E. T. A. Hoffmann
Reading edition
Im Winter des Jahres 1821 bekamen eine Reihe geistvoller und künstlerischer Männer zu Berlin durch die Post eine in zierlichen Antiquabuchstaben geschriebene Todesanzeige zugeschickt, die folgendermaßen lautete:
„In der Nacht vom 29. bis zum 30. November dieses Jahres entschlief, um zu einem besseren Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling, der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den Verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen.“ Der Mann, dem dieser Kater, als er noch springen konnte, gehört hatte, der ihn immer, wenn er schrieb, auf seinem Pulte liegen gehabt und ihm zwischendurch beim Dichten die Funken aus dem Fell gestreichelt hatte, war der Königl. Preußische Kammergerichtsrat Hoffmann, der seit dem Jahre 1816 für tausend Taler im Jahre zu Berlin judizierte und Verfügungen verfaßte.
Dieser höchst sonderbare Mann war unter der Regierung Friedrichs des Großen zu Königsberg in Preußen von zwei merkwürdigen Menschen in die Welt gesetzt worden. Von einem Vater, der es vorzog, seine Familie allein leben zu lassen, und der, nachdem er zwei Söhne hervorgelockt hatte, sich nach Insterburg versetzen ließ, um seine ganze Ehegeschichte wie einen schlechten Roman, den man gelesen hat, gänzlich aus dem Gedächtnis zu verlieren. Zwanzig Jahre lebte der Alte droben an der Inster allein als Kriminalrat mit seinen Akten, seinem Tabak, polnischem Branntwein und saufenden Gutsbesitzern, bis er Anno 1797 starb, und der Sohn nichts anderes über ihn zu sagen wußte, als: „Mancher ist in diesem Jahre gestorben, z. B. mein sogenannter Vater.“
Die Frau zu diesem Manne, die Mutter Hoffmanns, besaß zwei ebenso hartnäckige wie unangenehme Eigenschaften, sie war hysterisch und ordnungliebend. Diese letztere Tugend hatte ihren Mann von ihr nach Insterburg getrieben. Die Hysterie, die sich in stets verweinten Augen und einer roten Nasenspitze bei ihr abmalte, vertrieb ihr den Sohn, dem die stete stumme Predigt ihrer traurigen Augen über das Thema: „Warum hat mich dein Vater verlassen?“ allgemach fatal wurde. So kletterte der kleine possierliche Junge lieber auf den Schoß seiner Tante Sophie, der jüngeren Schwester seiner duldenden Mutter, die eine schöne Stimme hatte und zur Laute die herrlichsten Lieder singen konnte. Oder das Kind machte sich an den Bruder seiner Mutter, in dessen Hause sie wohnten, seinen Vormund und Onkel Ottfried, einen hoch musikalischen, aber völlig vertrottelten alten Sonderling, der trotz seiner Glatze von der wehmütigen Schwester noch stets „Ottchen“ genannt wurde, und der allabendlich, wenn die Kerzen brannten, allein oder mit Freunden Konzerte veranstaltete, wobei er in einem pflaumfarbenen oder zeisiggrünen Rock im Zimmer herumsprang wie die Tasten auf der Klaviatur. Dies waren die ersten lebendigen Eindrücke des Kindes, das später, als es Mann geworden, einmal die bittern Worte schrieb: „Ein schlechter Vater ist noch immer viel besser als ein guter Erzieher.“
So wurde die Musik allein die beste Freundin und Trösterin des einsamen Kindes. Und es ist fast symbolisch für ihn und für sein Leben, daß sein Vater, der mysteriöse Mann zu Insterburg, in der Stunde seiner Geburt, um der Mutter die Schmerzen zu erleichtern, und um dem Kinde bei seinem Eintritt das Menschenleben möglichst pläsierlich vorzutäuschen, einen Lautenisten herbeigeholt hatte, der der Wehmutter und dem Säugling einen „Murki“, ein Murmelstück im Baß vorspielen mußte. Von Oheim und Tante verwöhnt, aber mit Musik erfüllt, bezog der Jüngling die damals weltberühmte Universität Königsberg, wo er, wie sein weiland Vater, die Rechte studieren sollte. Es ist ergötzlich, wenn man sich den jungen Hoffmann zu den Füßen Kants vorstellt, dessen Vorlesungen er eifrig besuchte, ohne sie jemals verstehen zu können, und den Humor Gottes sich klarmacht, der diese beiden extremen Geschöpfe erschafft und in diese komische Situation zusammenbringt.
Wie der von uns Erwachsenen sogenannte „Ernst des Lebens“, d. i. die Zeit, wo man sich selbst sein Geld verdienen muß, für Hoffmann begann, zeigte sich, daß in den damaligen unruhigen Zeitläuften, wo gerade Napoleon mit Deutschland Katze und Maus spielte, die Musik ihren Mann fast noch eher ernähren konnte, als die Juristerei. Zumal da Hoffmann, der außerdem, daß er erzählen und mit der Feder wie auf dem Klavier phantasieren konnte, noch die dritte Gabe, zeichnen zu können, besaß. Dieses Talent machte sich bei ihm, dem anfänglichen Assessor zu Posen, in farbigen Karikaturen Luft, die er von seinen Vorgesetzten, um die Akten etwas zu beleben, zuweilen an deren Rand zeichnete. Nun können preußische Beamte einen Spaß oder Stoß von Untergebenen sehr schlecht vertragen, und der Assessor Hoffmann ward, um seine Phantasie etwas trocken zu legen, in ein kleines Nest an der Weichsel versetzt, auf daß er in sich gehe und einsehe, wie man sich als Beamter besser steht, wenn man keine Karikaturen zeichnet.
Um sich in der Polackei nicht tot zu langweilen, heiratete Hoffmann dort eine Polin, ein gutes, treues Weib, die den Humor hatte, zu allem, was der kleine hagere koboldartige Mann trieb, „Ja und Amen“ zu sagen, und die alle Stunden bis zu seiner letzten bei ihm ausgehalten hat. Sie weinte denn auch keine Träne, als ihr Mann den sichern Staatsdienst verließ und sein Glück den Musen anvertraute. Sie folgte ihm, als er als Musikdirektor ans Theater nach Bamberg ging, dorthin, und stopfte ihm die Strümpfe und die üble Laune, wenn er weinend aus einem Stück von Kotzebue heimkam.
Als er das Theater leid bekommen hatte, ging er wieder auf die Wanderschaft und nährte sich zu Dresden — es war gerade Anno 1813 — von Karikaturen auf Napoleon, die einen reißenden Absatz fanden. Zum Glück für ihn war justament sein Oheim Ottfried gestorben, der ihm ein paar verstimmte Geigen, etzlich bunte Kleider und einige blanke Taler hinterließ, und Hoffmann konnte, ohne zu verhungern, abwarten, bis Napoleon nach Elba expediert war.
Um die Zeit besann man sich in Berlin wieder auf den früheren Beamten Hoffmann aus Königsberg, der sein Assessorexamen dereinst mit „vorzüglich“ bestanden hatte, und dem, außer daß er zeichnen und musizieren konnte und eine Zeitlang beim Theater gewesen war, nichts Übles nachzusagen war. Man machte drum durch dieses wie durch alles, was unter Napoleon geschehen war, einen dicken Strich, vielmehr man setzte es in Klammern, und ernannte Hoffmann zum Kammergerichtsrat. Zumal ein so ehrenwerter Mann wie sein Freund Hippel sich für ihn verwandte, derselbe, der für den König Friedrich Wilhelm III. den „Aufruf an mein Volk“ verfaßt hatte, der also ein Meister darin war, Gegensätze zu vermitteln.
Hoffmann war nun als Kammergerichtsrat wieder ein nützliches Mitglied der preußischen Gesellschaft geworden und versah zum größten Erstaunen seiner nicht dichtenden und phantasielosen Kollegen sein Amt auf das gewissenhafteste. Der Zufall wollte es — und dies ist der beste Witz in seinem Leben —, daß er, der Dichter der Nachtstücke und Karikaturist, zum Mitkommissarius bei der Untersuchung der sogenannten demagogischen Umtriebe eingesetzt wurde und eine alte ehrliche Haut wie den Turnvater Jahn aburteilen mußte, der sicherlich nachts nur von der Kniewelle, vom Stangenklettern oder dem Riesenaufschwung träumte, während sein Judex, der Kammergerichtsrat, nachts in den Schatten Teufel, Zwerge und Grimassen machende Marionetten sah, von denen er eine ganze Menge mit scheußlichen Höllenfratzen in seinen Schränken gesammelt hatte.
Solche Allotria, wozu auch ein ewiges Gesichterschneiden, seine Lieblingsbeschäftigung, gehörte, trieb der Kammergerichtsrat Hoffmann aber nur, um vor sich und dem Erzschelm, der ihm im Nacken saß, seine Würde ertragen zu können. Daß er eine sogenannte Säule des Staates geworden war, erschien ihm so tragikomisch, daß er jede Nacht in der Weinstube bei Lutter und Wegener darauf trinken mußte, bis er in jene Region kam, wo man vergißt, daß man Justizrat genannt wird und eine Respektsperson ist. So waren ihm die liebsten Abende die „Serapionsbrüderabende“, herrliche Kneipstunden, da sich die Dichter Berlins bei ihm versammelten, und er mit einer weißen Schürze dazwischen stand und unaufhörlich Kardinal, das war ein von ihm erfundenes Gemisch von Rheinwein und Champagner, bereitete. Hatte er sich so in die Hinterwelt der Träume hineingetrunken, so plauderte er stundenlang mit seinem Kater Murr, wie er früher in Bamberg am meisten mit einem Wirtshaushunde, den er „Berganza“ nannte, verkehrt hatte. Oder er schrieb ein Nachtstück oder Phantasiestück nach Mitternacht auf preußisches Aktenpapier und sah seine Gestalten schließlich so lebendig werden, daß seine Frau sich mit dem Strickstrumpf zu ihm setzen mußte, damit ihm nicht der Verstand vor Schrecken scheu wurde und fortflog. Kein Wunder war es, daß er bei einer solchen ungewöhnlichen Lebensweise kein Jubelgreis wurde, sondern, sechsundvierzig Jahre alt, an der Rückenmarksdarre starb und den gleichen scheußlichen Weg wie später Heine zum Tode ging.
Viele Literarhistoriker, die mit moralischen Messern sein Leben sezierten, haben immer wieder geklagt: Was hätte Hoffmann nicht alles erreichen können, wenn er einen besseren Wandel geführt hätte! Wir aber, die wir mit Goethe glauben, daß jedes Menschen Bahn von Anbeginn beschlossen ist, wollen nicht maulen, daß dieser Meteor kein Fixstern war, und daß seine Werke keine lodernden Feuer sind, sondern mehr den elektrischen, phosphorfarbenen Funken ähneln, die er aus dem Fell seines Katers strich, und ihm stets voll Dank wieder Stunden aus unserm Leben schenken.