Graf Gobineau
Reading edition
Kopfhoch, wie zur Zeit, da er lebte, ragt er noch heute aus dem Bayreuther Menschenkreis um den elbischen Zwergriesen Richard Wagner hervor: Dieser normännische Edelmann, der, wenn man will, ein Dilettant war in allen Künsten, die er trieb, aber als solcher anregender gewirkt hat als manche, die aus ihrem kleinen Glase trinken und ewig die eine gleiche Scholle bearbeiten. Er war einer von den Mittlern, wie sie Goethe liebte, ein Universalgenie aus der Familie der Herodote, der Plinius, der Barthélemy, der Pückler-Muskau. Er war ein Sammler und ein Reisender, wie es wenige gegeben hat, dieser letzte alte französische Aristokrat, der seinen Stammbaum auf einen sagenhaften Yarl Ottar und bis ins neunte Jahrhundert zurückführen konnte, und den das blaue Wikingerblut, das in ihm kreiste, nie lange an einem Fleck rasten und rosten ließ. Die Erinnerungen und Reisefrüchte, die er aus Kephalonia, aus Naxos, aus Neufundland oder anders woher mit nach Hause brachte, brauchten nicht an der Grenze verzollt zu werden, und kein Milliardär konnte sie ihm durch Überbieten streitig machen. Es waren exotische Novellen oder Volkslieder oder alte Keilinschriften oder fremde Heldengedichte oder Sprichwörter, die er eingehandelt hatte, lauter geistige Kostbarkeiten und Seltenheiten, deren ungeheueren Wert nur die Kenner und Liebhaber zu schätzen wußten. Für sich selbst bedürfnislos wie ein Derwisch opferte er alles, was er besaß oder verdiente, für die fremden spirituellen Güter, die er in seinem Kopf mit von dannen trug und die er dann in seinem geliebten Französisch nacherzählt vor den Augen der zivilisierten Welt auspackte. So verband er als einer der ersten in der modernen Zeit wieder den Orient mit dem Okzident durch sein menschliches Gehirn, diesen glühendsten Fokus, der auf dieser Erde brennt.
Er war kein solch großer Dichter und Könner, daß er seine Sache ganz auf die Kunst stellen konnte und wollte. Er mochte als Dilettant, der er in des Wortes bester Bedeutung war, sich gar nicht wie die Poeten rings um ihn auf ein bestimmtes Gebiet verweisen und spezialisieren lassen. Sein liebster Titel, den er gern unter alle seine offiziellen Benennungen auf seine Visitenkarte zu schreiben pflegte, hieß: „Ein Weltweiser“, und das Attribut, das er am meisten scheute, war das, einseitig zu sein. Darum war er mit Lust Diplomat, weil es hier gerade auf Vielseitigkeit ankam, und weil diese Art „Kunst“ keine festbestimmte und von Regeln abhängige war. Es ließ ihn bei einer einzigen Kunst gar nicht ruhen. Gleich dem von ihm höchst verehrten Leonardo malte er, bildhauerte und dichtete er und scharmierte am liebsten mit allen neun Musen zugleich. Bezeichnend für ihn ist, daß er selten an einem einzigen Werke arbeitete, sondern meistens drei oder vier in Angriff hatte. War er orientalisch gestimmt, so übersetzte er ein persisches Heldengedicht, stand er in Renaissancegedanken auf, so fuhr er in der Arbeit an diesem Werke fort, hatte er die Nacht von Marmor geträumt, so machte er sich frühmorgens an seine Statuen und meißelte an einer „Walküre“ oder einem „Buddha“ herum. Oder war er schließlich ganz nüchtern aus dem Bett gestanden und kam ihm beim Waschen und Kämmen keine einzige Impression, so setzte er sich an seine fachwissenschaftlichen Studien und sprang auf sein Steckenpferd, die „Rassentheorie“, in der er behauptete, daß die Kultur Europas von Germanen geschaffen, und daß die ganze Aristokratie aller europäischen Völker aus dieser blonden Rasse entsprossen sei. Dieser, sein Lieblingsgedanke, den er hegte und pflegte und für den er sein Leben lang Beweise sammelte, hat ihn dann auch mit Richard Wagner zusammengebracht, der in ihm freudig einen seiner Bestätiger entdeckte.
Gobineau lebte, als Wagner ihn fand, seiner Kunst, besser gesagt, seinen Künsten in Rom. Er war früher Gesandter der französischen Republik gewesen, bis er auf einmal, vielleicht, weil er sein Vaterland zu aristokratisch vertrat, brüsk von seiner Regierung entlassen wurde. Bis dahin hatte er, ein altadliger französischer Edelmann, der durch die Republik eigentlich heimatlos geworden war, unstet wie Peter Schlemihl von Land zu Land gelebt: Gestern als Attaché in Persien, das Jahr drauf als Bevollmächtigter in Neufundland, dann als Gesandter in Athen, in Rio de Janeiro und wieder ein paar Jahre später in Stockholm. Ein bitteres Gefühl der Entfremdung hielt ihn soviel als möglich von Frankreich fern. Was sollte er dort, wo ein nach Zwiebeln riechender Parvenü wie Gambetta, der Fisch und Kartoffeln mit dem Messer aß, das große Wort und die Regierung führte. „Das Wort Vaterland bedeutet heute nichts mehr als das ausschließliche Bestreben, Geld zu verdienen“, aus diesen seinen Worten spricht ein großer Schmerz und eine noch größere Verachtung. Sein Stammschloß, das seine Ahnen erbaut und jahrhundertelang bewohnt hatten, verkaufte er an irgendeinen reichgewordenen französischen Herrn Meunier oder Jourdain und löste so die letzte, äußerlich gewordene Beziehung, die ihn mit dem Lande seiner Väter verband. Ein treuer, brauner Diener, ein Syrier, Honoré genannt, der Fleisch am Spieß braten und der Kaffee türkisch kochen konnte, sowie ein paar Perserteppiche begleiteten den heimatlosen französischen Grafen auf allen seinen Fahrten von Norden nach Süden. Und so gleichsam zwischen zwei Schnellzügen auf der Reise in Turin, in der nämlichen Stadt, in der Nietzsche ein paar Jahre später seinen großen Geist aufgab, ist Gobineau in einem kalten Hotelbett einsam in der Fremde gestorben.
Von sämtlichen Werken, die er den Gebildeten aller Völker als Vermächtnis hinterlassen hat, ist seine Dichtung über die „Renaissance“ wohl das wertvollste, sicherlich das schönste. Die meisten, die uns durch die gewaltigste neuere Zeit unsers Geschlechtes, die wir kennen, hindurchführen, ziehen uns durch jene Welt wie durch ein Museum an Bildern und toten Steinen vorüber. Gobineau hat, ohne viel Eigenes hinzuzutun, jene Riesen im Guten wie im Bösen selber zu uns sprechen lassen. Gerade das ist das Treffliche an seinen Szenen, daß er nur schildert, nicht richtet, etwa gar noch aus Rücksichten eines im 19. Jahrhundert, nicht im Cinquecento Geborenen. Ohne gelehrten Kommentar läßt er die Menschen und Übermenschen jener Zeit vor uns leben und sterben: Savonarola oder Karl den V. oder Cesare Borgia oder Julius den II., dem jenes tragische Geschick fiel, erst als Greis zum Herrn über Rom und über die Seelen zu werden. Des Tacitus bekanntes Erstgebot für den Geschichtschreiber ist hier erfüllt. Nicht eine Zeile im Text noch im Vorwort verrät uns den eigenen Standpunkt des Schilderers, der die Berichte der Chroniken sowie Briefe und Aufzeichnungen und Anekdoten aus dem cinquecento wie einst die Daten und Urkunden zu seiner Persergeschichte in Iran gesammelt hat, und sie nun in Dialogen lebendig zusammenreiht. Nichts von Abscheu oder moralischer Entrüstung über seinen Vorwurf ist aus diesen Szenen herauszulesen, und es ist kaum einem Historiographen gelungen, die Gestalten der Vergangenheit so getreu und klar in seinen Zauberspiegel einzufangen. Bei keinem seiner anderen Werke hat der Künstler Gobineau so schön dem Gelehrten beistehen und sein Wissen um die Dinge durch die seltene Gabe der Einfühlung in frühere Zeiten erwärmen können.
So schenken die Szenen Gobineaus uns ein Bild im Hochrelief von der „Renaissance“, das so wahr ist, wie es überhaupt ein Bildnis und Gleichnis sein kann, und wer an der Hand dieses Dichters jene Zeit, wie einst Dante an der Hand Vergils die Hölle, durchschritten hat, dem wird jedes andere Bild nur flüchtige Wassermalerei bedeuten gegen diese Erlebnisse.