Emile Zola
Reading edition
Es war im Dezember des Jahres 1861, als ein junger Mensch von einundzwanzig Jahren, bei dessen späterem plötzlichen Tode die ganze gebildete Welt Trauer anlegte, Emile Zola, spät abends im Dunkel die achtzehn Stiegen seiner Behausung im Quartier Latin zu Paris herunterkroch. Er trug über seinem Hemd als einziges Bekleidungsstück einen ehemals schwarzen, jetzt rostig-grünen Überzieher und an den bloßen Füßen ein Paar zwölfmal geflickter, mit Bindfaden zusammengehaltener Filzpantoffeln. Er blinzelte scheu und erschrocken mit den Augen, als die Gaslaternen ihn und seine traurige Gestalt in der schäbigen Schale betrachteten, schlug, zitternd am ganzen Leibe, den Kragen in die Höhe und bog dann schnell in eine der finsteren Seitengassen hinein, die ihn und sein Elend verbarg.
Er rannte mehr, als er ging, um nicht zu sehr zu frieren, die hohen Häuser entlang bis zur Seine herunter, die in Nebel und Nacht gehüllt schläfrig mitten durch Paris floß. Dort am Fluß lag eine Bäckerei in einem feuchten Souterrain, wo es noch drei altbackene Brötchen für einen Sou gab.
Der junge Zola konnte vor Zähneklappern nicht sprechen, er schob nur ängstlich das Geldstück, das ihm in der Hand heiß geworden war, durchs Gitter, nahm sein Brot und rannte spornstreichs an den hohen, düsteren Häusern vorüber zurück. Er hatte seit drei Tagen nichts mehr zu kauen gehabt. Doch, vorgestern war es ihm gelungen, unter einem alten, dicken Schmöker, den er listig in der Dachtraufe als Falle aufgestellt hatte, einen Spatzen zu fangen. Den hatte er an einer Gardinenstange über einem bißchen Holz, das er aus dem Fußboden gebrochen hatte, geröstet. Aber das arme Tier war so klein gewesen, daß er nach drei Stunden wieder hungriger wurde als zuvor. So verschlang er denn das eine Brötchen schon bei dem Aufstieg zu seiner himmelhohen Wohnung.
Oben in der Dachkammer, wo er hauste, lag seine Freundin, die nach Pariser Frauenart Leid und Lust mit ihm teilte, im Bett und lachte ihn an, als er mit seinen Brötchen hereintrat. Hier unter dem Dach war es fast noch kälter als draußen am Fluß. Der Wind heulte ganze Symphonien über Paris.
Außer dem Bett und einem Ofen, der aber kälter war als Grönland, stand einem nichts in der kahlen Kammer im Wege. Nur in einer Ecke lag noch ein alter Seehundskoffer, der auch Tisch sein konnte und mußte, wenn man ihn in die Höhe stellte. Dieser Koffer aber war das Allerheiligste in dem ganzen nackten Raume. Denn in ihm verwahrte der junge Zola seine größten Schätze, mächtige Manuskriptbogen, auf denen lange Verse geschrieben standen, die sich am Schlusse reimen mußten. Mit diesen Reimen, die das Los und das Leben der Menschen besangen, Menschheitsphantasien waren, hatte der Jüngling dermaleinst gehofft, Paris und die Welt zu erobern, als er noch als Gymnasiast in der Provence mit gleichgestimmten Freunden die blauen Tage verschwärmt hatte.
Nach und nach war die Enttäuschung über ihn gekommen. Der Tod seines Vaters und die völlige Verarmung seiner Mutter trieben ihn aus dem sonnigen Südfrankreich mitten im Winter in das düstere Paris, wo es magere Stipendien und noch magerere Freitische gab. Jäh rüttelte ihn dann das Leben aus dem Traum der Jugend auf: Er fiel zweimal kurz hintereinander durch das Examen. Die paar Bekannten seiner Mutter, die ihm bis dahin geholfen hatten, gaben ihn damit auf. Und nun trieb der junge Zola wie ein Schiffbrüchiger mit seinem Seehundskoffer und den langen, schon etwas vergilbten Versen seiner Jugend in das Zigeunerleben der Großstadt hinein.
Ganz langsam gingen ihm die Kinderaugen auf und fielen die Träume um ihn herunter ab, wie die faul gewordenen Tapeten in seiner Dachkammer.
Und wie er an jenem Abend sich in der kahlen, feuchten Stube wie im Sarge seiner Jugend umblickte, wurde ihm mit einem Male klar, daß die Millionen von Menschen in der Stadt unter ihm, von deren Edelsinn und Nächstenliebe er geträumt hatte, lauter Egoisten waren, und daß die Gesellschaft sich um den einzelnen nicht kümmert, sondern ihn einfach verbraucht, und daß unsere Zeit keine Besonderheiten duldet, und daß die Liebe, dieses überschwengliche Wort, diese höchste Erwartung aller jungen Seelen, schließlich nichts weiter bedeutet als zwei Menschen, die Appetit aufeinander haben und voneinander lassen, wenn sie einander satt bekommen haben.
So wurde aus dem jungen Zola, der im Mondschein Reime schmiedete, unter seinem Kopfkissen Hugos Gedichte hatte, mit seiner Liebsten Veilchen pflückte und mit offenen Augen träumte und durchs Leben nachtwandelte, der Mann Zola, der Verfasser von „Germinal“, der Freund Flauberts, der Hausbesitzer und reiche Schriftsteller, der das Aussehen eines Bankbeamten hatte, der erklärte, daß ein Dichter ein Arbeiter sei wie alle anderen, der nicht mehr betete, weil er zu oft vergeblich gebetet hatte, der statt an Gott nur mehr an Hunger und an Liebe glaubte, der Reklame für sich machte und machen ließ, und Romane in Lieferungen schrieb, der im Winter mitten unter reichgewordenen Spießbürgern wohnte, der alle Phrasen haßte und alle Dinge bei ihrem Namen nannte, der den Maschinen ihre Seele ablauschte, der den Naturalismus für die einzig mögliche Kunstform erklärte, und der an Kohlengas gestorben ist.
So wurde der Künstler Emile Zola, der das große Epos der Bürgerfamilien Rougon-Macquart schrieb und mit Riesenlettern sein „J’accuse“ an den Himmel des alten Frankreich unter Napoleon III. hinschrieb, das Anno 1870 an den Folgen der Ausschweifung und des Leichtsinns zusammenbrach und einen jämmerlichen Tod wie Nana starb. Mit dem sinnlichen Temperament eines Rubens und dem sittlichen Ernst des Tacitus malte er die traurige Geschichte und Zeit jenes schwächlichen Monarchen in überlebensgroßen Bildern ab. Keine verfallende Zeit hat einen größeren Schilderer und Richter gefunden. Wer diesen Dichter aber, wie dies einst geschah und heute noch oft geschieht, einen Mann ohne Scham und Anstand nennt, der begeht damit ein Majestätsverbrechen an der Würde der Menschheit, die in Zolas Hand nicht weniger sicher als in der Schillers gelegen hat. Unerbittlich wie Minos in der Unterwelt hat er alle jene kranken und faulen Seelen, die aus dem Sumpf des zweiten Kaiserreichs heraufgewachsen waren, in den Tartarus zurückgeschleudert. Es gibt selten etwas Größeres und Gräßlicheres in der Kunst, als die Bilder, die Zola von dem Untergange jenes Frankreichs entworfen hat. Seit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ war kaum Ähnliches da, und keiner außer Zola hat uns Lebende so über den Totenstrom gefahren, der zwischen uns und unsern Ahnen flutet.
Aber damit nicht müde, so wenig wie Herkules, da er den Stall des Augias gereinigt hatte, begann Zola in seinen letzten Jahren an Stelle des weggefegten Schutts die Fundamente zu einer neuen Zeit zu legen. Schon die große Romanreihe der Geschichte der „Rougon-Macquart“ klingt aus mit einem weichen Akkord, schließt mit jenem wundervollen Bilde von dem kleinen Kinde, dem einzigen, ersten, gesunden Sprossen aus jener Generation von Säufern und Wüstlingen, das mit seinen Händchen nach der Sonne und den Sternen greift. Und der Sechzigjährige begann seine vier Evangelien zu schreiben, die er, der sich in seinen Romanen „Lourdes“ und „Rome“ als der erbittertste Gegner der herrschenden Kirche erklärt hatte, als moderne lebensfrohe Ideale aufstellte. Sie heißen: Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. In ihnen bricht sein starker Optimismus triumphierend durch. Über alle Hemmnisse preist er den Sieg des Lebens, hofft er auf den friedlichen Fortschritt der Wissenschaft und der Menschheit, die sich schon ihren Planeten unterworfen hat und Raum und Zeit täglich mehr überwindet. Er war der erste, der uns lehrte, daß man beim Dahinsausen eines Zuges durch die Nacht ebenso vor Bewunderung erzittern kann, wie beim Eintritt in einen Tempel, und er fand für das Gefühl: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, neue herrliche Worte.
Da riß ihn mitten aus der Arbeit an seinem Roman „Arbeit“ der jähe schreckliche Tod hinweg. Man darf wohl sagen, daß der Verlust dieses Mannes für Frankreich kein geringerer war, als der der Schlacht von Sedan. Denn das große Reformationswerk, das Zola begonnen hatte, war noch unvollendet, und es steht dahin, ob ein gleich starker und mutiger Genius es jenseits des Rheines wieder aufnehmen wird. Darum kann Frankreich das Andenken dieses gewaltigen Künstlers und Reformators nicht genug ehren, und wenn es selbst seine Leiche statt in das Pantheon neben die Gebeine Napoleons des Ersten bringen würde.