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Schattenbilder

Hans Sachs

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Wer so ums Jahr 1520 herum abends zum Dämmerschoppen in der Stadt Nürnberg in das noch heute bescheiden an der Moritzkapelle klebende kleine Wirtshaus zum Bratwurstglöcklein einkehrte, der konnte dort vielfach drei heute weltbekannte Meister, pokulierend und sinnierend beisammen sitzen sehen: Peter Vischer, den Rotschmied und den Steinmeißler, Albrecht Dürer, den Maler, Holzschneider und Kupferstecher, und Hans Sachs, den Schuhmacher, Meistersinger und Poeten.

Diese drei Meister, die nach der Arbeit beim Schoppen Frankenwein oder beim Zinnkrug voll braunen Tucherbieres mitsammen saßen, der eine, Vischer, mit Kappe, Schurzfell und Werkzeug, so wie er aus seinen Gießhütten kam, der andere, Dürer, mit dem Christuskopf, das bleiche, etwas kränkliche Gesicht von dem langen gekräuselten Haar umrahmt, und neben ihm Hans Sachs, in der pelzbesetzten Schaube — „denn außer der Werkstatt muß man fein manierlich gehen!“ — diese drei Meister stellen die Renaissance in Deutschland dar. Und wenn uns ein Fremder fragt, wo in aller Welt habt ihr Deutschen denn euer Athen und euer Florenz, kurz eine Stadt, der man noch heute ansieht, daß hier eine Zeitlang einmal Kunst und Leben, Bürger und Künstler eines waren, so können wir ihn stolz auf Nürnberg als denkwürdigste Stätte einstiger deutscher Kultur hinweisen.

Wer sich mit dem dritten der drei Meister, mit Hans Sachs, beschäftigen will und durch die Wissenschaften an ihn heranzukommen sucht, der muß sich wie der, welcher in das von ihm zuerst beschriebene Schlaraffenland will, erst durch einen ganzen Staubberg von Gelehrsamkeit durchfressen, eh’ er das verschmitzt lächelnde Bild unseres Meisters vor sich sieht. Die Philologen, die bei uns bekanntlich bestimmen, was und wie uns etwas zu gefallen oder nicht zu gefallen hat, haben den Weg zu ihm und zu den Meistersingern, zu denen er zählt, durch einen Haufen von klugen Worten aus jener Zeit versperrt, als da sind: „Tabulatur, Gemerke, Hageblütweise, Schwarz-Tintenweise, Stollen, Vielfraßweise usw.“ Erst Goethe, unser größter Befreier aus Philisternetzen, bahnte sich über alle Wissenschaft wie der Märchenprinz zu Dornröschen mit einem bloßen Kuß einen einfachen Weg zu Hans Sachs, indem er als erster ihn wieder aufführte und dem Deutschen Theater, das damals kaum noch über Lessing hinausging, damit wieder eine Vergangenheit schuf.

Zu allgemeinem Jubel brachte er auf dem Theater zu Weimar Anno 1810 zum erstenmal wieder ein Fastnachtspiel Hans Sachsens, „das Narrenschneiden“, auf die deutsche Bühne.

Es darf hier wohl kurz daran erinnert werden, was oft vergessen wird, wie viel Goethe von Hans Sachs gelernt und angenommen hat. Nicht nur sprachlich hat er die Form des Nürnberger Meisters, den Knittelvers im „Faust“ übernommen. Auch in der Gestaltung seiner Figuren lehnt er sich an die Holzschnittmanier des Alten an, so daß man z. B. bei dem Fastnachtspiel „Der fahrende Schüler im Paradeis“ unwillkürlich an die Szenen zwischen Frau Marthe Schwerdtlein und Mephisto denken muß.

Richard Wagner ahnte vielleicht mehr, als er damals schon wissen konnte, welch ein großer Kerl Hans Sachs gewesen war, und setzte ihm in den „Meistersingern“ ein tönendes Monument. Denn ein bloßer „Vereins-Meistersinger“ — übrigens eine viel edlere Zunft als unsere heutigen Skat- oder Kegelbrüder — war Hans Sachs ebensowenig und soviel als Goethe Staatsminister war. Er hat, was sehr charakteristisch ist, seine Meisterlieder niemals drucken lassen, weil er etwas ganz anders und mehr als ein Meistersinger, weil er ein Dichter war, und wußte, daß das, was er nicht aus freien Stücken, sich selber zu Nutz und Frommen geschrieben hatte, nur Vereinstätigkeit war und die Nachwelt nichts anging. Übrigens wär’ es endlich einmal an der Zeit, die Meistersinger etwas von dem Fluch der Lächerlichkeit zu erlösen, der ihnen anhaftet. Es ist sehr schade, daß sich heute kein Musiker und vor allem kein Sänger findet, der geneigt ist, diese im gemeinen Sinn undankbaren Lieder und Weisen der Meistersinger vor dem gefährlichen Publiko vorzutragen. Man würde dann neben manchem Lächerlichen den rührenden Ernst anerkennen müssen, mit dem diese Enthusiasten um die Kunst beflissen waren, und gelegentlich auch die überlegene Schalkhaftigkeit. Denn diese Leute waren gar nicht so strohdumm, wie Richard Wagner des komischen Zweckes halber es uns weismacht.

Zu diesen Dichtern von Beruf, die an Wintersonntagnachmittagen in den Kirchen Nürnbergs zusammenkamen, um dort nach gewissen Regeln, nach der sogenannten „Tabulatur“, dem poetischen Kontrapunkt, in deutscher Sprache zu dichten und zu singen, gehörte Hans Sachs nur als angesehener Bürgersmann seiner Vaterstadt. Als Dichter gehörte er vielmehr zu den fahrenden Leuten, die damals mit ihren Zeltbuden und Schwänken durchs Land zogen, für ein paar Wochen irgendwo dann Halt machten und allabendlich die ganze Stadt unterhielten. Für diese Schauspielerbanden, die damals das deutsche Theater zu Lehen hatten, schrieb Hans Sachs seine 85 Fastnachtspiele. Später schulte er sich eine eigene Truppe, durch die er seine Komödien darstellen ließ, und war Direktor, Regisseur und Schauspieler zu gleicher Zeit. Und alles das, ohne daß ihm die Kundschaft, die sich bei ihm Schuhe machen und reparieren ließ, davonlief. Er hatte nicht weniger Erfolg mit seinen Stücken als heute Kadelburg. Der Rat der Stadt sah ein, wie viel besser seine Komödien waren als die üblichen, ordinären Faschingsspäße, und traute ihm so viel Geschmack zu, daß er ihn mit der Zensur verschonte, und selbst die Kirche machte gute Miene zu seinen guten Spielen und überließ ihm — man muß sich das heute einmal vorstellen! — Kirchen und Klöster, mit seiner Truppe dort zu spielen.

Man darf nun von einem solchen Fastnachtspiel kein dramatisches Leben in unserem Sinne, keine Hatzjagd nach Überraschungen, keine fieberhafte Spannung erwarten. Man muß ein Hans Sachssches Fastnachtspiel geduldig und genau ansehen wie einen alten Kupferstich, um dann auf einmal zu entdecken, welch eine köstliche, feine Arbeit das ist, und wie sie auch im Kleinsten noch voll Leben steckt. Mit meisterhafter Sicherheit holt er mit seinem Grabstichel seine Figuren auf die Kupferplatte seines Theaters: die Bauern wie die bösen Weiber, Scholaren, Spitzbuben und Pfaffen, samt anderm menschlichen und mythologischen Gesinde.

Und je mehr Zeit wir ihm schenken, desto lieber und größer wird uns dieser prächtige alte Meister, der an der Spitze unseres ganzen deutschen Theaters steht, aufgehen.

Und wir werden ihn heute noch so laut und aufrichtig feiern können, wie Goethe ihn zu seiner Zeit verherrlicht hat!

„Ein Eichkranz, ewig jung belaubt, Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt. In Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seinen Meister je verkannt!“

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