Der junge Goethe
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An einem schönen Maiabend des Jahres 1772, als die Sterne schienen, die Frösche quakten, die Hunde an der Kette sich mit dem Mond zankten und die Bürger zum erstenmal probierten, wie das Bier auf offener Straße schmeckte, brachte die Post, die alle Tage von Gießen nach Wetzlar humpelte, einen für einen Gerichtspraktikanten, wie man ehemals die Referendare nannte, höchst seltsam aussehenden jungen Menschen in das friedliche Städtchen, in dem zu jener Zeit das Reichskammergericht in den letzten Zügen lag. Er trug einen damals modischen blauen Frack nebst gelber Weste, dazu eine buntseidene Hose und hohe braune Stulpstiefel. Den Hut hatte er unterwegs verloren oder zu den Sternen in die Luft geworfen, und so sah man, daß er schöne braune Locken auf dem Haupte hatte, unter denen zwei schwarze Augen leuchteten, die so groß waren wie die Räder der Postkutsche, die ihn durch die steilen Gassen von Wetzlar fuhr. Vor dem Gasthof zum Kronprinzen, dicht an dem riesigen, grauen Dom, in dem noch heute wie damals links die Katholiken und rechts die Protestanten in seltener Eintracht zum lieben Herrgott beten, hielt der zitronengelbe Postwagen an, nachdem er zuvor noch einmal über einen dicken Prellstein gehopst war, daß dem armen Rechtspraktikanten schier die Eingeweide aus dem Munde gesprungen wären.
Gleich trat der Wirt wie aus „Minna von Barnhelm“ eilfertig aus dem Hausflur heran, schwatzte über das schöne Wetter und das beschwerliche Reisen, wobei er im stillen abschätzte, in welches Stockwerk er den Fremden unterbringen sollte. Dann nahm er ein Windlicht zur Hand, trieb den Hausknecht mit „Allez! Allez!“ zum Gepäck, um zu zeigen, daß er auch französisch schimpfen konnte, und geleitete den Rechtspraktikanten aus Frankfurt — das hatte er schon in der ersten Minute herausgefragt — in ein niedriges, blau gestrichenes Zimmer, in dem ein Riesenbett, ein Schrank und eine Waschkommode sich im Mondschein kichernd über Wetzlars Vergangenheit und die Eigenheiten der Durchreisenden unterhielten. Der Rechtspraktikant ohne Hut und mit den großen Augen schaute sich das alles mit einem kurzen Blick an, als hätte er es schon tausendmal gesehen, streute ein paar Veilchen, die er unterwegs gepflückt hatte, auf das Bett, um sich nicht zu einsam vorzukommen, lehnte den Kopf zum Fenster hinaus, blickte zum Dom und zu den Sternen und wartete träumend, bis man ihm sein Abendbrot heraufbringen würde. Dazwischen schritt er ein paarmal im Zimmer auf und ab, redete mir nichts dir nichts den Schrank an, der ob dieser schnellen Vertraulichkeit gravitätisch sich in seinen Fournieren zusammenzog, oder sprach wie ein Verliebter ein paar sinnlose Verse vor sich her, so daß die Stubenmagd, die draußen am Schlüsselloch stand, ganz entsetzt in die Küche lief und schrie: „Gott sei bei uns! Es ist ein Schauspieler!“
Zu allgemeinem Erstaunen ließ er sich dann, als er sein Essen und zwei Flaschen Rotwein heruntergestürzt hatte, noch den Torschlüssel geben, obschon die Domuhr grade zehnmal „Nein!“ schlug, und rannte dann ohne Hut durch das schnarchende Städtchen, um wie weiland Diogenes eine Menschenseele in Wetzlar zu finden. Der Nachtwächter der freien Reichskleinstadt aber sah ihn in jener Nacht an drei Orten: Zum ersten Male wie er unten an der Mühle in der Lahn badete und sich dabei, ohne sich zu schämen, vom Mond bescheinen ließ, zum anderen, wie er am Brunnen vor dem Tore sich mit einem alten Salamander, der dort seit 1500 hauste, über Shakespeare unterhielt, und zum dritten Male, wie er beim Zurückklettern über die Stadtmauer zwei andere Rechtspraktikanten traf, die vom Liebchen heimkamen und ihn mit in eine Weinstube zogen, um auf die Gesundheit des schwindsüchtigen Heiligen Römischen Reiches einen Kanon zu singen. Um drei Uhr in der Frühe, als die Hähne schon anfingen, ihr Organ zu üben, kam der junge Fremdling vor die Türe seines Gasthauses. Aber da er den Torschlüssel längst verloren hatte, mußten sie zu dreien erst eine Katzenmusik anstimmen, bis der Wirt mit der Nachtzipfelmütze ihm öffnete und ihn in sein Gemach geleitete, das ihm ein höchst vorwurfsvolles Gesicht schnitt. Aber der junge Herr lachte es aus, warf seine Stiefel dem entrüsteten Schrank vor den Kopf, sprang ins Bett und weinte sich über einen Band Klopstockscher „Oden“, der stets auf seinem Nachttisch lag, langsam in seligen Schlaf.
Von da an sah man ihn alle Mittage im „Kronprinzen“ zu Wetzlar in der Tafelrunde, die sich dort um den Herrn von Goué, einen gutmütigen alten Sonderling, als König Artus versammelte und Allotria trieb. Es waren lauter „Originalgenies“, wie man sie damals nannte, die da herumrumorten und über dem guten alten Städtchen krächzend wie die frechen Krähen einherflogen: Junge Burschen, die, wenn man sie fragte, was sie werden wollten, einen Lachkrampf bekamen, oder denen es einfiel, plötzlich auf der Straße auf einem Bein zu stehen oder mit den Zähnen zu fletschen oder einem alten Weib die Zunge herauszustrecken. Und ältere Knaben waren darunter, die erklärten, solange Friedrich der Große lebe, brauche kein anderer Mensch in Deutschland etwas zu tun, und die Frauen seien nur dazu da, um Hosenknöpfe anzunähen und Heringe einzumachen, und der Wein sei die bequemste Weise, um ins Paradies zu kommen. Zwischen beiden, dem Gemüt und der Gesinnung nach gleichen Parteien, bewegte sich der neuhinzukommende Rechtspraktikant aus Frankfurt so vergnügt, als sei er unter solchem trinkfesten, aber charakterschwachen Gesindel zur Welt gekommen. Seine Tante — denn wie jeder gute Bürgerssohn hatte auch er in allen größeren Städten 50 Meilen um seine Vaterstadt eine Tante wohnen! — war ganz empört, als sie ihren Jungen, noch dazu mit augenscheinlichem Behagen unter jenen Räubern entdeckte. Mit Ingrimm sah sie ihn jedesmal, wenn man an dem düsteren Gebäude des Reichsjammergerichts vorüberkam, ein Kreuz schlagen, als säße der Teufel darinnen, und hörte mit Seufzen beim Morgenkaffee die Moritaten ihres Herrn neveu aus der vergangenen Nacht erzählen.
Plötzlich nach ein paar Wochen ward es mit einem Male ganz ruhig um den jungen schönen Mann aus Frankfurt. Er saß wohl noch bei der Tafelrunde alle Mittage im „Kronprinzen“, aber es war, als habe er nur seine Hände, seinen blauen Frack und seine gelbe Weste dahingesandt und lachte nur in effigie mit, wenn der alte Herr von Goué Unsinn erzählte. In Wirklichkeit lief der Jüngling immer, ob er nun saß, trank oder schlief, um ein kleines Haus in der Stadt herum, das „Deutsche Haus“, in dem die Tochter des Amtmanns Buff als Braut des würdigen Herrn Johann Christian Kestner lebte. Sobald er allein war, konnte er nur „Lotte“, nichts als „Lotte!“ flüstern, ihr Schattenbild trug er immerfort in der linken Brusttasche über seinem Herzen, und nachts hing er es an die Wand über sein Bett, damit er es beim ersten Augenaufschlagen sehen könnte. Kestner, der Bräutigam, dem er sich anvertraute, konnte es gar nicht fassen, daß man so lieben konnte. Er verstand darunter nur, ein bis zwei Jahre verlobt zu sein, bei Tisch nebeneinander zu sitzen, sich angesichts des Vaters täglich einen Kuß zu versetzen, zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Wollte dieser junge Mensch denn eine neue Art sich zu lieben in Deutschland entdecken? Lotte selber ahnte nicht, was das war, sie glaubte, das Fieber zu bekommen in seiner Nähe, sie konnte ihm nicht gehören und mußte doch immer weinen, wenn sie seiner gedachte, und sie wußte nicht ganz genau, ob sie ihn das einemal, da er sie geküßt, nicht vorher leise wiedergeküßt hatte, ehe sie ihn von sich stieß. Jede Nacht in Wetzlar aber sah den Jüngling nicht mehr wie noch vor wenigen Wochen lachend und jauchzend durch das Städtchen rennen, sondern schaute ihn, mit der Pistole in der Hand zwischen Leben und Tod schwankend von Schatten zu Schatten flüchten, und noch heute glitzern am Abend alle Bäume in Wetzlar von dem Tränentau jenes Unglücklichen, und es ist dann, als ob sein Schmerz noch die ganze Stadt überschatte. Diese gräßliche Unentschiedenheit währte bis zu dem Morgen, da der junge Rechtspraktikant ohne Abschied zu nehmen — Kestner und die Tante waren ganz verwundert darob! — Wetzlar verließ, die Pistole in die Lahn schleuderte und ins Leben weiter seine Straße zog und aus seinen dortigen Abenteuern den Roman „Werthers Leiden“ wob, mit den erschütternden Schlußsätzen, die wie Hammerschläge klingen, mit denen man einen Sarg zunagelt.
Aus diesem jungen Rechtspraktikanten wurde später der Geheime Legationsrat Goethe zu Weimar, der noch viele Lieben und Krankheiten überstehen und alles, was ihm je teuer war, überleben mußte, bis er als Greis als größter Dichter Deutschlands nach Walhalla zu den germanischen Göttern entrückt ward.