Schiller
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Noch heute ist Schiller der volkstümlichste, der beliebteste Dichter in Deutschland, ist in unseren Tagen noch so volkstümlich wie ein Kinematographentheater und wie Zeppelin und Hindenburg. Und er hat dies verhältnismäßig ohne große Konzessionen erreicht.
Wohl hat er manchmal klein beigegeben, hat dem Theater gegeben, was es damals wie heute forderte: Schaustellungen, herrliche Aktschlüsse mit bengalischer Beleuchtung, Katafalk, Fahnen und Orchester, große spannende Auftritte und leider auch, wenn nicht immer Belohnung der Tugendhaften — dafür schrieb er Tragödien! — so doch meistens Bestrafung der schlechten Menschen auf der Bühne, des bösen Geßler, der heuchlerischen Königin Elisabeth. Schon als Jüngling von 23 Jahren mit den „Räubern“ auf das Theater gebracht, lernte er diesem gefährlichen Untier zu schmeicheln und sich den Beifall des Publikums sichern. Es ist erstaunlich, mit welcher Kälte er schon damals, als feuertrunkener Schwärmer, über seine Helden und Heldinnen nicht anders, als seien es Kaninchen, verfügte. „Daß Euro Excellenz“, schrieb er an den Mannheimer Intendanten Heribert von Dalberg, „die Amalia lieber erschießen als erstechen lassen wollen, gefällt mir ungemein, und ich willige mit Vergnügen in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor.“
Auch späterhin in seinen Briefen an Goethe oder Iffland, die beiden Theaterdirektoren, spielt das Wort „Effekt“ eine Hauptrolle bei den Mitteilungen über seine neuen Stücke, und auch als längst anerkannter Dichter war er stets zu solchen Änderungen in seinen Stücken, die das Theater verlangte, sofort bereit. Man sieht, dieser große Idealist, wie er einem in der Schule als überirdisches Wesen vorgestellt wird, war ein ebenso großer Realpolitiker, wenn es galt, die Anforderungen der großen Menge und ihrer Anwälte, der Theaterdirektoren, zu befriedigen. Das nahmen ihm die Romantiker übel, die den verworrenen Gang des Lebens kaleidoskopisch verworren gestaltet wissen wollten, daß er Menschen und Schicksale in Transparent und in Theater setzte und mehr als nötig war „idealisierte“. Darum stießen sich Künstler wie Otto Ludwig, stößt sich heute schon ein ganzer ästhetisch fein empfindender Kreis in Deutschland an solchen Stellen in seinen Stücken, Momenten oder Passagen, den Geschmack wund, in denen er mit kalter Berechnung dem Moloch Theaterpublikum rohe Opfer gebracht hat. Während seine Gedichte, die er nicht für das Lesebuch und für kein anderes Publikum als für reife Menschen schrieb, vor allem seine Gedankenlyrik von keinem bemängelt, von keinem übertroffen werden können.
Er wollte als Dramendichter ebenso ungestüm wie ein Theaterdirektor, daß das Haus voll besetzt war, wenn seine Stücke gespielt wurden und hätte, wie Goethe es getan hat, aufgehört, Dramen zu dichten, wenn bei ihnen, wie etwa bei der „Iphigenie“, das Parkett so leer wie heute die Kirchen in Paris ausgesehen hätte. Darum war „Wirkung, Effekt“ die Parole, unter der er seine Schlachten auf der Schaubühne schlug, und je älter er wurde, je seltener wagte er einen Ausfall gegen die herrschende Moral, den herrschenden Geschmack seiner Zeit. Nein, er befestigte durch viele Sentenzen in seinen Stücken wie durch deren ganze sittliche Haltung gradezu die moralische gut bürgerliche Ordnung, wie sie nach der großen Revolution, für die er, wie Goethe, übrigens kein tieferes Verständnis gehabt hat, über die Welt gekommen war. Das konnte ihm Nietzsche, der nach Otto Ludwig zweite große Schillerhasser in Deutschland, nicht vergeben, daß er die großen, nichtssagenden Worte, das Edle, das Schöne, das Wahre, die Phrasen, bei uns in Umlauf und Wert gesetzt hat. Er machte ihn vor allen für diese billige, bildungsphilisterhafte kleine Gesinnung im neuen Deutschland, die sich mit großen Redensarten loskauft, die mit Worten, nicht mit Taten zahlt, verantwortlich, für jene falsche Pathetik, die fortwährend „die Ideale“ im Munde herumdreht, die Hebbeltheater gründet, um Possen darin aufzuführen, die sich patriotisch gebärdet, um Kommerzienrat zu werden, die im Frieden mit dem Degen rasselt, die mit der rechten Hand Geld abnimmt, indessen die linke betet.
Es ist wahr, Schiller hat, Kants praktische Vernunft in die Poesie umsetzend, alle jene allgemeinen edlen Begriffe Wahrheit, Schönheit, Tugend und Gott als Worte des Glaubens auf den Thron erhoben und als Götzen über uns gesetzt und uns mit dem Schreckgespenst der Schuld bedroht. „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Konservativ wie die meisten Dichter, hat er mit schönen Sätzen und herrlichen Versen einen Schutzwall um die Guten gebaut und das zum Sieg gekommene Bürgertum, dem er angehörte, im ruhigen Besitz seiner gewonnenen Güter befestigt. Aber er selbst hat diesen Sieg erst in seiner Jugend mit erringen helfen, da er seine vier gewaltigen Jünglingswerke „in tyranos“ geschrieben hat. Die französischen Schreckensmänner, die ihn zum Dank für „die Räuber“ zum Ehrenbürger der französischen Republik ernannten, verstanden seine Bedeutung für seine, für unsere Zeit viel besser als er selbst. Sie merkten, daß er, wenn auch nicht wie Franklin „dem Himmel den Blitz“, so doch „den Tyrannen das Zepter entrissen“ hatte. „Die Räuber kosteten mich Vaterland, Ehre und Familie,“ durfte Schiller sagen, der um dieses sein Werk alles auf einen Wurf gesetzt hatte.
Dieses blieb das größte Erlebnis in seinem Dasein, die Flucht von der Karlsschule, das Zerbrechen der Fesseln, die Selbstbefreiung des Individuums. Die sollte man nicht vergessen, wenn man mit den Sentenzen des abgeklärten, des friedlichen Schillers herumwirtschaftet. Die Leute, die wie manche moderne Dichter nichts anderes erleben, als daß sie sich einmal einen Zahn plombieren lassen oder höchstens einmal Schöffe oder Geschworener werden, sollten daran denken, daß Schiller um seine Ruhe gekämpft und gelitten hat wie ein Held.
„Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“
Dazu kommt, daß Schiller niemals platt im niedern Sinne wird. Eine weite Fläche voll von Gemeinplätzen trennt ihn von Wildenbruch und seinen andern Epigonen. Selbst in seinen schwächsten Stücken, in der „Jungfrau von Orleans“, in „Maria Stuart“, trägt ihn sein Fittich noch hoch über die Niederungen, in denen die von ihm in den „Xenien“ verhöhnten literarischen Frösche quaken. Aller Hurrapatriotismus, alle Festbegeisterung wären ihm zuwider gewesen. Als Kotzebue ihn feiern wollte, sagte er wegen Übelkeit im Magen ab.
Diese innere Wahrhaftigkeit mit jenem prachtvollen Schwung vereinigt, mit dem er gleich dem Orchester, das er nach der Rütliszene vorschrieb, in seine Verse wie der Sänger in die Harfe fällt, machen ihn, den dithyrambischen Dichter, aus und ergreifen uns noch heute. Darum faßt auch den, dem die Kunst sonst nichts bedeutet oder der ihr den Rücken zugekehrt hat, beim Tönen seiner Verse eine ungeahnte Sehnsucht nach einem höheren Reich wie den Älpler in der Ebene beim Klange des Alphorns Heimweh nach den Alpen überkommt.
„Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt und jede Larve fällt.“
So ist sein Name bedeutungsvoll für sein Dichten geworden, das noch jetzt wie immer im ersten Glanz, den er ihm verliehen hat, zu uns „schillert“.
Das Leben, das er uns hinterließ, hat etwas Fragmentarisches, mehr noch als ein jedes Menschenleben ein Fragment bedeutet. Es beginnt mit jener Rhapsodie seiner Flucht aus Schwaben und mit der leidenschaftlichen Neigung zur titanischen Charlotte von Kalb und endet mit dem Adagio seines stillen Lebens in Weimar zwischen der Liebe zu seinem sanften Lottchen und der Freundschaft zu Goethe. Sinnlos riß der Tod ihn fort von einem Werke, dessen Torso noch erschütternd groß wirkt. Napoleons Gipfel und Absturz, die gewaltigste Tragödie seiner Zeit, hat er nicht mehr erlebt. Der hätte ihn sicherlich gleich Goethe und Wieland zu sich nach Erfurt beschieden und ihn als Mitbürger einer neuen Zeit begrüßt, die mit der Nacht begonnen hat, die bedeutungsvoller als die Nacht von Bethlehem war, mit der Nacht, da in Paris die Menschenrechte erklärt wurden, und Posas Ideal „Gedankenfreiheit“ endlich erfüllt werden sollte. Ja, Schiller war einer der Taufpaten dieser herrlichen heutigen Zeit, in der der einzelne frei in seinem Staate lebt, und auch in Deutschland und Preußen ein jeder verfassungsmäßig das Recht hat, in Wort und Schrift seine Meinung frei zu äußern, wenn auch leider nur wenige bisher von diesem Rechte Gebrauch zu machen pflegen.
Den Revolutionär Schiller, den Robespierre des Dramas, der die Tyrannen in seinen Stücken guillotinierte, soll man darum nicht vergessen, wenn man des Dichters der Glocke, des Hüters der heiligen Ordnung, der züchtigen Sitte, gedenkt. Diesen soll man wiederum nicht in den Himmel erheben, wie es in der Aula wohl geschieht, wo Sankt Schiller mit seinen Bürgersprüchen bis ins Maßlose gefeiert wird. Er war ein Mensch wie wir, dem Wetter, der Zeit und den Launen unterworfen und aus vielem zusammengesetzt. Denn ein absolut edles Wesen ist ein Monstrum, das nur in der Weltflucht gedeiht, oder ein Mythus, der nie unter Menschen gewandelt ist. Aber Schillers Hand hielt doch die langen bangen Jahre einer schrecklichen Krankheit hindurch bis zu seinem Tode des Lichtes Himmelsfackel in der Hand, der Würde der Menschheit zu leuchten. Und sein Genius, der sich an der Morgenröte einer neuen Zeit entzündet hatte, stand wie eine Sonne bis zum Tode über seinem Volke, das er, ein einzelner, Jahrzehnte vor Bismarck schon geeinigt hatte. So starb er, so ging er durch die porta nigra des Todes, „unendlich Licht mit seinem Licht verbindend“. Auf seinem Grabstein steht nur sein Name, den er unsterblich in des Wortes menschlicher Bedeutung gemacht hat. Wollte man dem etwas hinzufügen, man könnte keine schöneren Worte finden als die, die Shakespeare dem gefallenen Freiheitskämpfer Brutus nachruft:
„Sanft war sein Leben, und so mischten sich Die Element’ in ihm, daß die Natur Aufstehn durfte und der Welt verkünden: Dies war ein Mann.“