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Schattenbilder

Franziskus von Assisi

Reading edition

Aus dem Sonnengesang des Heiligen.

„Gelobt sei, mein Gott, mit allen deinen Geschöpfen Vornehmlich mit unserer Frau Schwester, der Sonne, Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht. Und sie ist schön und strahlet mit großem Glanz, Von dir, o Höchster, ist sie ein Sinnbild. Gelobt sei, mein Gott durch unsere Brüder, den Mond und die Sterne, Am Himmel hast du sie gebildet so klar und funkelnd und schön. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den Wind, Und durch die Luft und die Wolken und jegliches Wetter. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Wasser, Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Feuer, Durch das du die Nacht erhellst. Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig. Gelobt sei, mein Gott, durch unsere Schwester, die Mutter Erde. Die uns versorgt und ernährt Und viele Früchte ans Licht bringt und bunte Blumen und Kräuter. Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den leiblichen Tod, Dem kein lebender Mensch entrinnen kann.“

Zwei Laienpriester aus der guten Stadt Prag in Boheim hatten sich Anno 1213 selbander auf die Beine gemacht, um nach Rom zu pilgern und alldort Seiner Heiligkeit, dem gewaltigen Papst Innocenz dem III., die Füße zu küssen und seinen Ablaß und apostolischen Segen zu empfahen. Sie hatten schon viele Wegemeilen hinter sich und dreimal ihre Sohlen schon völlig abgelaufen, als sie an einem lauen Maienabend in der Stadt Terni, noch fünf Tagereisen vor der ewigen Stadt, ankamen. Sie wandten sich an den Podesta des Ortes, wie man in Welschland den „Schulzen“ heißt, und bekamen von ihm eine bescheidene Herberge hinter dem Dome angewiesen. Sie wuschen sich die staubige Landstraße von Spoleto nach Terni von ihren Gesichtern ab, verfluchten ganz heimlich, daß nur der Teufel es hörte, die ewigen Makkaroni, die man ihnen auftischte, tranken „aqua“, bis sie einen Frosch im Magen zu haben glaubten und wandelten dann gemeinsam einträglich nebeneinander auf den Domplatz hinaus, um Gott zu dienen. Vor einem großen schwarzen Kruzifix aus Byzanz in einer finstern Nische am Dom warfen sie sich nieder und beteten wohl über eine Stunde lang zu dem Gott, der sie von dem goldentorigen Prag durch fremde Menschen und Städte hindurch glücklich bis auf dieses Pflaster geleitet hatte, und der ihnen nun bald seinen leibhaftigen Stellvertreter von Angesicht zu Angesicht zeigen würde. Als sie nun schon sehr lange auf den Knien gelegen hatten, begann der ältere von ihnen, der schon mit Friedrich Barbarossa im Heiligen Lande gewesen war, Kreuzschmerzen zu verspüren. Er stund also auf und fing an, ein wenig im Schatten des Domes herumzugehen und den Tauben auf dem Platz zuzusehen, als er auf einmal das größte Wunder erblickte, was er von Prag bis Jerusalem jemals erschauet hatte.

Es war nämlich ein Mann auf einem Eselein angeritten gekommen, der eine braune Kutte gleich den Bettlern trug, die unser Böhme wohl auf den Landstraßen von Perugia gesehen hatte. Sein Gesicht war ganz bleich und abgezehrt, und ein blonder Bart hing wirr daran, ohne nach einem Bader zu fragen. Das Sonderbarste an ihm war aber für den frommen Laienpriester aus Prag, daß er ganz wie er eine Tonsur ins Haupthaar geschnitten hatte, also geistlich war gleich ihm. Ehe er sich noch darüber ausgewundert hatte, fing — o himmlisches Entsetzen! — der braune Mann auf dem Eselein laut und herrlich an zu singen, und nicht etwa das „Kyrie Eleis“, sondern ein weltlich Lied, das die Sonne am Himmel und die Freude auf Erden pries, und dessen Echo der Dom wie ein aufgewachter Riese vielfach weitergab.

Der Böhme wollte sich voll sittlicher Empörung auf den singenden Reiter Gottes stürzen: „Bruder! Was treibest du da?“ als plötzlich wie auf einen Befehl vom Himmel alle Tauben vom Platz und vom Dach des Domes auf den Mann in der Kutte herniederflatterten, ihn liebkosend umflogen oder sich ihm, der sich ihrer nicht wehrte, auf Haupt, Schultern und Arme setzten. Und auf einmal, als hätte man erst diese Huldigung abwarten wollen, fiel alles Volk, das auf dem Platze beisammen war, auf die Knie und rief: „Santo Francesco!“ und drängte sich an den Heiligen heran, um seine Hände oder wenigstens seine Kutte küssen zu können. Der aber ließ sich weder durch die Tauben noch durch die Menschen beirren, die ihn umflogen und umknieten, sondern fuhr fort, laut über den Platz hin mit zitternder Stimme zu singen und zu jubeln, bis ihm die hellen Tränen über die bleichen Wangen liefen.

Unser Böhme, der dieses ungewöhnliche Bild nicht allein kapieren konnte, lief zu seinem Gefährten zurück, der sich noch immer in seiner finsteren Ecke um Gott plagte und zerbetete, und griff ihn an die Schulter: „Steh auf! Komm mit, itzt sollst du den Antichristen sehen!“ und wies ihm das seltsame Schauspiel. Der heilige Franz auf seinem Eselein hatte indessen zu singen aufgehört und sich daran gemacht, die Vögel mit ein paar Krusten Brot zu füttern, die er aus der Kutte zog, und die ihm selbst viel nötiger gewesen wären als den Tauben. Aber nichts auf der Welt kam der Wonne gleich, die ihm aufs Gesicht trat, wenn er schenken durfte oder trösten konnte. Ein paar Krüppel humpelten nun heran und flehten den Heiligen wimmernd an, mit ihnen ins Siechenhaus zu gehen, wo die Aussätzigen und Bresthaften seiner warteten.

„Lebet wohl, meine Brüder und Schwestern“, sprach nun Franziskus zu dem Volk, das ihn auf dem Markte umdrängte. „Gegen Abend will ich wiederkehren und euch vom lieben Gott und von unserm Herrn Jesus predigen.“ Dies sagte er aber nicht anders, wie eine Mutter ihren Kindern verspricht, vor dem Einschlafen ein paar Märchen zu erzählen. „Als ich auszog, Gott zu finden,“ fuhr er fort, „da wollte es mir zuerst nicht gelingen, meine Augen ohne Ekel auf einem Aussätzigen ruhen zu lassen. Nun kann ich sie mit der Hand streicheln, ohne daß es mich graut, und vor allen meinen Brüdern sind sie mir die nächsten geworden, denn sie bedürfen meiner am meisten. Gott hat sie geschaffen gleich uns, darum müssen sie wohl sein.“ Sprach’s und ritt auf dem Eselein, dessen Zügel zu führen Männer und Frauen sich stritten, den Krüppeln nach zum Siechenhaus. Alles Volk aber wälzte sich schweigend hinterher.

Zu den beiden Böhmen, die staunend und sprachlos dem Zug wie einem Wundertier nachschauten, hatte sich unversehens ihr Gastwirt gesellt. „Was! Den kennt ihr nicht,“ hub er an, „den heiligen Franziskum aus der Bergstadt Assisi? Denkt euch, er heißt eigentlich Bernardone, und sein Vater lebt noch dort und ist ein reicher Tuchhändler. Und dieser Franziskus hat einstmals in Saus und Braus gelebt, und wo ein Fest war in Assisi, war Franzesko dabei und saß, ein Narrenzepter in der Hand, obenan. Aber eines Tages hat er dieses verlassen, die Feste, die Frauen und die Freuden, und hat alles, was er nicht schon verschenkt hatte, feierlich seinem Vater zurückgegeben, selbst das Hemd vom Leibe, also daß er nackend war vor allem Volke, und der Bischof ihn in seinen Mantel hüllen mußte. Fünfhunderttausend Lire könnte er jederzeit wiederhaben, wenn er zum Vater heimkehrte, hat mir der Bruder erzählt, der jüngst noch mit Tuchballen nach Rom reiste. Aber er hungert und bettelt lieber und schläft auf den Kirchentreppen. Fünfhunderttausend Lire im Stiche zu lassen, denkt nur! Darum nenne ich ihn stets heimlich einen „pazzo“, einen Narren, wie die andern ihn laut einen Heiligen heißen. Aber im Grunde mögen pazzo und santo gar nicht so verschieden voneinander sein!“

Unsere beiden Böhmen schienen wohl ein Gleiches zu denken, sie betrachteten ihre stillen Bäuche, dachten an ihre kleine, aber hübsche Pfründe daheim an der Moldau und schüttelten verwundert die frommen Köpfe. Das also war der Spielmann Gottes, von dem man schon in deutschen Landen sprach, der die Armut über alle Dinge heilig pries, der einem Bischof, der Stellen in seinem Sprengel verkaufte, den Stab zerbrochen hatte, und der nicht mehr und nicht weniger als der niederste von allen Brüdern sein wollte, die er um sich versammelt hatte, und die gleich ihm ihr Hab und Gut zuvor den Armen geben mußten! Wollte er mit Jubilieren den Himmel auf Erden verdienen, statt mit Fasten und Beten?

Ganz in Verwirrung gebracht, folgten die beiden biedern Böhmen ihrem Gastwirt, der sie am Ärmel zupfte, in die Herberge, wo ein neuangekommener Kanonikus aus Padua emsig vertieft über einer fetten Ente nebst Bratäpfeln und Kastanien saß. „Störet euch an jenen Bettelbruder nicht, meine böhmischen Brüder!“ hub er an, sie zu beruhigen, indem er vier geröstete Maronen mit einem Zug Chianti hinunterspülte. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und unser Herr Christus am Kreuze sprach noch: ‚Mich dürstet!‘ Fasten ist gut, aber essen ist besser. Kommt! Trinket mit mir auf alle Länder, darinnen Wein wächset!“

Den beiden frommen Priestern aus Prag wurde jedoch nicht behaglich bei diesem Schlemmermahl. Wie ganz anders hatten die Augen des Heiligen vom Weine Gottes geleuchtet, als die roten Äuglein dieses vom irdischen Moste zwinkerten! So machten sie sich denn beide, nachdem sie zum Schein ein paar Gläser mitgetrunken hatten, vom Schenktisch fort und traten auf die Straße zurück. Der Mond war inzwischen aufgegangen und warf Licht und Schatten um den Dom. Als sie nun in ihre kleine Nische gehen wollten, um vor dem Schlafen noch drei kurze Vaterunser zu beten, sahen sie auf einmal des heiligen Franziskus’ Eselein unter dem Kruzifix stehen und ein Bündlein Heu, das vor ihm auf der Straße lag, verspeisen. Erschrocken blieben sie stehen, denn gleich daneben gewahrten sie den Heiligen selbst im Schatten, wie er ein paar Blumen in der Hand hielt, an denen er roch.

Es war aber eine schöne Jungfrau in Terni, die später die Lieblingstochter der heiligen Klara, der Freundin des Franziskus, wurde. Die dauerte es, daß der Heilige auf bloßen Steinen schlafen sollte. Drum hatte sie in den Winkel am Dom, wo jener zu ruhen pflegte, schöne rote Rosen hingestreut, damit er auf ihnen sich bette. Als aber Sankt Franziskus dieses bemerkte, sprach er: „Mit nichten! Das wäre nicht recht getan, ihr Schwestern Rosen, wenn ich auf euch schlummerte und euch zerdrückte. Ruhet drum hier neben mir und welkt, bis der Tau des neuen Morgens euch erweckt!“ Also sprach der Heilige und bettete sich auf die Erde neben das Eselein und neben die Rosen, deren Duft ihn im Traum auf Seraphschwingen in den christlichen Olymp hinauftrug. Und ein paar verflogene Tauben nisteten über Nacht bei ihm in seiner Kutte und wärmten ihn. Die beiden Böhmen aber, die diesem zuhörten und zusahen, schlichen sich leise fort in ihre Herberge, und wie sie sich endlich anschauten, merkten sie, daß sie beide geweint hatten.

So lebte Franziskus, da er auf Erden wandelte, der sich allem und jedem hier verbrüdert und verschwistert fühlte, der alle Menschen lieben konnte, nur die Verleumder und Angeber nicht, der, seinen Sonnengesang anstimmend, den Tod in seiner Zelle erwartete und den die Kirche für heilig erklärt hat, ohne das Ideal, dem er lebte, verwirklichen zu können. Er steht vor allen Heiligen uns Deutschen am nächsten, und darum haben Franz Liszt und spätere Wagnerianer als bewußte Germanen laut auf ihn hingewiesen: „Kniet nieder! Denn hier ist Geist von unserm Geiste!“, weil seine Lehre der Religion unserer Vorfahren vielfach verwandt ist, vor allem in seiner Verehrung für die Frauen und in der unbegrenzten Liebe zur Natur. Sein Leben hat sich um zwei Augenblicke bewegt, den einen, da er seine Habe fortgab, um arm wie Christus zu werden, und den anderen, da er einsah, daß nicht alle Menschen waren wie er, und daß Egoismus die Welt regiert, und er darum in größter Verzweiflung seinen Vorsitz im Orden aufgab, um ein Einsamer zu werden. Vor dieser konsequenten Treue gegen sein Ideal, das Urchristentum, wirkt der Franziskus unserer Zeit, Leo Tolstoi, recht wie ein Quacksalber gegen einen Arzt. Die Heilmittel, die Franz von Assisi den Menschen, die ihn aufnahmen, brachte, waren aber: Armut und Freude, indem er lehrte und nicht anders lebte, in dem Glauben und der Glückseligkeit, für die Lessing die Worte fand: „Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“

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