wiedergeboren hat: Einerseits nüchtern, prosaisch, genau, ein Pflichtmensch und der erste Diener seines Staates — „wir Märker haben alle unsere Normaluhr im Kopfe“, sagte Fontane — und kalt und verdrossen und mit den Jahren immer schwerer und immer seltener zu schönen Aufwallungen geneigt —, „uns Märkern fehlt allen eine halbe Flasche Champagner im Blut und Temperament“, sagte Bismarck. Aber zugleich steckte eine unheimliche Dämonie, ein höllisches Feuer, eine überirdische Glut in dem alten wie in dem jungen Fritzen.

Es ist wohl allgemein anerkannt — und nur auf den Schulbänken wurde es aus altmodischer Anständigkeit noch anders gelehrt —, daß Friedrich II. im Grunde keinen rechtmäßigen Anspruch auf die schlesischen Provinzen hatte. Gab es den überhaupt jemals, so hatte Brandenburg, wie selbst die Freunde des Königs zugeben mußten, doch längst durch feierliche Verträge darauf verzichtet. Nicht also Pakten und Pergamente, noch der Besitz des schlesischen Landes, sondern einzig die Ruhmsucht war es, die Friedrich II. in drei blutige Kriege hinaustrieb. Immer wieder sucht er anderen und sich zu beweisen, welch eine edle Eigenschaft dieses sei, und wie alles Große in der Welt nur der Ruhmsucht seine Geburt verdanke. Aber der preußische Selbstregulator in ihm bewahrte ihn zugleich vor dem Schicksal Napoleons und lehrte ihn sich beschränken und sich Grenzen zu setzen. So machte er an der Oder halt: „Bis hierher und nicht weiter!“, während alle seine Bewunderer ihn am liebsten ganz Österreich hätten verschlingen und bis zum Ende der Welt vordringen sehen.

Er wagte Preußen dabei, das ist wahr, aber nicht wie ein tollkühner Spieler, sondern wie ein Mann bei der besten Chance, groß zu werden oder gering zu bleiben. Er trug während des ganzen Siebenjährigen Krieges, da es sich um Sein oder Nichtsein seines Landes handelte, immerwährend Gift bei sich, weil er wußte, daß in diesen Jahren Preußen und er ganz eins waren und er, wenn Preußen fiel, mitsterben mußte. Darum hätte er — und dies ist seine wahre Größe — nicht eine Sekunde lang ein St. Helena, nicht eine halbe Sekunde lang ein Amerongen erduldet. Und dies Bild ist das ergreifendste aus seinem Leben, wie er nach der Schlacht bei Kunersdorf, eine Weile von den Seinigen abgeschnitten, versteckt unter einer Brücke saß, sein Windspiel neben sich, dem er, um nicht verraten zu werden, die Schnauze zudrückte, während er in der anderen Hand ein Fläschchen mit Gift hielt, jeden Augenblick bereit, es zu leeren, falls er vom Feind entdeckt würde.

Die Pflichttreue, mit der er im Kriege allem, der kleinsten Parade wie der größten Schlacht, beiwohnte, ist allbekannt und seit jener Zeit zum preußischen Ideal geworden. Ebenso die Bestimmtheit und Entschlossenheit in Wort und Tat, die spartanisch-brandenburgischen Eigenschaften, die „Feldwebeltugenden“, wie Heine sagte, die der König schon als Kind zeigen konnte, dessen erster, uns erhaltener Brief — er galt seinem freigeistigen Erzieher, und Fritz war damals fünfzehn Jahre alt — so lautete: „Ich verspreche Ihnen, mein lieber Duhan, Ihnen jährlich, wenn ich über mein eigenes Geld verfügen kann, 2400 Taler zu geben und Sie immer noch ein wenig mehr zu lieben, als jetzt, wenn es mir möglich ist. Friedrich, Kronprinz.“

Kriegsmüde und verbittert war der Alte Fritz aus einem Krieg mit der ganzen Welt, die sieben Jahre lang mit allen Waffen des Hasses und der Hinterlist wider ihn gekämpft hatte, nach Berlin heimgekehrt. Man kannte ihn kaum wieder, so verwüstet sah er aus. Mit dem Humor, der noch in ihm hauste wie ein Käuzchen in einer Ruine, hat er sich selbst in einem Brief an eine Freundin beschrieben: „Auf der rechten Seite des Kopfes sind meine Haare grau; meine Zähne zerbrechen und fallen aus; mein Gesicht ist runzlig wie die Falbeln eines Weiberrockes, mein Rücken krumm wie ein Fiedelbogen und mein Geist traurig und niedergeschlagen wie ein Mönch des Trappistenordens.“

Er fuhr nach Potsdam hinaus, ließ sich ganz allein in der Kirche ein Tedeum vorspielen, daß keiner die Tränen sah, die er weinte, und ging dann stumm an seine Geschäfte. Er war ein Freigeist in allen religiösen Dingen; jahrelang hatte er Voltaire, den größten Atheisten jener Zeit, um sich, was ungefähr so wäre, als wenn Wilhelm der Zweite tagtäglich statt mit Hofpredigern und Dauerbetern mit Häckel verkehrt hätte. Alle Religionen sind gleich „gut“, erklärte er, „und wenn selbst Türken und Heiden mein Land peuplieren, will ich sie Moscheen bauen“, und erließ dann den berühmt gewordenen Bescheid an seinen Kultusminister, das schönste Fürstenwort, das es gibt: „In meinen Landen kann jeder nach seiner Fasson selig werden.“

Friedrich der Große ist gestorben an der traurigen Krankheit, an der alle großen Eroberer sterben, an der Menschenverachtung. Freilich die Schmeichler, diese Hofpest, wußte er sich gründlich vom Leibe zu halten. Schon sein ruppiger Vater, würdig ein Genie zum Sohn zu haben, duldete solche Kerle nicht. Als ihn einst ein Bürgermeister nach der auch bis ins zwanzigste Jahrhundert noch herrschenden Unsitte mit einer devoten lobesvollen Rede am Stadttor empfing, unterbrach ihn der König, indem er ihn dabei auf seinen dicken Bürgermeisterbauch im Sonntagsrock klopfte, mit den Worten: „Genug, Alter! Erkälten Sie sich Ihren Chimborasso nicht!“ Der alte Fritz konnte über Schmeichler so wütend werden, daß er seinen Krückstock nach ihnen warf. Anderseits gab es auch keine Majestätsbeleidigungen für ihn; er wußte, daß er zu groß war, als daß ihn die Kanaille hätte beleidigen können. Eine Schmähschrift, die einst an den Mauern Berlins wider ihn angeschlagen war, ließ er bekanntlich „niedriger hängen“, damit sie besser zu lesen sei.

Alle Künstler behandelte er wie seinesgleichen. „Um Gottes willen,“ heißt es in einem Briefe an Voltaire, „schreiben Sie mir nur als Mensch, und verachten Sie mit mir Titel, Namen und allen äußeren Prunk.“ Aber im ganzen war ihm das Menschengeschlecht, „diese verruchte Rasse, der wir angehören“, wie er sich ausdrückte, völlig zuwider geworden. Seine Preußen hatten schließlich den Drill so sehr in den Knochen, daß sie ihm wie Sklaven, nicht mehr wie Menschen vorkamen. Die Handvoll Personen, die er geliebt, starben fast alle vor ihm, und so lebte denn der einsame Philosoph in Sanssouci ohne eine Menschenseele zwischen Bedienten, Hunden, Affen und Papageien. Die Zeit, die er einst der Kunst, vor allem der Musik, geweiht hatte, verschlang nun gänzlich der Staatsdienst. Er starb ganz einsam, ohne Priester, ohne einen Verwandten, in den Armen eines Dieners, während draußen im Vorzimmer zwei Lakaien sich um die Wachskerzen, die sie aus den Leuchtern gestohlen hatten, zankten. Er wollte neben seinem Schlosse zwischen seinen Windspielen bei Nacht bestattet werden. Aber die sogenannte Pietät seiner Nachfolger verhinderte dies.

So starb dieses Genie, der größte Hohenzollernfürst, dessen Lebenswerk über Jena und Sedan hinaus gehalten hat.

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